(Möglicherweise etwas off-topic)
Aaaaaaah Veloträumer!
Du hast mein Innerstes getroffen, mein zentralstes Lieblingsthema angerührt: die Entschleunigung unseres Lebens.
Aber jetzt das: mich, der ich mein Leben lang privat und in der Arbeit einen in der Tat Don-Quijote-gleichen Kampf gegen Handies, Leistungs- und Zeitdruck, gegen Zeitregime jeder Art führe, der gar kein Handy hat, also nicht einmal in München-Pasing jemand in München anrufen kann, dass ich in München-Pasing bin und höchstwahrscheinlich in ca 8 Minuten in München Hbf sein werde, der noch nicht einmal kapiert, was ein App ist und wozu es gut sein soll, mich klagst Du an, den Hammer der Beschleunigung zu schwingen, die Rationalisierung beschaulichen Campinglebens zu betreiben. Das tut weh, ist bitter und - würde meine Tochter sagen - echt total ungerecht.
Also: nach meinen aktuellen Berechnungen habe ich dadurch, dass ich seit Jahren keine Steine mehr suchen muss, in dieser gewonnenen Zeit mindestens die Hälfte von Band 5 der Suhrkamp-Werkausgabe von Marcel Proust: "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oder den ganzen Fritz Reheis: "Entschleunigung - Abschied vom Turbokapitalisms" (übrigens sehr empfehlenswert) lesen können, was ich nicht hätte machen können, hätte ich immer Steine suchen müssen.
Was die von Dir monierte Treffsicherheit angeht, also bitte: von 10 Hammerschlägen platziere ich ungelogen 8-9 voll mittig auf die Häringsrübe. Das ist nicht so schlecht und möglicherweise, das will ich zugeben, das Ergebnis der harten Schule des Steineklopfens.
Es ist richtig, niemand kann mir die Zeit des vergeblichen Steinesuchens zurückgeben, aber damit habe ich meinen Frieden geschlossen. Es war ja auch keine schlechte Zeit, aber Du musst Dir einfach vorstellen: Steine suchen ist (für mich) einfach nicht so schön, wie mit dem Zelt ankommen, rasch mit Hilfe des hebelfreundlichen Hammers das Zelt aufgebaut habend statt Steinesuchen das Bier zu öffnen oder, wenn es ein guter Abend ist, den irgendwo aufgetriebenen Rotwein zu entkorken und dabei Marcel Proust Bd. 6 zu lesen. Da schließen der Homo sapiens sapiens und der Neandertaler in mir eine wunderbare Freundschaft.
Aaaber, da wir ja nicht streiten wollen: wenn Du auf der Suche nach dem richtigen Stein innere Harmonie und Ausgleich findest, wenn Du spürst, wie Du dabei Deine Mitte findest, dann bist Du ja sowieso ein Bruder im Geiste der Entschleunigung, ob mit oder ohne Hämmerchen.
Slowliness is holiness
Karl