Vielen Dank für den bisherigen Zuspruch

Und weiter geht's mit den Tagen 6 bis 9 ...
6.Tag Nach Haaksbergen (NL): Über den Rhein nach Overijssel- Dienstag: 4.6.
- Tacho: 136 km
- Höhe: 219 m
- Sattelzeit: 7:52 Std.
- Schnitt: 17,4 km/h
- Übernachtung: 12,50€
Ich schlafe wie tot und ohne zu frieren. Am Morgen ist es 8°C 'warm', immer noch bedeckt und windig. Um 6 Uhr bin ich wieder unterwegs und biege in Velden sofort nach Osten Richtung Deutschland ab. Ich weiß ja, dass ich hier in Holland nichts zum Frühstücken erwarten kann.
Deutschland liegt auch fast um die Ecke, und im nächsten größeren Ort Straelen finde ich in der Ortsmitte sofort eine offene Bäckerei. Nach dem Schund gestern Abend gibt’s jetzt Kaffee und zwei frisch belegte Brötchen, lecker. Kaum bin ich wieder am Rad, lasse ich die Jacke schon in der Packtasche verschwinden. Es verspricht heute etwas angenehmere Temperaturen als gestern.
Ich nehme den Radweg an der B58 Richtung Nordost nach Geldern. Dabei kann ich auch mal wieder Strecke machen, obwohl der stramme Nordwind mir weiterhin entgegen bläst und immer noch heftig bremst. Kurz vor 8 Uhr fahre ich in Geldern über den Marktplatz. Es werden gerade Stände aufgebaut und an einem mit Obst erstehe ich zwei Äpfel und, endlich, ein Pfund frische Erdbeeren. Mann, sind die lecker. Die sind zwar nur aus einem Gewächshaus, wie mir die Verkäuferin bedauernd erklärt, aber viel besser als die alten importierten Erdbeeren. Für Freilanderdbeeren war die Witterung der letzten Wochen einfach zu kalt.
Die B58 biegt in Geldern nach Osten ab, ich folge ihr auf einem Radweg, der leider ab und an die Straßenseite wechselt, was bei dem Verkehr etwas erhöhte Aufmerksamkeit fordert. Auch sind jetzt noch diverse Schüler auf Rädern unterwegs … Nach Osten heißt jetzt Wind von links und damit ist zumindest das nicht mehr so schlimm. Allerdings gibt’s hier einen 'Höhenzug', der immerhin auf fast 50mNN aufragt. Ich muss sogar gut hinauf strampeln, um es dann wieder steil in den Ort Alpen hinunter laufen lassen zu können. Alpen habe ich ja jetzt, aber … wollte ich nicht
in die Alpen?
Hinter Alpen biege ich auf eine Landstraße ab, die Bundesstraße hat jetzt keinen Radweg mehr und ich will kein Hindernis für die vielen LKW sein. Die Landstraße führt mich direkt an den Rhein, d.h. eigentlich an den Deich des Rheins zwischen Dinslaken und Wesel. Und jetzt kann ich live die Auswirkungen des Regenwetters am Beispiel des Rheins erleben. Das Wasser hat das Flussbett verlassen und steht bis an den Deichfuß, alle Wiesen auf der inneren Deichseite sind überflutet. Der Rhein ist eine riesige Seenlandschaft. Trotzdem sind immer noch Schiffe unterwegs, also kann es noch nicht so schlimm sein.
Rhein bei Wesel
Rheinbrücke WeselIch staune immer noch über die Wassermassen, da kommen schon die ersten Reiseradler an, das sind die ersten, seit ich vor 4 Tagen die Gruppe E-Biker aus der Schweiz getroffen habe. Aber anscheinend gibt’s hier so viele Reiseradler, dass sie kein Interesse an einem kurzen Plausch zeigen.
Ich fahre auf dem Deich Rhein abwärts bis Wesel und nehme dann die Brücke auf die Ostseite. Hier mündet die Lippe in den Rhein und auch sie führt unglaublich viel Wasser mit sich. Es ist 10 Uhr und ich fahre auf der Suche nach etwas Essbarem in die Innenstadt. Zum Mittagessen ist es eigentlich noch zu früh und keine Bäckerei ist ansprechend genug, also wird mal nix gefuttert.
Ich beschließe, meine vorgeplante Route, die jetzt an der Lippe ostwärts führen sollte, nicht zu fahren. Nach den Berichten von daheim und allem, was man so in der Presse erkennen kann, haben auch die Flüsse im Osten Deutschland das schlimmste Hochwasser seit Aufzeichnungsbeginn, an vielen Orten schlimmer als 2002. Das Wasser könnte vielleicht fort sein, bis ich in zwei bis drei Tagen am Harz vorbei weiter nach Osten fahren würde, allerdings werden die Schäden mit Sicherheit nicht beseitigt sein. Das ist mit doch zu unsicher. Und weil es im Nordwesten Deutschlands trocken war, sollte es dort auch gut zu radeln sein. Mit meinem Bruder war ich ja schon 2000 in Ostfriesland, das hat uns damals sehr gut gefallen. Also bleibe ich bei meiner bisherigen Richtung Nord. Damit sind zwar meine Wegepunkte umsonst, aber ein Navi kann man auch ohne Vorplanung sehr gut nutzen.
Und weil ich auf dem Marktplatz etwas länger stehen bleibe und recht unentschlossen wirke, kommt ein einheimischer Radler extra zu mir gefahren und quetscht mich mit den normalen Fragen aus. Zunächst das Woher und Wohin, dann erzählt er mir von seinen Touren mit seiner Frau durch Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Er gibt er mir den Tipp, weiter am Rhein abwärts zu fahren. Ich fahre also zunächst wieder an den Fluss und am Hafen entlang nach Norden. Am Rheinufer zu fahren ist mir dann aber doch zu unsicher, weil das Wasser auch den Radweg überflutet haben könnte. Ich sehe ein Schild nach Hamminkeln auf der B473, und weil es meine Hauptrichtung ist und es auch einen Radweg gibt, biege ich halt ab und verlasse den Rhein.
Wie heißt der Bürgermeister ...In Hamminkeln biege ich von der B473 ab und fahre vorbei am Schloss Ringenberg nach Dingden. Inzwischen ist es 11:30 Uhr und ich finde eine große Bäckerei mit Café und esse ein Schnitzelbrötchen. Punkt 12 Uhr verlasse ich die Bäckerei und gehe zu meinem Rad. Aber was ist denn jetzt passiert? Gerade war es doch noch stark bewölkt und recht kühl. Und jetzt ist plötzlich der Sommer ausgebrochen! Die Sonne brettert von einem wolkenlosen blauen Himmel, dass es eine Freude ist. Augenblicklich werden die langen Klamotten ausgezogen und ich kann in kurz weiterfahren.
