Bis auf den Mont-Saint-Michel und Le Havre war mir die Normandie komplett unbekannt. Das wollte ich ändern. Im inzwischen bewährten Bikepacking-Setup machte ich mich auf den Weg
Etappe 1: Geradeaus nach RouenParis – Rouen, 122 km, 136 kmMit dem ersten ICE von Frankfurt am Main nach Paris, da hatten wir noch etwas Zeit für eine ganz kleine Stadtrundfahrt mit dem Rad, teilweise im Regen. Grmpf. Für etwas Shopping ohne Shopping, in der Sonne. Und für eine Riesenradfahrt. Das war das erste Mal nach x Besuchen in Paris, dass ich mit dem Riesenrad fuhr. Und es ist gar nicht so schlecht…
Im RiesenradAm nächsten Morgen ging es dann los. Ziel Rouen. Innerhalb von Paris noch mit Begleitung, dann drehte Tanja etwas weiter nördlich ab. Ziel: Meer, Holland und dann Frankfurt. Letztlich fast genausoviel Kilometer, wie ich fahren würde – in etwa der Hälfte der Zeit.
Was auf jeden Fall großartig ist: Radfahren an einem noch einigermaßen frühen Sonntagmorgen in den Ferien in Paris. Es ist absolut nichts los auf den Straßen. Das macht richtig Spaß!
Sonntagmorgens in ParisEs wurde dann recht warm, Ende August nicht ganz verwunderlich. Es dauerte ziemlich lange, bis ich endlich aus dem Großraum Paris draußen war. Meine erste Pause machte ich nach 50 km, da fand ich eine Boulangerie, die noch offen war. Ab Mittag ist die Versorgungslage in Frankreich abseits der Touristengebiete nicht ganz einfach. Es gibt viel weniger Shops an Tankstellen wie bei uns.
Der Lenker rostete fast einMein Ziel war Rouen, das waren 122 km, daher suchte ich eine möglichst steigungsarme Strecke. Die führte entlang und auf der ehemaligen Nationalstraße von Paris nach Rouen, also etwas verkehrsreicher als die schöneren, aber längeren und bergigeren Alternativen. Aber am Sonntag immer noch erträglich. Allerdings ging es häufig viele, viele Kilometer schnurgeradeaus.
Allerdings wurde es heißer und heißer, und ich nutzte gefühlt alle Möglichkeiten, um irgendwie an kalte Getränke zu kommen. Und trotzdem habe ich es nach Rouen geschafft. Das Hotel hatte ich unterwegs gebucht, ein Ibis direkt an der Seine, mein Zimmer war schön weit oben mit einem tollen Blick. Ich schaute mir ein wenig die Innenstadt an, Kathedrale, Fachwerkhäuser, große Uhr … und ging nach Einbruch der Dunkelheit nochmals zur Kathedrale. Eines der vielen „Son-et-lumière“-Spektakel fand hier statt. Ich sah mal eins in Nancy auf der Place Stanislas und war begeistert. Leider reichte keins derjenigen, die ich danach sah, an dieses erste Erlebnis heran. Häufig so. Trotzdem, hat schon Spaß gemacht und sah gut aus.
Le Gros Horloge
Son et lumièreEtappe 2: Ans Meer!Rouen – Fécamp, 84 km, 220 kmMit der Hitze war es erstmal vorbei. Fast hätte ich die Armlinge angezogen, bewölkt und ziemlich frisch war es. Erstmal ging es durch Vorstadt, relativ lange. Und dann nach oben, aus dem Seinetal raus, etwas mehr als 100 Höhenmeter. Und recht schnell war in Barrentin, wo ich die erste Pause machte. Es gab einen Supermarkt, ich fürchtete, es könnte bis Fécamp der letzte sein. Und ich hatte ohnehin schon getrödelt, also frühe Mittagspause.
Rathaus BarrentinInzwischen war auch die Sonne wieder da und es wurde wärmer. Und ich fuhr Richtung Meer, ohne große Pausen, das Meer war das Ziel. Zwischendurch gab es einige schöne Fachwerkdörfer, die eine oder andere Freiheitsstatue …
Die erste von mehreren auf dieser Reise… dann war ich am Meer. Oder genauer: über dem Meer, denn ich erreichte es oben auf den Klippen. Und zuerst erkannte ich es gar nicht so richtig, da der Horizont seltsam indifferent war. Irgendwann wurde mir dann klar, dass die Windräder im Wasser standen und nicht an Land.
Kühe am AbgrundIch wollte über die Chapelle Notre Dame du Salut nach Fécamp reinfahren. Die hatte ich mir ausgeguckt, von dort soll man einen schönen Blick auf die Stadt haben. Auf dem Weg dorthin standen schon Schilder, die eine Straßensperrung ankündigten – doch es fuhren noch viele Autos in beide Richtungen. Okay, das lag daran, dass sie auch zum Aussichtspunkt wollten oder von dort zurückkamen. Die Straße in den Ort war tatsächlich hermetisch gesperrt, nicht so wie viele andere Baustellen „mit dem Rad geht das schon“. Ich nehme an, es war auch keine Baustelle, sondern Bergrutschgefahr oder so etwas. Egal, Ausblick genießen und ein paar Meter zurückfahren.
