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#824998 - 05/06/12 09:38 PM Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 2 [Re: peterxtr]
peterxtr
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Vorteilhaft ist, daß ich abends im Betriebsrestaurant einer Mine, die ganz in der Nähe der Grenzstation arbeitet, noch etliche Schokoriegel und Kekspackungen erwerben kann zum Auffüllen der Vorräte (GPS: CASINO MINA). Ansonsten gibt es keinerlei Verpflegungsmöglichkeiten an der Grenzstation. Dieser Verkauf in Casino funktioniert auch nur abends und ist eigentlich für Betriebsangehörige, da hatte ich Glück, daß mich jemand dort eingeführt hat. Öffentliche Geschäfte gibt es nicht an der Grenzstation. Am nächsten Morgen habe ich noch nach Wasser gefragt bei der Mine und hatte nochmal Glück: es war Frühstückszeit und da hat man mir gleich leckere Fladenbrötchen mit Haselnußcreme angeboten, alles sehr willkommen, denn das schont die Vorräte für die Berge. Danach ging es dann weiter auf der Ruta 31, welche für eine Strecke von 20 km ab der Grenzstation asphaltiert ist. Beim Punkt ROSA befindet sich die Abzweigung zur Laguna Santa Rosa, dorthin kehre ich zurück nach der Ojos-Unternehmung. Nach diesen 20 km endet der Asphalt und die Straße wird rauh, teilweise liegen so viel loses Material auf der Straße, daß geschoben werden muß. Bei GPS: RIO LAMA befindet sich eine Steigungsstrecke, die momentan groß ausgebaut wird, es ist beabsichtigt, die gesamte Straße vom Zoll bis nach Argentinien zu asphaltieren. Da gibt es aber noch viel zu tun, es ist erst ein Viertel geschafft. Die Cuesta beim Rio Lama kann größtenteils gefahren werden, bald wird sie asphaltiert sein, die Arbeiten waren im vollen Gange. Beim Asphaltieren wird sparsam gearbeitet, es ist eine dünne Asphaltschicht, welche auch recht anfällig für Schlaglöcher ist. Dafür braucht die Straße auch keinen dichten Verkehr auszuhalten:

Der Rio Lama hat einen schönen Wasserfall und bietet durch den grünen Talgrund interessante Fotogelegenheiten:


Die Cuesta zieht sich bis auf 4365m hinauf. Dann kommen nochmal erholsame 10 km Asphaltstrecke auf der Hochebene. Gezeltet wird abends neben der Straße (GPS: CAMP 25-03AD1). Am nächsten morgen zieht sich dann die Straße auf 4607 m hoch (GPS: ALT4607), recht schwierig zu fahren, denn jetzt liegt wieder viel loses Material auf der Fahrbahn, der Asphalt endete bereits am Vortag bei GPS: Schotter1. Die Straßenverhältnisse sind eben doch ganz anders, als es die Reisewebseite über die Radtour zum Paso San Francisco andeutete. Diese Seite ist ein paar Jahre alt und prophezeit dem Nachahmer eine komplett asphaltierte Straße. Die Arbeiten scheinen aber doch recht langsam voran zu gehen, das wird bestimmt noch 10 Jahre dauern, bis man komplett von der Grenzstation bis nach Argentinien auf Asphalt fährt. Dann wird aber bald das Refugio Murray erreicht. Laut meinem bereits erwähnten Bergführer sei diese Unterkunft abgebrannt. Sie ist jedoch mittlerweile wieder aufgebaut und unverschlossen. Mein Rad konnte ich im Untergeschoß unterbringen und packte dann den Rucksack. Die Gegend ist absolut meschenleer, ich rechnete zunächst damit, allein auf den Berg zu gehen.
Für Nachahmer eine Liste meines Rucksack-Inhalts, von tief unten angefangen bis oben, solche Informationen vermisse ich immer in Bergführern, statt dessen kann man dort dann blumige Beschreibungen der schönen Natur lesen, doch das sehe ich ja selber und brauche dafür keinen Führer: durchsichtige Kartentasche von Ortlieb mit Ausweisen, Geld, Ersatzakku für den Fotoapparat, Schlafsack bis -20 Grad, Biwak-Zelt (das große Kuppelzelt ist viel zu schwer für die Mitnahme im Rucksack), Isomatte Therm-a-Rest 4cm dick, Biwakzelt, Steigeisen, eine Bandschlinge, ein Karabiner, dicke gefütterte Berghose mit Trägern und aufzippbaren Beinen (diese ermöglichen, die Hose über die Schuhe zu ziehen, dadurch viel Zeitersparnis beim Ändern der Bekleidung unterwegs wenn es wärmer/kälter wird), Daunenjacke, dicke Mountain-Equipment Extremfäustlinge, Icebreaker Wollpullover, Icebreaker Wollunterhose, Hardshell-Bergjacke, warme Mütze mit Ohrenschutz, Gletscherbrille, leichtere Fingerhandschuhe, an den Füßen Schalenschuhe mit Wollsocken, 6 Liter Wasser (ein Dromedary Bag und zwei PET-Flaschen) und vor allen Dingen: 6 Packungen Müsli, Milchpulver ca. 300 Gramm, Kekse und Schokoriegel aus dem Casino bei der Grenzstation, Ortlieb-Erste Hilfe Set mit Pflastern und Schere, für den Fall von wunden Füßen, Spirituskocher (ein kleiner Trangia-Brenner mit einem ganz kleinen Topf mit Deckel, dieses kompakte Kochset wird von Esbit angeboten, Bild:

