In Antwort auf: DerPastor

Der Rest vom Mythos:
- 1983 kommt ein Freund von der Fahrradmesse in Amsterdam zurück und hat dort Leute aus Gütersloh kennengelernt, die einen sog. „Reiserad“-Rahmen entwickelt haben, ein Cross-Rahmen mit modifizierter Geometrie. Würde jetzt von Gazelle in kleiner Serie gebaut. Wir sind Feuer und Flamme und kratzen Anfang 1984 die Kohle für je einen Rahmen zusammen. Der steht dann Monate neben meinem Bett.
- Foren für Fachfragen und allerlei Glaubensauseinandersetzungen gibt es noch nicht, statt dessen kursieren kopierte maschinengeschriebene Abhandlungen mit den heißen Themen, z.B.: Zwei oder drei Zahnkränze vorne? Dreifach- oder Vierfachkreuzung?
- Monatelange Teile-Suche, nicht so leicht damals. Irgendwann ein Anruf vom Reipschläger in Gütersloh: Jungs, ich habe zehn Kurbelsätze im Zoll hängen, wenn ihr euch beeilt, bekommt ihr zwei ab. Also am nächsten Tag von Wuppertal nach Gütersloh, Kurbelgarnituren holen (Stronglight, 50-32, später auf 48-32 abgerüstet).
- Edelstahlschrauben besorgen wir uns am Hintereingang einer Spezialfirma: Wenn man den Richtigen trifft, tut man 5 Mark in die Kaffeekasse und darf dann in die Vorratsboxen greifen. Muß nur schnell gehen.
- Damals schwer zu bekommende Teile auch: Blackburn-Gepäckträger und –Lowrider, Brooks-Professional-Select-Sattel (gibt es den noch?), FAG-Tretlager, Single-butted-Speichen, Long-cage-Schaltwerk.
- Was von den Original-Teilen ist noch dran? Rahmen, Bremsen und –griffe, Sattel und –stütze, Kurbeln, Gepäckträger vorne und hinten, Lenker und Vorbau, Umwerfer, Tretlager (!).
- Das Gefühl, auf einem richtigen Fahrrad zu sitzen ... genial.
- Ein Jahr später: Morgens Ankunft beim Reipschläger wegen ein paar Kleinigkeiten, er schließ den Laden auf, „ich hab erst in einer Stunde Zeit, ist das o.k.? (Drückt mir ein Rad in die Hände:) Hier, teste mal dieses Rad, ist gestern angekommen, neue Welle aus Amerika, nennt sich „Mountain-Bike“. Hat mir als leidenschaftlichem Reiseradfahrer nicht gefallen.
- Schwierig auch die Suche nach Lowrider-Packtaschen, gefunden dann: Kanuk-Hartschalenkoffer, die Außenseite mit einer Persenning mit Gummizug verschlossen. Ziemlich rund die Dinger, sie sprangen manchmal ab – und bergab waren sie dann schneller unten als der Rest vom Rad
- Schon zwei Jahre später verkürze ich den Radstand gewaltsam – treffe auf einer einsamen dänischen Landstrasse den einzigen Trecker weit und breit.
- Viele gute Touren folgen – Pannen äußerst selten. Zweimal ein Speichenbruch, einige Plattfüße, mehr nicht – bei 50TKm.
Dennoch: Ich trauere den alten Zeiten nicht hinterher, schön, dass die Fahrradwelt sich so verändert hat und es Teile im Überfluß gibt!


W-U-N-D-E-R-B-A-R geschrieben schmunzel . . .!

Gruß, Paule