Der Weg führt durch eine wunderschone Heide- und Wiesenlandschaft und bei diesem unfassbar schönen Wetter (bis auf den Gegenwind) ist es einfach ein Genuss, hier zu radeln. Bald bin ich in Rhede. Jetzt suche ich mir auf dem Navi und der Karte kleine Sträßchen und Wirtschaftswege Richtung Burlo, bin aber plötzlich an einem Weg, der direkt zur holländischen Grenze führt. Den nehme ich halt und bin gleich darauf wieder in den Niederlanden. Und kaum bin ich hier, nimmt die Anzahl der Radler extrem zu. Waren in Deutschland wirklich absolut keine Radler unterwegs, wimmelt es hier gewissermaßen von ihnen. Dieser Unterschied ist einfach frappierend.
Auch hier ist die Landschaft einfach toll, es gibt viele schöne Holländische Häuschen, leider sind zu viele „to koop“, also zu verkaufen. Ich fahre auf kleinen, praktisch unbenutzten Sträßchen zwischen Oeding und Winterswijk hindurch und mache dann eine kleine Schleife nach Westen, damit ich nicht wieder zurück nach Deutschland komme.
Schon lange locken Schilder die Radler zu einem Eisverkauf, so übersetze ich es jedenfalls. An einem Bauernhof wird dann Eis aus eigener Herstellung angeboten. Es befindet sich in einem kleinen Brunnen und ein einheimischer Radler erklärt mir das Prozedere: erst bezahlen, dann den Deckel vom Brunnenkopf anheben und einen Becher mit der gewünschten Eissorte herausnehmen und den Deckel schnell wieder schließen. Das Eis schmeckt lecker. Neben dem Eisbrunnen gibt’s noch ein Aufenthalts-Häuschen und einen Stall mit vielen Rindviechern.
Ich nutze die Pause, um das Tagesziel für heute zu suchen. Hinter Haaksbergen, kurz vor Enschede, soll es vier Campingplätze geben. Ich wähle den nächsten im Navi als Ziel und lasse mich dorthin navigieren. Vreden auf der Deutschen Seite lasse ich rechts liegen, dann geht’s nach Eibergen und auf der N18 nach Haaksbergen. Selbst in Holländischen Kleinstädten gibt’s um diese Uhrzeit, es ist etwa 16:30 Uhr, einen Berufsverkehr, also verlasse ich die N18 und fahre lieber auf einer kleinen Straße zum ersten der vier Campingplätze, dem Camping Twente. Hier gibt’s ein Lokal, also bleibe ich.
Nach dem Bezahlen erfahre ich, dass im Restaurant von 19 bis 20 Uhr Pause gemacht wird, da machen die einfach zu. Seltsame Sitten hier, also beeile ich mich mit dem Aufbauen und Duschen. Mein Platz ist am Schwimmbecken, das ist zwar nur halb gefüllt, und zwar mit abgestandenem Wasser, aber auf der anderen Seite des Beckens feiern mehrere Dutzend frisch gebackener Abiturienten und –tinnen aus Osnabrück das 'Abi Zelten'. Und natürliches ist es einigen von ihnen egal, ob das Wasser im Becken Badequalität hat, oder einfach zu kalt ist, es geht hinein. Und Musik hat man dort auch, das kann heute Nacht mal wieder etwas lauter werden. Aber wer, wie ich am Samstag, eine Großfamilie aus Duisburg in 5m Entfernung überlebt hat, kann diese Jugendlichen in 50m Entfernung auch verkraften.
Ich gehe rechtzeitig Essen und kann Handy und Foto-Akkus an einer Ladestation für E-Bikes aufladen. Da haben diese Dinger auch für mich mal einen Vorteil. Während der Pause kann ich draußen sitzen bleiben, mache dann noch einen kleinen Spaziergang und entdecke ein tolles altes Haus in völlig fremdartigem Stil, irgendwie Norwegisch, oder eher Wikingerisch, jedenfalls ausgesprochen interessant.
Die Jugend gegenüber des Schwimmbeckens verhält sich eigentlich unauffällig. Während ich im Schlafsack liege und versuche, einzuschlafen, läuft zwar mal eine Gruppe diskutierend am Zelt vorbei, aber damit hat es sich schon.
7.Tag Nach Dörpen: Kanäle und Ems- Mittwoch: 5.6.
- Tacho: 137 km
- Höhe: 135 m
- Sattelzeit: 7:49 Std.
- Schnitt: 17,4 km/h
- Übernachtung: 9,00€
Gegen 5 Uhr bin ich wie immer wach. Heute habe ich Geburtstag. Meine Frau hat mir schon Daheim etwas eingepackt und jetzt kann ich es endlich auspacken: eine Tüte Studentenfutter und etwas Süßes als Überlebensration, sowie eine Karte für das Udo Lindenberg-Musical 'Hinterm Horizont' in Berlin, zufällig an unserem Hochzeitstags-Wochenende, wo wir sowieso schon in Berlin sind. Super, das gibt ein tolles Wochenende…
So, nun muss ich mich aber beeilen, nach Deutschland zu kommen. Wenn die lieben Freunde und Kollegen anfangen, mich anzurufen, will ich keine Auslandsgebühr bezahlen. Also wird sich schnell gewaschen, rasieren geht eh nicht, da im Waschraum schon wieder kein warmes Wasser vorhanden ist. Ich sehe inzwischen mit meinem Dreitagebart aus wie ausgewandert, der steht mir überhaupt nicht. Manchen Passanten kann man das an ihren Blicken auch schon ansehen.
Also suche ich den schnellsten Weg nach Deutschland, auch schon wegen des morgendlichen Hungers. Ich fahre also schnell die paar Meter zur N18, nicht ohne ein Foto von diesem fremdartigen Haus zu machen. Und weil ich nicht weiß, wann es etwas zum Frühstücken gibt und ich ja jetzt Studentenfutter habe, futtere ich die Reste der Nüsse, die ich vorgestern beim Mittagessen gekauft hatte.
Stilvolles Haus bei HaaksbergenKurz vor Enschede, es ist erst Viertel vor Sieben, ist es bereits so warm, dass ich die lange Hose und den Pulli ausziehen kann. Dann muss ich die N18 verlassen, es gibt keinen Radweg mehr, und muss durch Enschede. Aber hier ist das Radfahren überhaupt kein Problem. In der Innenstadt wird heftig gebaut, der Verkehr muss großräumig umgeleitet werden, und für Radler gibt’s eine Spezialumleitung, super. Im Enscheder Stadtteil Roombeek, nördlich des Stadtzentrums, explodierte im Mai 2000 eine Fabrik mit Feuerwerkskörpern und zerstörte ca. 42ha Stadtgebiet, 23 Menschen kamen dabei ums Leben. Bei der Durchfahrt wusste ich zwar, dass da vor einiger Zeit ein verheerendes Unglück passiert war, wusste aber nicht, was. Ich konnte aber auch keine Zeichen davon mehr erkennen.