Zum Campingplatz ging es nochmal ordentlich bergauf, aber das lohnte sich. Leider hatte ich keinen Panoramaplatz, aber ein bisschen Meerblick schon. Doch es gibt dort schon extrem schöne Plätze. Vielleicht in der Nebensaison ein paar mehr freie. Nachdem ich zum ersten Mal das Zelt aufgebaut hatte, Wäsche und mich gewaschen hatte, ging ich hinunter in die Stadt. Es war noch Saison, es war ziemlich voll. Ich war jedoch noch einigermaßen früh und bekam einen schönen Platz in einem Restaurant am Hafen. Das hatte eine Tablet-Karte. Hatte ich auch noch nicht. Es gab Burger und der schmeckte. Mit ihrem Fisch-, Muscheln- und Austernkram können die mich ja jagen.
Einst und jetzt. Oben die Notre Dame du Salut. Man ahnt, dass der Blick von dort cool sein könnte.
Am Strand von Fécamp. Am Meer!Etappe 3: Die große BrückeFécamp – Honfleur, 78 km, 298 kmFrühstück am Hafen, dann gleich eine fiese Steigung. Hoch und runter sollte es heute ein paar mal gehen, da konnte ich mich also gleich dran gewöhnen. Mir fiel ein, dass ich auf einem Gravelrad fuhr und ich verließ die Straße, um näher an den Klippen zu sein. Das lohnte sich, es waren wirklich tolle Blicke auf Kalkfelsen. Und die Wanderer wurden immer mehr, daran merkte ich, dass ich Etretat näher kam. Eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Normandie, die Felsen von Etretat.
Damit sich das Gravelbike auch mal lohntUnd tatsächlich, schon beeindruckend. Dachte schon Monet. Und es denken heute ziemlich viele Touristen. So voll wie in Etretat sollte es erst am Mont-Saint-Michel werden. Ich holte mir etwas Verpflegung in einem Supermarkt, fand tatsächlich eine freie Bank am Meer. Und fuhr dann aber doch recht schnell weiter.
Von Monet x-mal gemalt, von mir fotografiertNach Le Havre waren es noch ein paar Kilometer, dann kam die letzte große Abfahrt heute. Le Havre hatte ich vor vielen Jahren schon einmal besucht und fand es damals sogar ganz nett. Im Krieg total zerstört und in den 50er Jahren nach einheitlichem Plan wieder aufgebaut. Sichtbeton. Manche ganz schöne Bauwerke, vor allem die Kirche St. Joseph. Aber so ganz stimmte ich meinem damaligen Urteil nicht mehr zu. So richtig schön fand ich es auch bei Sonne nicht mehr und freute mich, dass ich nicht wie ursprünglich geplant eine Nacht blieb.
Le Havre, RathausStatt dessen fuhr ich weiter. Durch endlose Hafengebiete. Und dann über die Seine. Und im Gegensatz zur Loire letztes Jahr fuhr ich diesmal wirklich über die Brücke. Die ist tatsächlich ziemlich beeindruckend. Eine Schrägseilbrücke, mit 850 m Spannweiter – Europarekord. Zunächst mal beeindruckte mich jedoch die Steigung und die Höhe, oben ist man über 50 Meter über dem Meer. Es gibt zwar einen Radstreifen, aber ich entschied mich für den Fußweg. Der war nochmal baulich abgetrennt, das war mir ganz recht bei dem LKW-Verker. Fußgänger habe ich ohnehin keine gesehen.
Diesmal fuhr ich drüber
Da fuhr ich lieber auf dem FußwegAm anderen Ufer der Seine liegt Honfleur, mein Etappenziel. Der Campingplatz war schön stadtnah gelegen, ich konnte zu Fuß das doch recht noble Städtchen erkunden. Paris ist nah, das merkt man. Auch an den Preisen. Egal, ich hatte Hunger.
Kirchturm HonfleurEtappe 4: Weniger Berge, dafür kurzHonfleur – Courseulles-sur-mer, 80 km, 378 km
Kann man lassen als FrühstücksortFrühstück in Honfleur, danach noch einmal richtig hoch und richtig runter, dann blieb es flach. Die Küste ist sehr beliebt bei Parisern, die gerne für Wochenenden – oder länger – hier rausfahren. Trouville, Deauville, sehr noble Badeorte. Vergangener und aktueller Reichtum durchaus erkennbar. Casinen – oder wie auch immer die Mehrzahl von Casino ist – Villen, nicht ganz günstige Autos. Aber immer: Schöne Strände, mit den Batterien der typischen Umkleidekabinen.
