Wie wär das schön, wenn wir die Kartons für den Rückflug verwahren könnten, schwärmen wir! Gibt es denn an diesem neugebauten schicken und blitzsauberen Flughafen keine Möglichkeit, zwei Kartons zu lagern?
Ich hab eine Idee: Eine höher gelegene Straße senkt sich über eine Rampe auf das Niveau der Abflugebene. Und dort wo die Rampe nahezu den Boden erreicht, dort, wo sie ganz schmal und spitz zusammenläuft, dort ist es dunkel und fast uneinsehbar. Da schieben wir die beiden Kartons tief hinein und hoffen, dass kein eifriger Aufräumdienst und keine Terroristenbombenfahnder in den kommenden drei Wochen auf dumme Gedanken kommen. Ganz schön spannend! Ich verrat jetzt aber noch nichts.
Um 3 am Nachmittag haben wir die Räder wieder zusammengebaut und radeln los. Und kriegen gleich einen ersten Vorgeschmack auf das, was uns in der nächsten Zeit noch sehr, sehr beschäftigen wird: Man kommt nämlich vom Flughafen nur weg, wenn man ein Stück über die autobahnähnliche MA-21 fährt. Das ist auch nicht verboten, vorbeisausende "guardia civil" guckt nur mal mehr, mal weniger interessiert, hindert uns aber nie, wenn wir mit unseren Rädern auf dem Seitenstreifen der Schnellstraße fahren.
Wir fahren heute noch 35 km, aber auch 500 Höhenmeter weiter bis Coin. Ein Hostal ist schnell gefunden, sauber und schlicht, für 27 Euro. Vergeblich versuchen wir - absolut unspanisch - am frühen Abend etwas zu essen zu finden. Mehr als ein Eis und ein paar Nüsse ist aber nicht drin. Viva España.
Auch der nächste Morgen beginnt sehr spanisch. Es gibt nämlich kein Frühstück. Oder nur das, was man hier so gemeinhin unter "desayuno" versteht: ein "tostada", ein abgepacktes Stückchen Butter und ein Kleckschen Marmelade. Wir gönnen uns noch ein Stück Tortilla, das hier aber einfach nur fies schmeckt.
Nicht üppig, aber typisch: Was man hier so Frühstück nenntInsgesamt verhalten wir uns aber auch so was von unangepasst: Wollen schon um acht frühstücken (also fast noch nachts), wollen schon abends um sieben essen (also fast noch mittags), fahren sogar in der Mittagszeit Rad! Ohne Siesta! Die spinnen, die Deutschen!
Son locos, estos alemanes. Was man hier so "Frühstück" nennt
(Ist das richtig?)
Bereits nachmittags um drei sind wir am Etappenziel dieses Tages: El Burgo. Liegt nur 40 km weiter, aber dazwischen sind 900 Höhenmeter zu absolvieren. Das Städtchen thront auf einem Berg und dämmert träge in der heißen Nachmittagssonne. Kein Mensch treibt sich in den Gassen rum, nur zwei verrückte Deutsche. Die frohlocken, als sie ein Lokal entdecken, über dem doch tatsächlich "Pizzeria" steht. Ha! Reingelegt! Pizza gibt´s nur freitags! Und dann ab neun!
El Burgo liegt auf einer steilen Anhöhe; mein Begleiter fotografiertSo essen wir auf einer Bank, im Freien sitzend, Schokolade und Oliven aus dem Glas - beim Supermercado, dem einzigen geöffneten Laden, erstanden. Am Abend aber wird´s spannend: Da sehen wir in einer Bar im Fernsehen das Fußballspiel Bayern München gegen Real Madrid. Ein junger kräftiger Mann haut und hämmert mit solcher Gewalt auf die Theke und brüllt so tierisch laut, wenn das deutsche Team ein Tor schießt, dass wir aus lauter Angst, als Deutsche enttarnt zu werden, ganz mucksmäuschenstill werden. Mit uns hält sich eine Gruppe im Lokal auf, von der ich per Augenschein vermute, dass es sich um das örtliche Lehrerkollegium handelt, so gesittet und uninteressiert am Fußball benimmt sie sich. Und dann stellt sich doch tatsächlich heraus, dass es eine deutsche Wandergruppe ist, die das naheliegende Naturschutzgebiet der Sierra de las Nieves erkundet. So kann man sich irren!
In unserem familiär geführten Hostal "Sierra de las Nieves" sitzt der jüngste Sprössling, 12, bei den Hausaufgaben. Ich frage ihn, ob er schon mal von Deutschland gehört hat und was er davon weiß. "Si," sagt er "mucho trabajo."
Ein bisschen Sorge hatte ich, die Passhöhe in den Sierra de las Nieves, den Schneebergen, zu bewältigen. Hatte ich doch in einigen Reiseberichten gelesen, wie schaurig es dort hergehen sollte, wie der Wind über die Bergeshöhen, immerhin um die 1100 m hoch, pfiff, wie steil die Anstiege sein sollten. Und dann entpuppte es sich in der Realität als ein Klacks. Die Anstiege waren nur kurz mal über 10%, das Wetter war vor und auf und hinter dem Pass gleich strahlend schön und der Wind pfiff überhaupt nicht. Dafür gab´s weites Land und waldige Kuppen ringsum, streunende Ziegenherden und wunderbare Düfte. Welche Freude, welche
Lust!
Die Passhöhe in den Sierra de las Nieves, gleichzeitig höchster Punkt unserer Reise