Ich verlasse Enschede auf einer weniger befahrenen Straße, natürlich mit großzügigem Radweg versehen und erkenne sofort, wo Deutschland beginnt, nämlich genau dort, wo der Radweg verschwindet und nur noch ein Rumpelacker als Weg für Fahrräder vorhanden ist. Oh Mann, Deutschland Autoland lässt grüßen.
In Gronau, der ersten Stadt in Deutschland, finde ich bald, so gegen 7:30 Uhr, ein Café. Mir ist zwar noch schlecht von der riesigen Portion Nüssen, aber ich esse trotzdem zu meinem Kaffee ein belegtes Brötchen. Als ich vom Klo komme, sehe ich, dass jemand angerufen hat, die Nummer kenne ich nicht. Ich rufe zurück, es war Kollege Thomas, bei dem ich vor zwei Jahren auf dem Rückweg von den Dolomiten übernachten durfte. Dann kommt gleich der nächste Anruf, der nächste Kollege wünscht alle Gute und will wissen, wie ich die Regenfluten überlebt habe. Es weiß ja keiner meiner Kollegen von der Routenänderung, also kann er den anderen davon berichten.
Dann geht’s weiter, aus Gronau hinaus auf einer Landstraße mit Radweg Richtung Nordosten. Am Dreiländersee (Holland – Nordrhein Westfalen – Niedersachsen) erreiche ich das nächste Bundesland Niedersachsen. Der Telefonanbieter auf meinem Handy will einfach nicht auf die Deutsche Telekom wechseln, deshalb biege ich kurz darauf, der Radweg ist jetzt übrigens auch obsolet, Richtung Bad Bentheim ab.
Die Gegend hier ist einfach wunderschön, saftige Wiesen wechseln mit wundervoller Heidelandschaft ab. Vor Bad Bentheim muss ich allerdings noch ein paar Höhenmeter nach Gildehaus absolvieren. Und genau auf der Steigung kommt eine SMS von den nächsten Kollegen, die muss ich natürlich sofort beantworten. In Gildehaus biege ich wieder nach Norden ab, auf einem schattigen Weg durch einen Park mache ich kurz Pause, um mich mit Sonnenöl einzuschmieren. Es ist inzwischen nämlich schon ziemlich warm und die Sonne brettert nicht schlecht. Da ruft dann auch meine Frau an, eine SMS aus Bebra kommt, ich bin also mehr mit Kommunizieren beschäftigt, als mit radeln.
Aber dann ist auch das erledigt und ich kann weiterfahren. Die Landschaft bleibt toll, auf einsamen Wirtschaftswegen geht’s an diversen Naturschutzgebieten entlang. Das Wetter ist einfach klasse, zwar scheint die Sonne ungehindert, aber es ist nicht zu heiß durch den immer noch spürbaren Nordwind.
Nach etwa anderthalb Stunden komme ich nach Nordhorn. Ich finde einen Weg am Nordhorn-Almelo-Kanal und bin bald am Hafen. Hier ruft meine jüngste Tochter an und ich schwärme ihr von den schönen Museumsschiffen vor, die hier zu besichtigen sind.
Ich finde einen schönen Weg aus Nordhorn heraus zum Süd-Nord-Kanal. Der Treidelweg am Kanal ist durch alleeartige Baumreihen sowohl vor dem Wind als auch vor der Sonne geschützt. Ich folge dem Kanal mehr als 40km, immer stracks nach Norden. Nach knapp der Hälfte mache ich in Georgsdorf zunächst Mittag. Ich finde in einem Tante-Emma-Laden zwar nur ein Wurstbrötchen mit Cola, aber das reicht völlig. Im nächsten Ort Twist, sehe ich später, hätte es sogar einen Imbiss gegeben.
Hinter Georgsdorf muss ich auf die Straße, vorbei ist’s mit dem schönen alleeartigen Weg am Kanal, aber zunächst gibt’s wenigstens einen Radweg. Das ist zumindest die schnellste Möglichkeit, in meine Richtung zu fahren, nach Norden, zur Nordsee, weil immer nur kerzengerade.
Nach anderthalb Stunden, es ist bereits 13:30 Uhr, biege ich dann nach Osten ab Richtung Haren an der Ems. Dabei komme ich am Dankernsee vorbei. Hier gibt’s einen riesigen Freizeitpark mit Freibad und Wasserski, und am Café am See mache ich dann auch die nächste verdiente Pause bei Kaffee und Kuchen.
Beim Weiterfahren will ich den Weg abkürzen, aber der 'Freizeitpark Schloss Dankern' ist auf dem Navi nicht als solcher zu erkennen, die eingezeichneten Wege sind für Durchreisende gesperrt. Also muss ich den normalen 'Um-Weg' bis in die Innenstadt von Haren machen. In Haren ist man dann allerdings der Ansicht, dass Radfahrer die Innenstadt zu meiden haben, jedenfalls schickt die Radweg-Beschilderung den geneigten Radfahrer um die gesamte Innenstadt herum zum Hafen und von dort in einem riesigen Bogen wieder zurück an die Ausfallstraße. Dabei kann ich zwar den alten Hafen erkunden und im neuen Hafen bewundern, wie ein Frachtschiff auf dem Trockendock aussieht, aber eigentlich wollte ich keine 5km Umweg fahren. Na gut, so ist das halt in Deutschland, jedenfalls geht’s jetzt an der Ems weiter.
Trockendock in HarenAuch an der Ems gibt es Naturschutzgebiete, und an einem Vogelbeobachtungsturm in der Nähe der Hilter Schleuse gibt’s auch mal ein Foto von mir, ein Rentnerpärchen tut mir diesen Gefallen. An einem weiteren Fotostopp an der Brücke über den Dortmund-Ems-Kanal wird auch das Tagesziel ausgesucht. In Dörpen soll es einen Campingplatz geben, der wird als Ziel bestimmt. Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass ich 2000 mit meinem Bruder an Dörpen schon mal vorbeigefahren bin, damals sind wir auf der B70 nach Norden gerast und haben hier kurz die Transrapid-Strecke besichtigt.