Offensichtlich keine arme GegendFür mich war es eine gemütliche Fahrt. Flach, wenig Wind, der aber von hinten, Sonne, Meer. Richtig Urlaub also. Kurz vor Ouistreham schickte mich Komoot ein ganzes Stück landeinwärts. Entlang der Orne, ein departementsnamengebendes Flüsschen. Kurze Zeit machten mir Schilder zu einer Fähre Hoffnung, bis ich merkte, dass die nicht auf eine kleine Fähre über die Orne wiesen, sondern auf große Fähren nach England. Na gut, also den Schlenker fahren.
Reste der Hochsaison in OuistrehamIn Ouistreham war es sehr voll, immer noch Hochsaison. Ich fand eine Boulangerie mit großartigen belegten Baguettes. Und machte also etwas Pause. Danach ging es weiter am Meer. Hätte ich es nicht dauernd gesehen, so hätten mich die Ortsnamen auf Meeresnähe schließen lassen. Lion-sur-Mer, Luc-sur-Mer, Saint-Aubin-sur-Mer, Courseulles-sur-Mer. Alle fast ineinander übergehend, eine ziemlich touristische Gegend, architektonisch jedoch zurückhaltend. Ich hatte mir einen Campingplatz ausgeguckt als Ziel und ließ auf dem Weg dorthin einige links liegen. Dort angekommen hieß es „que de mobil-homes“. Also nur Wohnwagen, die trotz ihrer Namen gar nicht so mobil sind. Warum heißt sowas noch „Camping“? Ich ärgerte mich kurz, erkannte dann aber, dass das mein Glück war. Ich fand einen Platz auf einem Campingplatz kurz hinter Courseulles-sur-Mer, und der war richtig schön. Wiese, große Plätze, direkt an den Dünen, sehr schön. Mit einem kleinen Campingplatzrestaurant, in dem es nicht nur Meereskram zu essen gab. Einfach, aber nett. So mag ich das. Abends noch eine kleine Runde am Strand, dann ins Zelt. Der Musik lauschend, die vom Restaurant kam.
Ebbe
Party am CampingplatzEtappe 4: D-Day-DayCourseulles-sur-mer – Grandcamp-Maisy, 76 km, 454 kmWährend der Nacht hatte es geregnet, wie vorhergesagt. Und zwar nicht zu knapp, am Morgen setzte es sich fort. Die Wettervorhersage war eher mittel, immerhin kein Dauerregen. Ich suchte auf Booking.com ein Ziel für den Abend und fand eine Ferienwohnung in Grandcamp-Maisy, fast direkt am Meer. Etwa 75 km, das passte, denn heute standen einige Besichtigungen auf dem Programm. Meine Strecke führte mich entlang einiger der Landungsstellen der Alliierten am 6. Juni 1944, der berühmteste wohl Omaha-Beach
Allgegenwärtig: Kriegserinnerungen
Nicht das beste Wetter…Mein erster Stopp war Arromanches. Gold Beach, hier landeten vor allem britische Truppen. Die Kriegserinnerungen sind allgegenwärtig. Museen, Kriegsgerät, Souvenirs, Postkarten … der zweite Weltkrieg ist auch ein Wirtschaftsfaktor.
Amerikanischer Soldatenfriedhof oberhalb Omaha Beach
Denkmal für die Operation Overlord in Saint-Laurent-sur-MerVor allem aber war hier ein entscheidender Ort für die Niederlage Deutschlands im zweiten Weltkrieg und somit für die Befreiung Europas und Deutschlands von den Nationalsozialisten. Unglaublich viele Tote auf beiden Seiten kostete es, Krieg ist nie ein Spaß. Aber es gibt „richtige“ Kriege. Und der Krieg gegen Deutschland war richtig. Sicher nicht in jeder Hinsicht, aber im Grundsatz. Es gibt schöneres im Urlaub zu sehen als Gräber, doch bedeutend sind sie schon. Und ich konnte mich von der Stimmung nicht freimachen, in Zeiten, in denen nicht weit weg wieder ein Krieg gegen die Unfreiheit geführt wird.
D-Day-Camembert
Fast schon Friseurnamen-VibesMeine Unterkunft in Grandcamp-Maisy fand ich nach einiger Telefoniererei mit dem Vermieter – hat alles bestens geklappt. Ich fand sogar ein Restaurant. Was nicht ganz so einfahc war, weil vieles reserviert war. Auf eigenes Risiko durfte ich jedoch bei einem Restaurant draußen sitzen. Risiko, falls es regnen sollte. Tat es nicht. Pommeau, mein Lieblings-Normandie-Aperitiv, und ein normannisches Putenschnitzel. Normannisch sollten wohl die Äpfel in der Sauce sein. Eigentlich nicht ganz mein Ding, aber es hat ganz gut geschmeckt.
Einen kleinen Rundgang um den Hafen, auf die Hafenmole und durch das rührende kleine Fest machte ich noch, dann legte ich mich in meiner Ferienwohnung ins Bett.
High lifeDas war Teil 1. Teil 2 folgt in Kürze, in baldiger oder mittelbaldiger.