Hallo moiino!, hallo alle anderen!
In der ganzen Diskussion finde ich über die gesamte Bandbreite Aussagen, die für mich stimmen.
Nur: Wie bekommen wir die teilweise sich widersprechenden Standpunkte zu einem Ganzen zusammen? Ich versuchs einmal aus meinem persönlichen Blickwinkel:
Für meine Eltern war z.B. eine Bergbauernfamilie in Kärnten, bei der wir jahrelang geurlaubt haben, DIE ideale Großfamilie. Welche gigantischen Abgründe sich in dieser Familie unter der Oberfläche befanden, habe ich erst als junger Erwachsener erfahren, die gingen bis an den Rand der (legalisierten) Leibeigenschaft.
2. Beispiel: Der Westen Irlands ist für mich, wenn ich vom Fahrstil der Einheimischen einmal absehe, ein wunderschönes Reiseland mit sehr, sehr sympatischen Einheimischen. Dass nur etwas weiter am Torf dümmster Raubbau getrieben wurde oder noch wird, gehört leider auch dazu.
Usw. Die Beispiele lassen sich endlos ergänzen.
Als Jugendlicher und junger Erwachsener hat mich die Schönfärberei und die gezielte Blindheit "der Gesellschaft" (unter Anführungszeichen, denn wer ist schon "die Gesellschaft"?) mehr als gestört. Jetzt, mit 49, stört sie mich nach wie vor, ich habe nur mit meiner eigenen Familie mehr als ausreichend Gelegenheit und Grund, mich 1.) um meine Familie zu kümmern, damit dort möglichst alle bekommen, was sie brauchen und 2.) es selbst so gut als ich kann, es selbst besser zu machen als die vielen, die ich kritisiere.
Meine Wahrnehmungsfähigkeit hat durch den aktuellen Lebensabschnitt nicht gelitten, nur mein Blickwinkel hat einen neuen Fokus. Ich will nicht mehr die Welt ändern, sondern in meinem Bereich meinen bescheidenen Beitrag leisten, dass sie vielleicht ein klein wenig runder läuft. (Merken wird das außer ein paar wenigen Leuten niemand.) Zu mehr reichen meine Möglichkeiten nicht.
Wenn ich durch ein Land radle, nehme ich genauso wahr wie früher, was für mich passt und was nicht, ärgere mich auch drüber, wenn nicht, aber ich höre viel früher damit auf und freue mich über das, was ich in meinen stressigen Alltag für mich mitnehmen kann. Wenn ich ausgebrannt umkippe, weil ich mich nicht erholt habe, passiert in meinem privaten Bereich viel Mist, für den ich persönlich zuständig bin und der unnötig ist.
Die Welt ist, soweit ich sie selbst erlebe, spannend, langweilig, entsetzlich, grausam, gerecht wie ungerecht, und -wunderschön. Sie ist, falls meine Sichtweise stimmen sollte (sie kann ja genausogut falsch sein!) alles, und zwar zugleich, und das kann noch dazu auf eine einzige Begebenheit auch zutreffen: Ein Vulkanausbruch aus sicherer Entfernung kann wunderschön zu beobachten sein, wer direkt im Gefahrenbereich um sein Leben rennt, empfindet diese Eigenschaft wohl eher nicht so. Das gleiche gilt auch für Zwischenmenschliches.
Wenn wir uns nur mehr für die Wahrnehmung von ein paar Eigenschaften entscheiden (egal, welcher Art), basteln wir uns eine eigene Welt, die mit der wirklichen nicht allzuviel zu tun hat. Für mich die Kunst dabei ist, auf der einen Seite nicht zu verdrängen, und auf der anderen genug Lebensfreude zu entwickeln und zu behalten, um aktiv und mit Freude Positives zu bewirken.
Dieser Betrag hat jetzt etwas vom eigentlichen Thread weg geführt, aber der Unterschied zwischen Leben und Reisen ist für mich nur ein sehr begrenzter. Vielleicht findet der eine oder die andere ja etwas für sich darin.
lg! georg