Hallo zusammen,
dass Tubeless der aktuellste Fahrradindustrie-Hype ist, sollte ja jedem aufgefallen sein. Selbst im konservativen Trekkingsegment gibt es nun schon einige spezifische Reifenmodelle. Im Rennrad-Bereich nimmt es Fahrt auf und bei Gravelbikes und MTBs ist es mehr oder weniger schon Standard.
Ich persönlich fahre alle meine Räder altmodisch mit Schlauch und sehe auch (noch) keinen Grund zu wechseln, auch wenn nur die wenigsten, die tatsächlich auf Tubeless gewechselt sind, diesen Schritt bereuen.
Aber darum geht es mir gerade nicht. Sondern eher um die Frage, ob einige der beworbenen Vorteile tatsächlich da sind, zumindest in ihrer Größenordnung. Mich würde eure Meinung dazu interessieren:
1) niedriger Druck möglich, da keine Snake Bites.
Wenn ich am MTB mit 1,8 bar und Schlauch einen Snake Bite erleide, hatte die Felge harten Kontakt und den Schlauch durchgestanzt. Wenn ich nun tubeless auf 1,5 bar ohne Reifenpanne runtergehen kann, klingt das ja erstmal gut. Aber gleichzeitig müsste meine Felge doch viel mehr leiden, da sie in noch häufigeren Situationen harten Bodenkontakt bekommt.
Außerdem fehlt da ja auch der Schlauch, der beim Kontakt etwas wegdämpfen könnte.
Gerade bei modernen MTB-Felgen, die trotz 25mm Maulweite und mehr teilweise unter 400g wiegen, stelle ich mir das nicht so haltbar vor. D.h. dem Reifen ist es egal mit sehr geringem Druck gefahren zu werden, aber die Felge muss mehr und härtere Schläge einstecken. Und hier wäre ein Schaden ja auch teurer und aufwändiger zu ersetzen.
Um dem entgegenzuwirken kann man Schutzeinlagen (Cushcore) verwenden, aber die wiegen um die 250g pro Rad, sind unverschämt teuer, fummelig zu montieren und ich bin mir nicht sicher, ob sie dem Reifen Luftvolumen klauen, was wiederum zu weniger Komfort führt.
2) Gewicht:
klar, der Schlauch wird eingespart. Allerdings sind schlauch-spezifische Reifen (z.B. Conti RaceSport) deutlich leichter als ihre TLR-Kollegen, da letztere eine besser abdichtende Schicht an den recht dünnen Seitenwänden benötigen. Außerdem wiegen Tubeless-Ventil und die Milch ja auch etwas. Und bei manchen MTBs müssen hier >100 ml rein. Hinzu kommt, dass die Milch irgendwann getrocknet ist und dann muss nachgefüllt werden, wenn man sich nicht die Mühe des aufwändigen Herauswischens und Neubefüllens machen will. Unterm Strich dürfte der Gewichtsvorteil beim MTB marginal sein.
3) Analog zur Scheibenbremse: bei Autos und Motorrädern ist es auch seit Jahrzehnten Standard. Dieses Argument ist in meinen Augen keines, denn das Fahrrad ist noch nie direkt mit den motorisierten Varianten vergleichbar gewesen. Gerade was die Quote Nutzlast zu Eigengewicht und den hohen Wirkungsgrad angeht, spielt es in einer anderen Liga.
Auto- und Motorradreifen müssen wegen des Seitenhalts, der hohen Geschwindigkeiten und Traglasten so extrem robust dimensioniert werden, dass hier die Dichtigkeit keine große Rolle mehr spielt. Fahrradreifen müssen für den Komfort, das Gesamtgewicht und den Rollwiderstand so fein sein, dass hier mit einer begrenzt haltbaren Dichtmilch nachgeholfen werden muss. Und trotzdem sind die Tubeless-Reifen nicht so dicht wie Butyl-Schläuche und müssen daher oft nachgepumpt werden. In manchen Fällen sogar so oft wie bei Latex-Schläuchen.
Ich möchte nicht gegen Tubeless wettern und jeder, der das gerne fährt, soll das auch weiterhin tun. Ich stelle mir nur die Frage, ob die 3 genannten Argumente tatsächlich so ihre Gültigkeit haben und bin, wie gesagt, auf eure Einschätzungen gespannt. Danke schon mal und viele Grüße!