Zunächst geht’s aber erst mal durch Lathen, dann immer am Dortmund-Ems-Kanal nordwärts. Gegen 16:30 Uhr fahre ich dann nach Dörpen hinein. Auf der Suche nach einer Essensgelegenheit für heute Abend mache ich aber erst noch einen kleinen Abstecher zum Marktplatz. Es gibt hier einige Lokale, also nicht so eine Pleite wie in den letzten zwei Tagen in Holland.
Der Campingplatz allerdings, er liegt am westlichen Ortsrand, scheint eine alte Wohnwagen-Kolonie zu sein, es gibt aber immerhin einen kleinen Platz zum Aufbauen von Zelten, es darf aber nicht noch ein Camper kommen, das wird zu eng. Am Platz wurde vor kurzem der Rasen gemäht und es liegen noch die Reste vom Schnitt herum. Leider meinen viele Campingplatzbetreiber, dass ein Zeltrasen kurz geschnitten sein muss, was ja nicht verkehrt ist. Wenn allerdings der Schnitt liegen bleibt, versaut man sich das Zelt beim Abbauen, weil der ganze Mist an der Zeltwand hängen bleibt. Also leihe ich mir von einem Wohnwagen-Nachbarn einen Rechen und säubere meinen Platz weitgehend vom Schnitt.
Dann kann ich endlich das Zelt aufbauen. Währenddessen ruft Opa an, er hat schon von meiner neuen Route gehört und beglückwünscht mich zu diesem Entschluss. Jede andere Gegend in Deutschland wäre wettertechnisch eine Katastrophe geworden.
Dann geht’s zum Duschen. Und hier werde ich total überrascht, das hätte ich auf diesem Gelände nicht erwartet. Die Waschräume sind nämlich nagelneu und pikobello sauber und endlich kann ich mich wieder rasieren.
Zum Essen finde ich auf dem Weg ins Zentrum einen Griechen, das ist ja gar nicht so weit wie befürchtet. Auch finde ich einen Platz auf der Terrasse, da brauche ich keine Angst zu haben, dass die vielen Telefonate, die jetzt bestimmt kommen werden, die anderen Gäste stören.
So, jetzt aber erst mal in Bebra anrufen und klar machen, ob meine Frau und ich am nächstes Wochenende kommen können. Das wäre mein letzter Reisetag und die Abschlussetappe nach Hause, die bin ich schon so oft gefahren… Dann rufe ich zu Hause an und wir besprechen das Bebra-Wochenende. Kaum habe ich das Essen bestellt, ruft mich mein Bruder an und lädt mich nach Hamburg ein, um den dreißigsten Geburtstag seines Ältesten am kommenden Samstag mitzufeiern. Das soll eine Überraschung werden, finde ich toll. Ich überlege, ob ich das schaffen kann, die Entscheidung hebe ich bis morgen auf.
Während ich esse, kommt eine SMS von einer Kollegin, also hat auch sie an mich gedacht, wie schön. Mit der Antwort warte ich aber, bis ich fertig gegessen habe. Kaum habe ich die Antwort umständlich geSMSt, da rufen auch schon die besten Freunde an. Die anderen Gäste, zum Glück sind es nicht viele, denken sich bestimmt ihren Teil. Waren das jetzt alle Anrufer? Mit dem Berichtschreiben bin ich erst fertig, als schon alle anderen Gäste gegangen sind.
Ich mache mich nach dem Bezahlen auf den Weg weiter ins Zentrum und suche eine Frühstücksmöglichkeit für Morgen. Ein Bäcker hat bereits um 5:30 Uhr auf, aber keine Tische zum Sitzen. Mal sehen, was ich morgen machen werde. Ich finde auch noch eine Eisdiele, drei Kugeln Milcheis gehen immer. Beim Verlassen der Eisdiele ruft mein Sohn an, vor Schreck fällt mir fast die Waffel mit den Kugeln aus der Hand. Und kaum sind wir fertig, ist die älteste Tochter an der Reihe, sie hat auf der Arbeit ein paar Minuten abzwacken können. Das waren doch jetzt alle, oder?
Ich schlendere zurück zum Campingplatz und halte noch ein kurzes Schwätzchen mit einem Camping-Nachbarn. Das muss ich allerdings abbrechen, als das Handy wieder klingelt. Wer fehlt denn noch? Die fehlenden Freunde sind dran, last but not least. Dann geht’s in die Koje und das Handy muss an einer außen liegenden Steckdose am alten Waschhaus direkt neben meinem Zelt geladen werden.
8.Tag Nach Moorwarfen bei Jever: Zur Küste- Donnerstag: 6.6.
- Tacho: 148 km
- Höhe: 128 m
- Sattelzeit: 8:02 Std.
- Schnitt: 18,4 km/h
- Übernachtung: 9,70€
Gegen 6 Uhr ist wieder alles verpackt, mit 9°C ist es relativ mild und ich entscheide mich, nur mit Pulli und ohne Jacke zu fahren. Auch fahre ich nicht nochmal nach Dörpen hinein, auf der Strecke wird es genug Bäckereien geben.
Die Straße führt nach Westen und kurz darauf überquere ich die Ems, morgendliche Nebelschwaden machen die Landschaft interessanter als ohne. Hinter der Brücke biege ich gleich wieder ab in Richtung Norden, der Küste entgegen. Bereits im nächsten Ort Heede liegt Flints Backstube direkt an der Straße und lädt mich zu einem Frühstück ein. Irgendwie habe ich mich jetzt daran gewöhnt, morgens Brötchen zu essen, keine Plunderstückchen, also lasse ich mir zwei Brötchen frisch mit Salami und Schinken belegen. Die Bäckerin erzählt, dass hier sonntags die Hölle los ist, viele Holländer kommen über die nahe Grenze, haben wohl inzwischen den Geschmack an Deutschem Backwerk gefunden und kaufen den Laden leer.
Weiter geht’s Ems abwärts. Links von mir soll es laut Karte jetzt einen Höhenzug geben, die 'Borsumer Berge', ganze 14m hoch. Hier ist das schon erwähnenswert.
Hinter Rhede geht’s am Deich weiter. Natürlich gibt’s hier Schafsgatter, aber sie sind so konstruiert, dass sie sich gut umfahren lassen. Ich muss nur kurz abbremsen und kann ohne den Fuß abzusetzen weiterfahren. Noch vor 8 Uhr ziehe ich die langen Klamotten aus, wer hätte noch am Sonntag gedacht, dass es so schön warm wird.
