Zehn Anmerkungen zum Main-Radweg mit Familie
1.Gegenüber dem Einzelreisenden spülen die Familienradler das vierfache an Budget in die Region. Wir haben in diesen zwei Wochen fast 2000 Euro in Gastronomie, Beherbergung, Lebensmitteleinzelhandel und einen kleineren Betrag auch dem lokalen Fahrradgewerbe zugespeist. 100 Familien sind schon 200000 Euro. Es lohnt sich also, in Familienradeln zu investieren. Aber: Ist der Main-Radweg familientauglich?
2. Seit 100000 Jahren besiedelt, ist der Main keine unberührte Natur. Neben den Ursprungs-Schönheiten von Fluß und Tal legen die Franken ihren Stolz darauf, ihren Radweg durch vielerlei radwegloses Gewerbegebiet zu führen. Gleich nach dem ersten 40-Tonner, der zentimetergenau am Zehnjährigen vorbeidonnert, kommt auch schon das mütterliche Gewitter mit der Drohung: Absolut autofreier Radweg oder sofortiger Tour-Abbruch. Hilfloses Zucken: Das hier ist offizielle Strecke!
3. Deutschland ist Autoland. Man wundert sich, dass es überhaupt Radwege gibt. (Die zuweilen von den Ortskundigen zwecks Abkürzung und Schleichweg auch mit PKW befahren werden und - noch ärger - von diesen Zweitakter-Stink-Mofas, die einen kilometerlangen Abgasschweif hinter sich her ziehen.) Die grundlegenden Mobilitäts-Strukturen sind automobilgerecht. Radwege werden darumherum gebaut oder skurril integriert in Sinnlosschleifen. Als Radfahrer ist man Verkehrsteilnehmer vierter Klasse. An Familien - die Geldbringer schlechthin - und ihrer konzeptuellen Förderung arbeiten sich nicht einmal die Masterstudiengänge im Tourismusmanagement ab.
4. Dem Mainradweg fehlen bis Ochsenfurt die Bänke. Pausenplätze, Picknickecken. Primitivst regenschützende Dächer: Gerne Wellblech o.ä., irgendetwas, um den Schauer abzuwettern. Stattdessen wetteifern die Gemeinden darum, Stellflächen für Wohnmobile bereitzuhalten, inkl. Wasser- und Stromanschluss. An eine Campingwiese für Familienradler denkt man nirgendwo. Man hofiert den Wohnmobilisten, Generation 70+, der sogar sein eigenes Bier mitbringt (Oettinger), dutzendfach gebunkert im doppelten Boden. Bravo.
5. Anders als im Altmühltal sehen auch die Campingbetreiber keinerlei Notwendigkeit (Ausnahme: Gemünden), ihren Fahrradgästen zumindest einen Biertisch mit Bank unterzuschieben, womöglich noch mit Pavillon (… gibt’s jährlich bei Aldi für Euro 39,-) zur Überdachung. Die Radfahrer sind es offenbar nicht wert. Sollen sie halt im Gras hocken. Wählen eh alle grün.
6. Man hat sich mit der Beschilderung Mühe gegeben, keine Frage. Doch gibt es Lücken, Auslassungen, Irreführungen. Besonders hervortut sich Kulmbach, darin man - Fluch des Kulmbachers - ewig im Kreis fahren würde, folgte man stets den grünen Pfeilen und ignorierte man nicht in persönlichem Wagemut das behördliche Wegegebot. Ein Erwachsener sattelt gerne ein paar Kilometer drauf, hält auch bis abends ohne Speisung durch: Die enge Frustrationstoleranz von Kindern, ihr Leistungslimit und der Grad an Erschöpfung, der sich in unkonzentrierter, selbstgefährdender Fahrerei dokumentiert, verlangt nach unbedingt vollständiger und stimmiger Beschilderung. Diese ist nicht vollumfänglich gegeben.
7. Hervorzuheben ist die Hilfsbereitschaft des Franken. Kaum steht man und guckt ratlos durch die Gegend, eilen und raufen sich schon die Helfer herbei um die besten Tipps. Ich bin durch ganz Deutschland geradelt: Nirgendwo sonst habe ich hilfsbereiteres Publikum angetroffen. Allerdings, was auch gesagt werden muss: Übergewicht wohnt in Mainfranken. Ich habe jedesmal vor den Supermärkten gezählt: 9 von 10 Kunden waren adipös. Vermutlich zuviel Schnitzel und Schäufele. Deren Verbot würde die Kassenbeiträge deutschlandweit - ich hab’s durchgerechnet - um 0,83 % sinken lassen.
8. Das Beste am Weg sind die Freibäder und der Trauben-Parcours in Himmelstadt, das Trampolin in Bug, dass man schneller als die Mama ist, Äpfel und Pflaumen am Wegesrand und der Brunnenschoppen in Volkach. Überhaupt ist Familienradeln eine Prüfung in Familie. 24 Stunden Dauerbeisammensein, 14 Tage lang, offenbart den Kern einer jeden Familiendynamik. Manche lassen sich danach scheiden. Ja, Radeln ist risikobehaftet.
9. Es gibt diese idiotischen Pfostenverengungen mitten auf dem Radweg, daran man gerne mit den Packtaschen hängenbleibt. Wahrscheinlich will man damit Unberechtigte des Weges verweisen, bedenkt aber nicht, dass solcherart Sperrung für unbedachte Jungradler geradewegs in den Unfall führt. Wir hatten das Glück, dass in Haßfurt statt Stahl Plastik - das einzige Plastik auf der ganzen Strecke - verbaut worden ist. So blieb es beim Sturz, ohne Bruch und ohne Krankenhaus.
10. Kinder also? Ich glaube, dass Familienradreisen als reines Unterwegssein grundsätzlich eine wichtige Erfahrungsergänzung zum ortsfesten Strandurlaub ala Cavallino oder Bibbona darstellen und dass das Abstrampeln, also das sich Erarbeiten von Weg mittels eigener Anstrengung ein wesentliches Erleben bereitstellt, das sonst nur im Wandern zu bekommen ist, ohne dessen Schlepperei. Radeln lohnt. Es ist nicht nur ein verkehrs-, sondern auch ein psychodynamisches Experiment, das - allein schon, weil wetterabhängig - unkalkulierbaren Ausgangs ist. Es muss ja nicht der Main sein. Es gibt auch ein Altmühltal. Ist auch kürzer.
11. Ich empfehle den Mainradweg allen erwachsenen Solo-Radlern, die sich gerne fett- und alkoholreich verköstigen. Besonders in Sommerach reihen sich Winzer und Weinkeller wie an der Schnur: Für Dauerrausch ist gesorgt. Der Weg ist flach, zudem schiebt der Elektromotor, da schafft man leicht ein Dutzend Weinproben am Tag. Der ist durchaus süffig und so erspart man - Kinder und Gattin sind zu Haus - ihnen den Anblick eines stets angetrunkenen Papas. Ja, der Main verlangt Reife und Mannesmut.
12. Einen Platten hatten wir auch. Papa hat’s gerichtet. War vor Sommerach. Da war er noch nüchtern, sonst hätt’ er’s nicht hingekriegt.
13. Aus Oberbrunn: Kommt ein Vampir in die Verkehrskontrolle. Fragt der Polizist: ‚Haben Sie was getrunken?‘ Der Vampir: ‚Eigentlich nicht. Zwei Radler halt.‘