sehr wichtig: Löffel, 10 Mignonzellen, Fotoapparat, GPS, Treckingstöcke von Black Diamond, außen am Rucksack noch ein robuster Plastiksack aus Gewebeplane, solch ein Sack ist sehr nützlich um nachts die Schuhe vor Reif oder Nässe zu schützen, denn man kann ja im Biwaksack nichts unterbringen, weil der sehr eng ist. . Das Wasser und die Nahrung mußte in zwei Ortlieb-Taschen in der Hand mitgenommen werden, weil das Rucksackvolumen nicht ausreichte (trotz großem 70 Liter Rucksack). Nahrung und Wasser nahm ich reichlich mit, weil ich vor hatte, nach dem Ojos del Salado eventuell noch den El Muerto (6488m), den Nachbarberg des Ojos del Salado zu besteigen. Für die Ojos-Besteigung habe ich dann nur 3 Müslipackungen und 2 Liter Wasser mitgenommen.
Wegen der Ortlieb-Taschen in der Hand blieben die Treckingstöcke erstmal hinten am Rucksack angebunden. Am Basislager bleiben dann die Ortlieb-Taschen zurück und die Stöcke können benutzt werden. Zum Biwakzelt noch ein Wort. Ich hatte ein Mountain Equipment Ethereal Bivy mit, mit dem ich aber nicht zufrieden war. Es ist im Prinzip ein Sack aus wasserdichtem Zeltstoff. Am Kopfende sind zwei Stangen drin, um Abstand vom Kopf zu gewinnen. Belüftung erfolgt nur durch Öffnen eines Schlitzes über dem Gesicht, dort ist Netzgewebe angebracht. Sollte es regnen oder schneien, dann wird der Kopf naß. Die Belüftung ist sehr schlecht, das Fußende wird feucht durch die Atemluft und durch die Ausdünstungen des Körpers. Der Schlafsack wird feucht und isoliert nicht mehr gut. Ich habe jetzt jedoch ein viel besseres Biwakzelt von North Face erhalten, dieses ist schon ein Einpersonenzelt, wiegt aber nur etwa 1kg, ist also voll bergtourentauglich. Die Belüftung erfolgt ganz oben am First und unten herum is auch Netzgewebe, so daß die feuchte, warme Luft oben abzieht. Das Zelt habe ich schon unter widrigen Bedingungen (Schneefall, -2 Grad) am Lac Blanc im Elsaß erprobt:

Das sensationelle Gewicht kommt daher, daß es ein einschaliges Zelt ist, also kein getrenntes Außen- und Innenzelt. Ein Tip auch für schnelle Touren mit dem Randonneur, absolut ideal für kürzere Reisen bis 1 Woche, bei längeren Reisen stört dann doch die Enge im Zelt, dafür ist es auch nicht gedacht. Jetzt im Sommer habe ich dazu einen leichten Schlafsack und eine dünne Isomatte, da kann man mit 4 Kilo Ausrüstung(verpackt in einer einzigen Ortlieb-Tasche, in der noch etwas Platz bleibt, so kann man mit 2 Packtaschen Gepäck bequem eine dicke Wochenendtour machen, Lowrider bleibt leer) zelten gehen. Wer da noch ins Hotel geht, ist selber schuld. Das Zelt ist ein Direktimport aus den USA, eine Neuerscheinung, an sich in Deutschland noch nicht am Markt. Erhältlich jedoch beim Direktimporteur riesenstein.de in Heidelberg.