Schafsgatter an der EmsDer Wind hat jetzt auf Nordost gedreht, kommt also immer noch weitestgehend von vorne, aber ich kann trotzdem Gas geben. Bei Halte liegt auf der anderen Seite der Ems, leider vom Deich größtenteils verdeckt, die riesige Meyer-Werft. Hier befindet sich das mit 504m Länge weltweit größte überdachte Baudock. Nur die Dächer der langen Hallen sind zu sehen, geben aber trotzdem einen Eindruck von der Größe der Anlage. Hier werden viele Kreuzfahrtschiffe gebaut und weil auf Kreuzfahrtschiffen auch Theater von großer Bedeutung sind, ist die Meyer-Werft gleichzeitig Deutschlands größter Theaterbauer. Die Meyer-Werft hat mehr und größere Theater mit wechselnden Bühnenbildern und versenkbaren Orchestergräben gebaut als jedes andere Unternehmen.
Weiter geht’s nach Weener, hier bin ich 2009 von meiner Belgien-Holland-Tour kommend, über die Ems Richtung Oldenburg gefahren. Die Brücke, über die ich damals fuhr, muss bei jedem Stapellauf eines großen Schiffs bei der Meyer-Werft ab- und wieder aufgebaut werden. Was für ‘ne Aktion.
Jolle in WeenerHinter Weener beginnt dann der Schafscheiße-Slalom. Leider ist das Zeug auch noch relativ frisch und klebt ganz gut am Rad. In Bingum gönne ich mir dann ein zweites Frühstück in einem Tante-Emma-Laden. Dabei rufe ich meinen Bruder in Hamburg an, es ist 9 Uhr, da ist er doch bestimmt schon wach. Und wirklich, er ist mit seinem Sohn, der übrigens heute Geburtstag hat und 30 Jahre alt wird, und dessen Sohn unterwegs nach Sylt, steht am Bahnhof und wartet auf den Zug. Ich melde mich für Samstag an, das gibt bestimmt eine Überraschung für das Geburtstagskind.
Beim Bezahlen frage ich, ob die Fähre über die Ems in Ditzum regelmäßig fährt. Leider weiß man die Fahrtzeiten nicht und ich lege jetzt einen Zahn mehr zu. Wenn die Fähre zur vollen Stunde fahren sollte, muss ich mich beeilen. Zum Glück macht die Ems jetzt einen Bogen nach Westen und der Nordostwind schiebt noch ein bisschen mit. Die Schafsgatter bremsen mich dann aber doch zu stark aus, so dass ich die letzten 5km bis zur Fähre die Straße benutze.
Um 9:55 Uhr fahre ich im Hafen von Ditzum ein und die Fähre liegt noch dort. Etwa ein Dutzend Radfahrer sind bereits drauf und ich finde gerade noch ein Plätzchen an der Reling, um mein Rad dort anzulehnen. Beim Bezahlen macht der Fährmann Scherze, ob das Navi auch gut befestigt wäre. Letztens sei einem Radler bei einer Welle das Rad umgekippt, das Navi hätte sich gelöst und wäre über Bord gegangen. Aber ich kann ihn beruhigen, alles bickelfest.
Und wirklich, es ist kurz nach 10 Uhr, setzt sich die Fähre in Bewegung. Ohne den Turbogang hätte ich ihr wohl nur nachwinken können. Ich mache ein paar Fotos und stecke die Kamera wieder fort. Natürlich schwimmt genau dann eine Robbe keine 10m am Schiff vorbei, zu spät für ein weiteres Foto. Die anderen Fährgäste, alles Radler, stehen gruppenweise zusammen und haben anscheinend kein Interesse an einen kleinen Plausch mit einem alleine Reisenden.
Die Überfahrt dauert etwa eine Viertelstunde, dann kann ich am Zielhafen Petkum wieder von Bord gehen. Im Ort sehe ich gleich einen Radweg-Hinweis Richtung Aurich. Das hört sich doch gut an, könnte meine Richtung sein, also fahre ich erst mal dem Schild nach. Am Ortsausgang geht’s dann über den Ems-Seitenkanal und eine Bahnlinie, dann bleibe ich stehen und versuche, der Route des Radwegs auf dem Navi zu folgen. Also wird Aurich mein nächstes Ziel.
Wieder klingelt das Handy, geht denn der Telefon-Terror von gestern auch heute noch weiter? Mein liebes Schwesterherz ist dran, sie hatte ich noch gar nicht vermisst. Das gibt dann verspätete Geburtstagsgrüße, auch von ihrer Tochter. Ich gebe ihnen den Tipp, dass ihr Neffe in Hamburg heute 30 wird.
Jetzt muss ich aber weiter, sonst wachse ich noch fest. Zunächst geht’s mal wieder auf Wirtschaftswegen durch die Felder, alles ist flach und die Wege sind gut geteert. Die A31 wird überquert, und kurz vor Riepe, ich biege gerade auf die Landstraße ab, fährt von hinten ein einheimischer Radler zu mir auf. Und weil er auch schon oft mit Gepäck unterwegs war, kommen wir ins Gespräch. Er ist auch schon mit dem Rad über die Alpen, und auch mit Freunden als Wanderer über die Almhütten nach Südtirol. Er gibt mir den Tipp, auf dem Deich des Ems-Jade-Kanals nach Aurich hinein zu fahren und nicht die Landstraße zu benutzen.
Zunächst muss ich aber noch auf der Straße bleiben, und in Westerende steht genau an der Kreuzung, an der ich Richtung Kanal abbiegen soll, eine Imbiss-Metzgerei, wie für mich dort hingestellt. Ich bin anscheinend der erste Gast, klar, wer will schon um 11:30 Uhr zu Mittag essen. Ich bestelle eine Bratwurst mit Pommes, das Mädel hinter der Theke ist recht flott und schon 20 Minuten später geht’s weiter.
Am Kanal kann ich dann dem Tipp meines Mitradlers von Vorhin folgen. Inzwischen haben wir auch locker 25°C erreicht und trotz des Gegenwinds, der hier immer noch weht und mir sogar stärker erscheint als heute Morgen, macht mir jetzt die Wärme zu schaffen. Was hier eindeutig fehlt, ist Schatten.
Ich lande im Hafen von Aurich und folge einfach den weiteren Fahrrad-Wegweisern. Es geht Richtung Innenstadt durch das Gerichtsviertel, ein Landgericht liegt neben dem anderen. Eine Fußgängerzone wird auf einer Art Wall umfahren, dann komme ich an eine große Kreuzung. Ein Radweg nach Wittmund wird ausgeschildert, der führt nach Nordosten aus der Stadt und könnte meine Richtung sein. Also nehme ich erst mal den Radweg neben der B210.
