Ein interessantes Thema, über das es sich nachzudenken lohnt.
Zumindest mir geht es so, dass ich mit dem Fahrrad verreise, um Abstand vom (Berufs-)Alltag zu gewinnen, neues zu erleben und vielleicht so etwas wie Entspannung zu finden. Und ich vermute, dass dies u. a. die Motivation auch vieler anderer ist, mit dem Rad zu verreisen und nicht die, als Chronist des Weltgeschehens unterwegs zu sein. Das "Dokumentieren" meiner Erlebnisse ist für mich nachrangig. Ich bin weder als Fotoreporter noch als Journalist unterwegs. Natürlich fotografiere ich ein wenig, inzwischen habe ich auch angefangen schriftliche Erlebnisberichte meiner (zugegeben: bescheidenen) Reisen anzufertigen. Und die unschönen Aspekte unserer Welt klammere ich da gewiss nicht aus. Aber wen außer mir und ggf. mitreisender Personen soll das später noch interessieren? Abgesehen davon sehe ich mich, nur weil ich zufällig irgendwo als Radreisender unterwegs bin, nicht in der Pflicht, zu kritischen Themen wie Umweltzerstörung, Armut oder Krieg Stellung zu beziehen. Ich brauche ja nur die Zeitung aufzuschlagen oder die Nachrichten im Fernsehen einzuschalten und werde ohnehin tagtäglich mit diesen Themen konfrontiert.
Im beruflichen Umfeld versuche ich, soweit mir das möglich ist, kleine Dinge zu verbessern. Manchmal gelingt es, oft aber auch nicht. Dabei habe ich mich bei der Berufswahl und beim Antritt meines Studiums durchaus in der Rolle eines Art "Weltverbesserers" gesehen (das mag sich jetzt übertrieben pathetisch lesen, anderen ging es aber damals auch so). Die Ernüchterung folgte sehr bald. Der Handlungs- und Gestaltungsspielraum, den die meisten von uns im Alltag haben, dürfte doch erschreckend gering sein.
Vielleicht bin ich auch nicht der richtige Adressat Deiner Anfrage. Ich veröffentliche Reiseberichte und Fotos weder im Internet noch sonstigen Medien. Deine Ansätze halte ich, wie bereits eingangs erwähnt, für durchaus überlegens- und diskutierenswert. Aber die Rolle des Radreisenden sollten wir dabei nicht überbewerten.
Gruß netbelbo