Nach diesem Exkurs über Bergausrüstung (ist ja nicht ganz off-Topic, denn der Zelt-Tip ist für Radfahrer auch interessant) nun zurück zum Berg. Mit gepacktem Rucksack und Schalenschuhen an den Füßen ging ich dann los vom Refugio Murray (GPS: MUBIKE) in Richtung Refugio Atacama (dieses Refugio heißt auf der Landkarte auch Rojas Refugio, GPS: CAMP26-03AD2) . Das ist eine Strecke von etwa 20km, von 4600 auf 5200 m steigend. Es handelt sich dabei um eine Piste, die mit Geländewagen befahrbar ist. Mit dem Fahrrad ginge das zur Not auch noch, der Nutzen ist aber grenzwertig, da viele Schiebepassagen dabei sind. Letzten Endes tut man sich wohl leichter, wenn man das Fahrrad zurückläßt und nur mit Rucksack diesen Weg abläuft. Nach 4 km etwa kam ein Toyota Hilux, gefahren von einem Bergführer. Dieser nahm mich mit bis zum Rojas Refugio, was einen halben gesparten Tag bedeutete, daher nahm ich das Angebot gerne an. Wichtig ist es auch jetzt die Frage der Permits zu besprechen. Man benötigt zwei Permits für den Ojos del Salado. Zum einen eine (kostenlose) Erlaubnis der Zollbehörde (www.difrol.cl), zum anderen benötigt man einen kostenpflichtigen Permit der Privatfirma, welche die Refugios am Ojos del Salado unterhält (www.aventurismo.cl, Kosten: 160 Dollar). Die Erlaubnis der Zollbehörde muß man 20 Tage (oder noch früher) vor der Reise per Internet beantragen, ein Formular steht zum Download bereit (Inicio>Expediciones>Formulario Expediciones). Zum Glück habe ich in Copiapo Bergsteiger getroffen, die mich darauf hingewiesen haben. So konnte ich (etwas umständlich und nervenaufreibend) die Genehmigung auch vor Ort einholen. Am Berg wäre das aber nicht mehr möglich gewesen. Somit bin ich nur knapp einer vergeblichen Anfahrt entgangen. Einfacher ist es auf alle Fälle, dies von zu Hause aus per Internet zu erledigen. Hier verdient der Bergführer von Hermann Kiendler eine klare Rüge. Den Hinweis auf die Zollgenehmigung hat er im Vorwort versteckt. Sehr intelligent. Liest man dann die Beschreibung zum Ojos del Salado bleibt einem der wichtige Hinweis verborgen. Die andere Genehmigung von aventurismo.cl ist gar kein Problem. Die würde ich auf gar keinen Fall im voraus einholen. Wenn man die Dolares dabei hat, kann man das jederzeit beim Bergführer am Basislager bezahlen. Eine Führung ist damit aber nicht automatisch inbegriffen. Die Gebühr gibt erstmal nur das Recht, den Berg zu besteigen und die Refugios zu nutzen. Da die Firma natürlich am Geld interessiert ist, kann man diese Genehmigung unproblematisch vor Ort am Berg bekommen. Bei einem Einkauf im Vorverkauf läuft man höchstens Gefahr, daß etwas dazwischen kommt (Krankheit, Panne…), dann wäre das Geld verloren. Wenn niemand vor Ort ist am Basislager, dann käme man auch kostenlos auf den Berg. Was bei mir nicht der Fall war, denn der Bergführer von aventurismo hatte mich ja aufgegabelt mit seinem Hilux. Darüber war ich aber gar nicht traurig, denn ich hatte nochmal Glück: am nächsten Tag war eine Führung angesetzt, vier andere Bergsteiger aus Polen waren bereits im Mittellager. Es sollte um 3 Uhr in der Dunkelheit losgehen. Ich wäre allein niemals in der Dunkelheit losgegegangen und hätte einen Tag mehr gebraucht (mit Hochlager im Biwaksack), da ich den Berg nicht kenne. Somit also dank Bergführer zwei Reisetage eingespart, das lohnt die Besteigungsgebühr. Durch die kürzere Besteigungsdauer, weniger Nahrungsbedarf, dadurch die Möglichkeit noch den Nachbarberg El Muerto zu besteigen. Also ein gutes Angebot.
Am Rojas Refugio (oder auch Refugio Atacama, das ist dasselbe, Höhe 5243m) kam ich dann also per Auto mit dem Bergführer an. Dort dann Übernachtung, im Biwakzelt, denn es gibt dort nur zwei wenig einladende große halbkugelförmige Gruppenzelte. Die waren zwar leer, aber nicht besonders gemütlich, außerdem war das Wetter sehr gut. Am nächsten Tag gab es noch leckere Marmeladenbrote beim Bergführer, das Biwakzelt, den Kocher, den Biwaksack, die Hälfte vom Wasservorrat und die Hälfte des Essens sowie die Ortliebtaschen blieben unten am Basislager. Mit freien Händen, also Trekkingstöcke in der Hand ging es dann von 5200m auf 5800 m, dort ist das Tejos Refugio, welches komfortable Container bietet, natürlich kein fließendes Wasser (GPS: TEJOS REFUGIO). Bei GPS: RINNSAL könnte man aber Wasser nachfüllen. Mit 5800 m Höhe beansprucht diese Unterkunft den Titel „höchste Berghütte der Welt“:

Der Anstieg vom Refugio Atacama aus ist einfach, es sind lediglich 600 Höhenmeter zu schaffen, noch dazu auf einem Weg, der von guten Geländewagen noch gemeistert werden kann. Daher war ich mittags schon oben am Mittellager, nun mußte bis um 3 Uhr morgens am nächsten Tag gewartet werden, Gelegenheit für Stromproduktion mit der Sistech-CHEPRE Anlage:

Am nächsten morgen ging es dann bei -18 Grad in der Frühe los. Trotz Anstieg bergauf konnte man bei dieser Temperatur „alles“ anziehen: gefütterte Berghose, Daunenjacke, Fäustlinge, Mütze. Für mich war bei der Unternehmung auch neu, daß es das erste Mal war, daß ich einen Berg mit Führer besteige. Das Tempo kam mir langsam vor, das freute mich natürlich, besser als anders herum. Ich vermutete, daß der Führer die Kräfte schonen wollte und argwöhnte noch, daß das dicke Ende noch kommt. Hier ein Bild der Gruppe:

Es gibt auch schon einen Ausblick auf den Nachbarberg El Muerto, den ich auch noch besteigen will:

Die Temperaturen werden angenehmer. Auf 6740 m Höhe ist ein Talkessel mit einem Hochplateau, dort ist erstmal eine halbe Stunde Pause. Denn einer der Polen ist etwas in Hintertreffen geraten und auch der Bergführer ist nicht mehr vorne dabei. Das war eine Überraschung für mich, die Akklimatisation durch die schwere Anfahrt mit dem Anhänger über zwei 4000er Pässe hat also gut gewirkt, ich war da gut trainiert und hatte mit der Höhenluft keine Probleme. Nach der Pause ging es dann an die Bewältigung der letzten 150 Höhenmeter. Hier lief ich zu Hochform auf, obwohl ich selber auch Verschnaufpausen einlegte war ich etwa eine Viertelstunde vor dem Führer oben, was mir eigentlich gar nicht so recht war, da ich an den Kletterstellen, lieber mir die besten Griffe abgeguckt hätte. So mußte ich mir also den Weg selber überlegen und erntete Lob für meine Kondition. Die Rucksäcke haben wir auf dem Plateau liegen lassen, nur Fotoapparat und warme Kleidung am Körper, am Gipfel ist es ja immer lausig kalt im Wind. Es geht durch ein steiniges Couloir nach oben:

Steigeisen sind empfehlenswert. Im oberen Bereich ist eine exponierte Stelle, an der ein großer Block überwunden werden muß, da ich die Bandschlinge im Rucksack zurückgelassen hatte, mußte ich mich auf das angebrachte Fixseil verlassen, also besser die Bandschlinge immer dabei haben in der Jackentasche:

Dann kommt der große Moment, der Gipfel ist erreicht:

Es gibt auch ein Gipfelvideo.
Hier noch ein Bild zusammen mit dem Bergführer Hernan Donoso am Gipfel:

In den Hand halte ich die Trophäe: der Koffer mit dem Gipfelbuch, die Banco de Chile sponsort den Andinismus und stellt auf den wichtigen Gipfeln diese Koffer bereit. Auf dem El Muerto liegt auch einer.
Es zieht etwas Bewölkung auf, aber das Wetter bleibt noch gut. Um 4 Uhr nachmittags etwa sind wir wieder unten am Tejos Refugio. Von dort geht es dann noch weiter zum Refugio Atacama. Um 18 Uhr 30 setzt dort etwas Schneefall ein, ich verkrieche mich daher in dem kuppelförmigen Gruppenzelt, das ich beim Aufstieg verschmäht hatte. Die Bergsteigergruppe hat einen Jeep zur Verfügung und fährt zur Laguna Verde, welche ich am nächsten Tag vom El Muerto aus sehen werde. Alle wünschen mir viel Glück, was ich auch brauchen kann, denn das Wetter muß sich bessern. Es gilt ja auch immer noch der Ausspruch aus dem Berg-Buch, daß eigentlich in dieser Gegend der Wintereinbruch bevorsteht. Am nächsten Tag präsentiert sich aber eine heile Welt, perfektes Fotowetter. Die Sandwüste ist verzaubert durch Schneereste, welche von der Nacht noch liegen geblieben sind, der kleine Bach ist gefroren:

Der Anstieg ist ziemlich beschwerlich, da die Hänge entweder sehr sandig sind, so daß man bei jedem Schritt etwas zurückrutscht, oder aber es sind Blockmeere zu überwinden:

Auf etwa 6000 m Höhe (GPS: CAMP 29-03) mache ich ein Hochlager im Biwaksack, die Stelle ist recht eng und erlaubt nicht, sich großartig umzudrehen beim Schlafen, um nicht den Abhang herunter zu kugeln. Aber ebene Plätze waren dort nicht zu finden.
Es gibt dort oben kleine Gletscher:

und prächtige Ausblicke auf den Ojos del Salado, einen Berg den ich jetzt mit Stolz statt mit Furcht betrachten kann:

Am Gipfel dann der berühmte Koffer der Banco de Chile, im Hintergrund die Laguna Verde, wo der Bergführer Hernan mit dem Rest der Gruppe hingefahren war:

Es gibt auch wieder ein
Gipfelvideo.
Mit Hernan habe ich noch einen guten Deal gemacht. Er muß heute nach Copiapo fahren, denn morgen ist der 31. März und damit Saisonende am Ojos del Salado. Um die Berghütten winterfest zu machen, muß er dort Einkäufe tätigen. Ich habe ihm Geld mitgegeben und damit besorgt er mir in Copiapo im Supermarkt ein „Freßpaket“, unter anderem mit leckerer chilenischer Marmelade, in Verbindung mit weichem Vollkornbrot ein echter Genuß:

Diese Marmeladentüten sind eine echte Problemlösung, die Menge ist gerade richtig für eine Mahlzeit, da hat man keine Probleme mit schweren Gläsern, die brechen oder aufgehen können. Das wäre auch eine Idee für die hiesige Industrie. Auf den Tüten steht „Disfruta la mermelada con trojos de fruta“ =“Genieße die Marmelade mit Fruchtstückchen“, denn es sind Fruchtstücke in der Marmelade enthalten. Disfrutar steht für Genießen.
Vor diesem Genuß steht aber erstmal der Abstieg von 6488m auf 4600 Meter, wo das Refugio Murray steht. Schneefall setzt ein:

Die Situation wird etwas ungemütlich, da in der Ebene noch die 15 km bis zum Refugio Murray zu schaffen sind. Ich gehe ohne Pausen flott weiter, damit der Weg nicht vollkommen verschwindet unter dem Schnee. Doch bald hört der Schneefall auf und ab 4900 m liegt kaum noch etwas. Ich komme erst um Mitternacht an, das versprochene Freßpaket ist da, ein Geschenk des Himmels nach dem langen Tag. Natürlich werden sofort die erste Marmeladenpackung und das erste Trinkjoghurt vertilgt. Am nächsten Morgen bietet sich wieder ein fabelhaftes Bild vom verschneiten Ojos del Salado:

Auf 4600m Höhe liegt überhaupt kein Schnee, die Rückfahrt ist also problemlos. Nach etwa 30 km nehmen mit Straßenarbeiter mit bis zur Grenzstation, wo ich ein zweites Mal übernachte. Den eingesparten Tag kann ich gut gebrauchen. Das nächste Ziel ist der Volcan Copiapo, dieser ist nur über die Laguna Santa Rosa zu erreichen (GPS: Laguna Santa Rosa). Die Straße zweigt ab von der Asphaltstraße beim bereits erwähnten Punkt ROSA. Diese Straße ist eine ziemliche Schmach, da sie stark versandet ist. Dies ist ein Dilemma in Chile, ebene Straßen verlaufen oft in versandeten Hochebenen oder Salaren, dort ist die Erde sandig und es bildet sich keine feste Fahrbahndecke. Sobald die Straße ansteigt jedoch verbessert sich die Festigkeit. Dadurch sind Steigungen leichter zu fahren als ebene Abschnitte, wo sogar oft geschoben werden muß. Man ist schon froh, wenn das Schieben einigermaßen leicht geht, oftmals muß man das Rad regelrecht ziehen, weil sich die Räder so tief in den Sand eingraben. Somit schaffe ich an diesem Tag nur etwas über 40 km Fahrstrecke, Zelten bei CAMP 05-04, noch im Becken des Salar de Maricunga. Am 17.04. ist Rückflug, daher kommt es in den folgenden Tagen darauf an, nach Möglichkeit besser voran zu kommen. Ein Problem hat sich von selbst erledigt: winterliches Wetter ist kein Thema mehr. Der Volcan Copiapo ist der östlichste der Berge in der Gegend und steht deshalb unter dem Einfluß der Küste, das bedeutet: Wärme und Schneefreiheit. Steigeisen sind nicht nötig:

Am nächsten Tag geht es weiter bis an die Basis des Volcan Copiapo. Der Anfahrtsweg führt durch ein kleines Tal mit einem recht üppigen Bach, die Quebrada Rio Villalobos. Der Kontrast zwischen dem grünen Talgrund und den Bergen liefert viele schöne Fotostellen:

Bei der Beschreibung des Anfahrtsweges hat der Andenführer von Kiendler nochmal kräftig gepatzt. Es soll drei Routen geben, es zeigte sich: die Nordroute war in Wirklichkeit gar nicht vorhanden, statt dessen begann die Anfahrt auf der Westroute in der Nähe der Mina Marte. Dort ebenfalls schöne Fotostellen:

In der nahegelegenen Mina Marte wird Gold abgebaut. Im Gegensatz zum verstaatlichten Kupferabbau sieht der chilenische Staat allerdings nichts von den Gold-Einnahmen, abgesehen von Umsatzsteuer. Das gefundene Gold gehört komplett der jeweiligen Bergbaufirma, die es abbaut.
Die Westroute schwenkt dann später in die vom Andenführer so genannte Nordroute ein. Hier hat der Autor wohl aus der Erinnerung geschrieben, oder das ganze in einer Bibliothek recherchiert. Der ganze Führer ist nur bedingt empfehlenswert, im ganzen Buch taucht keine einzige GPS-Koordinate auf, statt dessen viele Hinweise zur Besteigungsgeschichte der Berge. Vor Ort ist der Nutzen des Buches begrenzt. Deshalb lasse ich das Buch auch unten im Basislager, dafür suche ich mir eine etwas abgelegene Schlucht, die von der Straße nicht einsehbar ist. Dort wird das Fahrrad versteckt (GPS: BIKECOP). Kurz danach endet auch die Piste (GPS: ENDE PISTE) und es geht „frei Schnauze“ einfach querfeldein rauf auf den Berg. Bei GPS: COPLAGER auf 5700m Höhe mache ich ein Hochlager, das entspricht 1500 Höhenmetern Tagesleistung, mehr ist auf dieser Höhe kaum drin. Außerdem wurde es um 16 Uhr stark windig und dabei sehr kalt, so daß es ratsam erschien, die Sturmböen lieber im Biwaksack auszusitzen bzw. auszuliegen. Der Volcan Copiapo ist recht anspruchsvoll, sind es doch vom Basislager zum Gipfel 1900 Höhenmeter, fast wie beim Ojos del Salado. Am nächsten Tag erreiche ich dann gegen 11 Uhr den Gipfel (GPS: XCUMBRECOP), siehe Gipfelvideo und Gipfelfoto, ein Koffer der Banco de Chile liegt hier nicht (Geld ist in den Koffern ohnehin nie drin…), der Berg ist auch nicht so bekannt und hat daher die Ehre wohl nicht verdient:

Hier noch ein Detailbild vom Salar de Maricunga:

Der Ojos del Salado präsentiert sich nochmal in voller Größe:

Auf dem Volcan Copiapo gibt es eine Kuriosität, einen Haufen Feuerholz (GPS: INKAFEUERHOLZ), der angeblich von den Inkas dort hochgeschleppt worden ist:

Gegen acht Uhr abends erreiche ich dann wieder das Basislager, wo ich das komfortable Kuppelzelt aufbaue und mich perfekt erholen kann, den „geschafften“ Berg immer im Blick:

Mittlerweile ist der 5. April, es verbleiben noch 11 Tage bis zum Abflug. Als Plan reift heran, zügig nach Copiapo zu fahren (geht alles bergab) und von dort per Bus nach Santiago. Dort gibt es noch die Möglichkeit den Del Plomo (5424m) zu besteigen, allerdings ein Berg mit Fragezeichen, denn in der Region Santiago könnte es möglicherweise schon winterlich zugehen.
Auf dem Weg nach Copiapo wird die Laguna Santa Rosa passiert, welche landschaftlich sehr schön ist. Die Flamingos sind jedoch schon abgezogen in wärmere Gefilde:


Nach der Laguna Santa Rosa ist noch mal ein giftiger Paß zu bewältigen, der Portazuelo de Maricunga, welcher aber größtenteils fahrbar ist, da die Bergstraße einen harten Untergrund bietet. Belohnt wird man mit einer schönen Aussicht auf die Laguna Santa Rosa und die Tres Cruces Berge:

Die folgende Abfahrt ist spektakulär und bietet Ausblicke wie im Film „Lohn der Angst“:





Die Straße bietet zwar festen Untergrund, ist aber dennoch tückisch wegen häufigen Stellen mit losem Material, auch bergab kann wegen des schweren Anhängers nicht schnell gefahren werden, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Mehr als 15 km/h sind keinesfalls drin, oftmals wäre auch das noch zu schnell. Sonst käme nach dem Lohn der Angst eventuell noch ein Ende mit Schrecken.
Hier noch ein absolut wüstentypisches Bild:

Kurz vor La Puerta, dem Ort mit dem kleinen Gasthof, wird eine tief eingeschnitte Schlucht passiert:

In La Puerta gibt es dann eine schmackhafte Gemüsesuppe mit kaltem Cola, ein wohlverdienter Genuß nach der heißen und staubigen Abfahrt. Da es erst 3 Uhr nachmittags ist, kann ich noch auf der nun glatten Straße auf dem selben Weg wie zu Beginn der Ojos-Tour zurück fahren nach Copiapo.
Dort gibt es schmackhafte Opuntia-Früchte:


Sie sind roh essbar, nach dem Abschneiden der Pole bringt man vier Längsschnitte an und kann die Schale abziehen, man sollte die braunen Punkte in der Schale nicht zu innig anfassen, denn dort sind noch kleine Stachel drin. Deshalb die Schale auch keinesfalls verzehren.
Nach einem Ruhetag in Copiapo (Fotos von der Stadt ab dem Bild mit den Opuntia-Früchten im Album sichtbar) geht es per Bus weiter nach Santiago, die Fahrt dauert immerhin von 21 Uhr abends bis 8 Uhr morgens. Da im gebuchten Bus kein Gepäckraum mehr frei ist, werde ich schnell und unkompoliziert auf einen etwas späteren weiteren Bus umgebucht.
In Santiago starte ich gleich in Richtung Valle Nevado, dort befindet sich der del Plomo. Der Aufstieg per Rad ist trotz Asphaltstraße happig, es geht von etwa 500 m Höhe hinauf auf 3000m, dort befinden sich die Hotels des Wintersport-Ortes Valle Nevado.Das Busterminal in Santiago liegt bei GPS: Busairport. Ein wichtiger Punkt in Santiago ist auch GPS: TREKBIKES, dort habe ich mir einen Fahrradkarton für den Samstag reservieren lassen. Ich muß daher am Samstag vormittag wieder in Santiago sein, es verbleiben 5 Tage für den Berg, was recht knapp ist, denn 2 Tage benötigt der Anstieg per Rad, weitere 2 Tage für die Bergtour, verbleibt ein Tag für die Rückkehr. Aus Santiago hinaus wird auf der Avenida Las Condes gefahren, einer vornehmen Wohn- und Geschäftsstraße, die Sitz vieler großer Firmen ist, zum Beispiel von der chilenischen Nestlé-Zentrale, die den Markt für Kekse, Milchpulver, Speiseeis und ähnliche Fertignahrung fest in der Hand hat. Es gibt wohl keinen Lebensmittel-Laden in Chile, der nicht irgendetwas von Nestlé verkauft. Die Avenida Las Condes ist so lang, daß es fünfstellige Hausnummern gibt.
Die Straße windet sich dann weiter hoch in die Cordillera, die Kurven sind numeriert, es gibt über 40 Haarnadelkurven:

Im Wintersport-Ort Valle Nevado grüßt deutsche Technik vor der Kulisse der Hotelbunker:


Die folgende Bergbesteigung hat landschaftlich viel zu bieten. Die Anmarschbeschreibung des Andenführers ist wieder mal unbrauchbar. Ich suche mir selbst einen Weg. Wer es nachmachen will: meinen Rückweg benutzen, siehe Track, der Rückweg ist kräfteschonender als der Hinweg, da habe ich unnötige Umwege gemacht. Am Fuße des Berges übt eine Einheit der Carabineros de Chile, es ist eine Einheit für Spezialoperationen (GOPE-Grupo Operaciones Especiales). Der Vorgesetzte ist begeistert von meinem Vorhaben, nach der Radtour von Santiago aus auch noch den Berg besteigen zu wollen und schenkt mir seine Fleece-Mütze mit der Aufschrift GOPE. Hier das Zeltlager der Carabineros:


Hier nun einige Impressionen von der Landschaft:



Nachmittags kommen Nebel, Schneefall und Sturm auf, so daß ich mich gegen 16 Uhr auf 4600m Höhe im Refugio Agostini verkrieche (GPS: AGOSTINI):

Nun folgt der dritte und letzte Teil!

Edited by peterxtr (05/06/12 09:39 PM)
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Subject Posted by Posted
Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile peterxtr 05/06/12 09:26 PM
Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 2 peterxtr 05/06/12 09:38 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 peterxtr 05/06/12 09:40 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 dcjf 05/06/12 09:53 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 peterxtr 05/06/12 10:04 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 luckyloser 05/07/12 07:56 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 Biketourglobal 05/07/12 07:57 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 Jim Knopf 05/07/12 10:02 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 ro-77654 05/07/12 10:22 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 peterxtr 05/08/12 09:50 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 Martina 05/08/12 11:50 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 peterxtr 05/10/12 10:02 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 veloträumer 05/10/12 12:40 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 sebo 05/07/12 10:29 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 trike-biker 05/07/12 11:33 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 Hansflo 05/10/12 10:29 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 3 natash 05/11/12 07:41 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 2 ro-77654 05/07/12 10:59 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 2 peterxtr 05/08/12 09:40 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 2 ro-77654 05/08/12 05:51 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile, Teil 2 veloträumer 05/07/12 11:33 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile joeyyy 05/07/12 11:43 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile Pinslot 05/07/12 07:32 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile peterxtr 05/08/12 09:32 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile Machinist 05/10/12 11:20 AM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile peterxtr 05/10/12 08:03 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile Machinist 05/10/12 08:55 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile peterxtr 05/20/12 07:16 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile peterxtr 05/20/12 07:21 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile Stocki 05/11/12 11:16 PM
Re: Heavyweight oder: Bergsteigen in Chile eld0n 05/12/12 10:35 AM
www.bikefreaks.de