Mein Navi zeigt mir dann einen kleinen Radweg-Abzweig in Sandhorst, und mein Entschluss, dort entlang zu fahren, anstatt auf der Bundesstraße, erweist sich als ein Glückgriff. Ich bin nämlich ohne Absicht auf den wunderschönen Ostfriesland-Wanderweg abgebogen. Auch das ist eine alte Bahnstrecke, die bereits 1969 zu einem Wander- und Radweg umgebaut wurde. Der Untergrund ist zwar mehr recht als schlecht, oft geplättelt und teilweise schlecht geschottert, für meine Federung kein Problem, aber landschaftlich ist die Strecke ein Genuss. Der Weg ist vollständig von Bäumen beschattet, was heute ein Segen ist und auch den Wind etwas abhält, und auch immer mal wieder geht’s durch ein Waldstück. Und einsam ist es.
Ostfriesland-Wanderweg als RadwegNach gut einer Stunde erreiche ich den Ort Esens und habe noch keine Menschenseele gesehen. Hier kann ich in einem Combi-Markt Nachschub einkaufen und mich auf die letzte Etappe bis zur Küste vorbereiten. Denn jetzt wird’s hart. Bei heftigem Gegenwind, hier gibt’s nichts, was ihn abbremsen könnte, kämpfe ich mich die letzten 6km Luftlinie zur Küste vor. Gegen 14:20 Uhr stelle ich mein Rad an einer Bank direkt hinterm Deich bei Ostbense ab und kann endlich etwas verschnaufen. Das war ziemlich heftig.
Ich lasse es mir aber nicht nehmen, mit dem Fotoapparat den Deich zu erklimmen und ein paar Schnappschüsse von der anderen Seite zu machen. Natürlich ist das Meer nicht da, aber auch das Wattenmeer ist ja ein Meer. Ich radle zunächst auf der meerabgewandten Seite des Deichs weiter, der Wind ist einfach zu heftig. Aber weil er aus Nordosten kommt und ich jetzt nach Osten fahre, habe ich nichts gewonnen, der Kampf geht weiter.
Endlich an der KüsteBereits nach 1,5km ist mir das am Deich zu anstrengend. Die nächste Gelegenheit nutze ich, um zur parallel verlaufenden Straße zu fahren, hier habe ich wenigstens die Hoffnung, dass es einfacher geht. Der nächste Ort ist Neuharlingersiel. Ich fahre erst in den Hafen, hier legt der Fährverkehr nach Spiekerooge ab. Ein Foto reicht, dann geht’s weiter. Hinter dem Hafen sehe ich ein Schild zu einer Eisdiele, da kann ich nicht vorbeifahren.
Bei Eis und Cappuccino suche ich das Tagesziel. Der Kampf hier an der Küste ist mir doch zu viel, also suche ich einen Weg, der mich direkter um den Jadebusen führt, als dass ich weiter am Deich bleibe. Nach Hamburg habe ich zwar noch zwei Tage Zeit, ich darf aber nicht zu lange herumtrödeln. Ich hoffe, es heute noch bis Jever zu schaffen. Einige der anderen Gäste im Café schauen manchmal zu mir hin, das fällt mir schon auf, aber erst beim Bezahlen werde ich von den Tischnachbarn angesprochen. Natürlich findet man es unglaublich, dass ich von Frankfurt mit dem Rad bis zur Küste gefahren bin, das hört sich einfach zu unmöglich an („Und alles mit dem Rad?“ „Ja, und dabei hab‘ ich noch einen Umweg über Hunsrück und Eifel gemacht!“). Ich liebe diese erstaunten Blicke.
Zwei Kilometer muss ich mich noch nach Osten kämpfen, dann biege ich gegen 15:30 Uhr nach Süden ab. Wenigsten schiebt der Wind jetzt etwas, aber leider nicht so viel, wie er vorher gebremst hat. In Altfunnixsiel (hier gibt’s ganz dolle Ortsnamen) muss ich mich nochmals 5km nach Osten kämpfen, dann geht’s auf der Landstraße direkt nach Süden. Jetzt schiebt der Wind und selbst ein E-Bike hat keine Chance gegen mich.
Ich stelle den Navi um auf Routing und er führt mich problemlos durch Jever, die Innenstadt wird dabei südlich umgangen. Ich werde natürlich auch auf die richtige Ausfallstraße geroutet, was ohne Navi meist schwieriger ist, als in einen Ort hineinzufahren. Auch den Campingplatz Friesland-Camping an einem Badesee in Moorwarfen finde ich schnell.
An der Rezeption gibt es wieder die Aktion mit dem Schlüssel fürs Duschen und Klo. Aber anscheinend bin ich nicht der Erste, der so frühzeitig wieder aufbricht, ich kann ihn morgen einfach in den Briefkasten neben dem Büro werfen. Ich finde einen sonnigen Platz, das Zelt ist schnell aufgebaut und auch schnell trocken. Auch die Plane kann ich noch von den Resten der gemähten Wiese von heute Morgen befreien.
Dann kommt die allabendliche Statusmeldung nach Hause, anschließend gehe ich zum Essen die anderthalb Kilometer in den Ort. Hier gibt es ein etwas seltsames internationales Lokal und ich esse ein Reisgericht. Zum Berichtschreiben finde ich noch genügend Zeit, aber zum Lesen reicht es nicht mehr. Ich bin der letzte Gast und gehe freiwillig wieder zurück zum Campingplatz.
Hier hat sich inzwischen eine kleine Familie neben mich aufgebaut. Mann, Frau (beide Ende 30, Yuppies der besten Sorte) und Sohn (Timon, knapp 3 Jahre). Das Zelt entspricht nur einem Viertel von meinem, man hat es gerade bei Aldi günstig gekauft, Schlafsack gab‘s wohl auch. Mama und Sohn sollen heute Nacht im Zelt schlafen, Papa will im Auto nächtigen. Und weil man so etwas noch nie gemacht hat, ist auch jede Aktion mit einem erheblichen Geräuschpegel verbunden, schließlich hat man sich keine 10m entfernt von mir aufgebaut.
Gegen 23 Uhr werde ich durch die Alarmanlage des Wagens aufgeschreckt, Papa ist wohl irgendwo drangekommen. Sohn plärrt, Autotüren knallen. Nachts um 3 Uhr, Sohn plärrt wieder, Mama ist völlig aufgelöst, Autotüren knallen, von Nachtruhe keine Spur.
Wie soll man sich da von den Tagesstrapazen erholen?
9.Tag Nach Otterndorf (Elbe): Jadebusen, Weser und Wattenmeer- Freitag: 7.6.
- Tacho: 142 km
- Höhe: 151 m
- Sattelzeit: 7:54 Std.
- Schnitt: 17,9 km/h
- Übernachtung: 9,00€
Ich stehe früher auf als sonst, die Nachbarn sind immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Anscheinend hat Papa während der Nacht die Klimaanlage laufen lassen und die Auto-Batterie ist leer. Sohnemann liegt inzwischen im Auto, die Eltern sind aufgestanden und gehen sich augenscheinlich aus dem Weg.
Ich nehme beim Abbauen auch keine Rücksicht mit den Geräuschen, kann mich nur schwer beherrschen, nicht laut zu singen. Zumindest sieht der Nebel auf der Wiese ganz romantisch aus, allein mir fehlt der Sinn danach.
Gegen 5:45 Uhr bin ich bereits unterwegs, froh, dieses Familiengewitter nicht weiter verfolgen zu müssen. Schon nach 15 Minuten muss ich stehen bleiben und die Jacke ausziehen, es wird von Tag zu Tag wärmer. Bereits nach einer halben Stunde finde ich eine schöne große Bäckerei in Sande, es gibt Brötchen und Kaffee. Auch die langen Klamotten verstaue ich gleich in den Packtaschen.
Gegen 7 Uhr erreiche ich in Cäciliengroden den Jadebusen. Hier steht eine Messlatte mit Markierungen der höchsten Sturmfluten. Erstaunlich!
Deichbauer in CäciliengrodenIch muss den Jadebusen südlich umfahren, also verläuft der Weg hinterm Deich zunächst Richtung Süden, dann Südosten. Der Wind ist eingeschlafen, so ist es eigentlich am gerechtesten. Ich kann gut Tempo machen, bald ist der Schnitt über 20kmh.
Der Hafen von Varel wird bewachtIn Dangast gibt es genau eine Ampel, keine Ahnung warum überhaupt, und natürlich zeigt sie rot. Ich beachte das Rot nicht, weit und breit ist nur ein Auto zu sehen, und das kommt von vorne. Das bringt mir einen Rüffel von der Fahrerin ein, anscheinend ist die auch noch stolz darauf, dass es so etwas in diesem Kaff gibt.
An der Südspitze mündet die Jade in den Jadebusen, ab hier wird der Deich erhöht und ich muss kurz auf die B437 ausweichen. Dann kann ich wieder vom relativ starken Verkehr auf die ruhige Bäderstraße abbiegen. Es geht auf der Ostseite des Jadebusens wieder nach Nordosten. Wind? Zum Glück immer noch Fehlanzeige.
Windmühle von SeefeldAb der Seefelder Mühle lasse ich mich vom Navi zur Fähre nach Nordenham lotsen. Das sind noch gut 20km, mal sehen, ob das klappt. Normalerweise vertraue ich den Routen nicht, die mein Navi so vorschlägt, aber diesmal scheint zumindest die Richtung zu stimmen. Und die Strecke ist auch ganz nett, immer über geteerte Feldwege. Nordenham selbst bleibt östlich liegen, erst am Hafen kann ich den dichteren Verkehr 'genießen'.
Gegen 9:30 Uhr bin ich am Fährableger. Laut Fahrplan soll die Fähre alle 20 Minuten fahren, sie ist weit und breit aber nicht zu sehen. Da reicht die Zeit, mit einem Radler-Pärchen aus Görlitz eine kleine Unterhaltung anzufangen. Sie sind die Weser ab Hannoversch-Münden abwärts gefahren und berichten, dass sehr viel Wasser im Fluss wäre und an einigen Stellen sogar Umleitungen eingerichtet wurden. Da ich ja noch eine Route von Hamburg nach Bebra suchen muss, ist das für mich eine wichtige Information. Also nicht den Weser-Radweg in den Bergen benutzen, höchstens im Flachland, da scheint es keine Probleme zu geben.
Dann kommt die Fähre doch sehr schnell und auch schnell ist sie ent- und wieder beladen, und es geht hinüber nach Bremerhaven. Auf der Überfahrt kommen wir der Skyline von Bremerhaven immer näher. Für einen Frankfurter ist sie nicht erwähnenswert, aber die Görlitzer staunen nicht schlecht.
Schon um 10 Uhr habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Am Hafenbecken haben sich viele junge Leute versammelt, fast alle sind verkleidet, oft auch nach Themen gruppiert. Es gibt Zebras, Löwen, Pinguine und vieles mehr. Und seltsamerweise werden die jungen Leute von einer beachtlichen Anzahl Ordnungshüter bewacht. Ich frage eine Polizistin, was das für eine Demo wäre. "Das ist das Kutterpullen", meint sie. Äh was? Na gut, Google sagt mir dann zu Hause, dass hier eine Ruderregatta der Bremerhavener Studentenschaft stattfindet, und weil sie 2012 im Chaos geendet hatte, wird sie dieses Jahr ordentlich bewacht. Die Kostümierungen sind dabei wohl die Highlights der ganzen Veranstaltung.
Kutterpullen in BremerhavenIch finde sofort den Weser-Radweg und zunächst geht’s jetzt durch den alten Hafen mit den schönen Museumsschiffen des Deutschen Schifffahrtsmuseums, vorbei am Mediterraneo, das wohl gerade saniert wird, und dann vorbei am neuen Hafen über eine etwas höhere Brücke in den Freihafen. Fast eine Stunde lang führt der Radweg durch das Hafengelände. Erst mache ich noch Fotos von den großen Schiffen, doch es sind einfach zu viele. Als ich schließlich und endlich wieder durch den Zoll fahre, bin ich froh, wieder an den Deich zu kommen.
Transportschiffe für AutosJetzt geht’s stracks nach Norden, immer am Deich entlang. Und, was soll ich sagen, ein heftiger Wind bläst mir entgegen. Wo kommt der denn plötzlich her? Nach Cuxhaven sind es laut Radwegschild 40km, soll das so lange so weitergehen?
Langsam kämpfe ich mich vorwärts, maximal 15-16kmh sind drin. Und zusätzlich brettert die Sonne herab. Man sollte meinen, dass der Wind etwas kühlt, aber mitnichten. Hinter Wremen fahren zwei Frauen vor mir, eine hat sich schon 50m von ihrer Kollegin abgesetzt und merkt nicht, dass die andere zurückbleibt. Ich fahre langsam an die hintere heran und biete ihr an, in meinem Windschatten weiterzufahren. Windschatten? Kennt sie nicht. Aber dann merkt sie doch, dass es im Windschatten viel einfacher zu fahren geht. Auch sie kommen aus Hannoversch-Münden die Weser herunter und haben von Umleitungen nichts bemerkt. Bald haben wir die Vorausfahrende fast eingeholt, dann macht diese einen Schlenker in eine Einfahrt und verschnauft, mein Schatten schwenkt mit und ich fahre wieder alleine weiter. Ob sie jetzt etwas gelernt haben?
Komposition mit Windrädern und RapsIn Dorum-Neufeld gibt’s den Kutterhafen und an der Wattkante steht als Mittelpunkt des 'Erlebnisraums Wattenmeer' der extra von der Wesermündung hierher transportierte Leuchtturm Obereversand. Ich fahre über die Zuführungsbrücke und stelle mein Rad am Fuß des Turms ab. Die begehbare Leiter reicht etwa 15m hinauf und von dort habe ich einen tollen Rundblick auf das Wattenmeer.
Leuchtturm Obereversand im Nationalpark WattenmeerAm Fuß der Zugangsbrücke hat sich inzwischen eine Hochzeitsgesellschaft eingefunden und ich mache ein Foto von Ihnen. Das erinnert mich allerdings an meine Rede zu Hochzeit meiner Tochter, die immer noch nicht weiter gediehen ist. Einer der Gäste ist wohl der Hoffotograf und er bittet mich, ein Foto zu machen, auf dem er auch mal mit der Gesellschaft zu sehen ist.
Dann fahre ich zurück in den Hafen und finde ein windgeschütztes Plätzchen an einer der vielen Buden, wo ich ein Backfisch-Brötchen zum Mittag esse. Die Pause dauert leider nicht ewig, ich muss wieder weiter Richtung Cuxhaven. Und das heißt Kampf gegen den Wind.
Kurz vor Berensch gibt es plötzlich keinen Deich mehr, dafür kann ich über eine Düne auf die meerzugewandte Seite fahren. Deswegen sehe ich aber trotzdem kein Wasser, es ist einfach zu weit weg, nur Weideland bis zum Horizont. Kurz darauf führt der Weg sogar etwas hinauf in einen Wald. Mein Gott, ist das toll hier … kein Wind! Die Bäume lassen nichts durch. Und dann gibt es aus 10m Höhe noch eine rauschende Abfahrt hinunter nach Sahlenburg, das hatte ich ja schon lange nicht mehr.
BlickfangDie Küste macht nun einen weiten Bogen und verläuft nicht mehr nach Norden, sondern mehr Richtung Nord-osten bis Osten. Das bedeutet für mich, dass sich die Windsituation weitgehend entspannt. Nach drei weiteren Kilometern unterhalb von Dünen erreiche ich Duhnen, einen der wichtigsten Fremdenverkehrsorte am Niedersächsischen Wattenmeer. Natürlich gibt es hier die entsprechende Infrastruktur, Hotels en masse, Ferienhäuser, Restaurants und mindestens eine Eisdiele im Zentrum an einem Platz namens Dorfbrunnen. Dort mache ich nämlich gegen 14 Uhr die nächste wohlverdiente Pause.
Und weil einer meiner Kollege in Cuxhaven, oder besser sogar in Duhnen, aufgewachsen ist, rufe ich ihn kurz an. Er ist völlig perplex, kann es gar nicht glauben. Zu Hause erzählt er mir dann, dass es wenige Meter weiter noch eine Eisdiele gibt, in der er als Jugendlicher gejobbt hat. Na so ein Zufall.
Ich gönne mir eine halbe Stunde Ruhe, dann geht’s weiter. Nach nur 100m sehe ich einen Laden und kaufe Nachschub. Dann führt der Weg an den Dünen weiter (Duhnen braucht wegen der Dünen keinen Deich) Richtung Cuxhaven. Den Aussichtspunkt Kugelbake lasse ich liegen, hier müsste ich das Rad stehen lassen, es sind aber viel zu viele Menschen unterwegs, das ist mir zu unsicher. Es geht in den Hafen von Cuxhaven. Hier sehe ich ein Schild, dass es eine Fähre bis nach Brunsbüttel gibt, deshalb biege ich noch in den Fährhafen ab. Nach Brunsbüttel geht’s allerdings nur dienstags und donnerstags, also Pech gehabt.
Es erweist sich dann als recht schwierig, den Richtigen Weg weiter elbaufwärts zu finden. Irgendwie komme ich aus dem Industriegebiet am Hafen nicht hinaus, schließlich muss ich noch einen Trampelpfad fahren, aber am Ende war das wohl der beste Weg, wie mir ein einheimischer Radler dann bestätigt. Sehr seltsame Wegeführung…
Bald bin ich wieder am Deich, diesmal geht’s Richtung Osten, und das ohne Gegenwind, herrlich. Hier gibt’s auch wieder Schafsgatter, die sind allerdings nicht so elegant zu umfahren wie an der Ems. Man muss jeweils stehen bleiben, mit dem Vorderrad ein Gattertor aufdrücken, den Rest des Rades mitsamt Gepäck hindurchzwängen, und dann aufpassen, dass das zuschwingende Tor nicht an das Hinterrad prallt. Das ist eine sehr umständliche Prozedur.
Ich fahre noch die 10km bis zur Ferienanlage Otterndorf. Und weil ich direkt vor der Einfahrt zur Anlage nicht aus der Weidezone komme, das Gatter ist verschlossen, muss ich noch einen Umweg um das gesamte Feriendorf mitsamt zweier Seen machen, bis ich zur Rezeption komme. Es ist 16:30 Uhr und es reicht mir für heute. Morgen sind es noch 78km Luftlinie bis nach Hamburg zu meinem Bruder, das sollte ich locker schaffen.
Ein paar Meter weiter baut eine junge Familie, Mama, Papa und Krabbelbaby, ein großes Zelt auf. Die Kleine krabbelt durch das gesamte Gepäck und quietscht vor Vergnügen. Die Eltern bauen ohne Stress das Zelt auf, schauen immer mal kurz, dass die Kleine keinen Unsinn macht, und alles ist so problemlos. Das ist das genaue Gegenteil von letzter Nacht, so geht’s also auch.
Mein Zelt ist bald trocken, ich rufe zu Hause an und dann gehe ich um den See zum Lokal Deichkieker am Badestrand. Es gibt Fisch, was sonst. Beim Essen beobachte ich eine Gruppe einheimischer Jugendlicher, die sich hier gegenseitig präsentieren muss. Dabei wird auch kräftig dem Alkohol zugesprochen. Ein gut aussehender junger Mann, er ist hier wohl der Platzhirsch, hat schon zu viel davon genossen und kämpft sichtbar mit seinem Gleichgewicht.
Später wird es ziemlich kühl auf der Terrasse, so dass ich mich frühzeitig wieder auf den Weg zurück zum Zelt mache. Hier hat sich inzwischen ein Radler mit einem Tarp eingefunden. Leider ist er nirgendwo zu sehen, und weil ich nach der Anstrengung heute ziemlich platt bin, warte ich auch nicht und suche meinen Schlafsack von innen auf.
Fortsetzung folgt ...