(Fortsetzung)
Am nächsten Tag heißt es aufzubrechen in fremde Lande: Von Selb nach Gera. Von Deutschland (West) nach Deutschland (Ost). Da belästigt mich wieder dauernd der Metzger in mir mit seiner Frage, ob´s ein bisschen mehr sein darf. Mehr Kilometer. Eigentlich nicht, will ich ihm sagen, muss dann aber doch sein, weil es in dem Ort Weida, den ich eigentlich angepeilt hatte, kein Hotel gibt. Da muss ich dann zwangsläufig weiter. Und so werden´s dann 113 Kilometer, die mir zum Schluss ziemlich schwer fallen.
Mein Lied des Tages, das ich wieder ganztägig als Ohrwurm im Kopf habe: "Fliegt der erste Mohohorgenstrahl, durch das stille Nebeltal..." (die restlichen anderthalb Zeilen dieses Eichendorffgedichts muss ich ja hier wohl weglassen, sonst streicht mir die der Moderator als unerlaubtes Zitat wieder raus; nur so viel: sie enden auf "schöner Morgenstrahl!")
Ich krieg ja bei "Morgenstrahl" immer ganz komische Assoziationen. Tschuldigung! Mit diesem schönen frischen Song aus Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts" im Ohr flieg ich dann nach Tschechien rein. Da empfangen mich gleich an der Grenze vor dem Ort mit dem Namen Asch Vietnamesen in ihren Bretterbuden und bieten den Ramsch an, der dann auf unseren Flohmärkten auch zu finden ist: garantiert echte Adidas-Schuhe und die garantiert echten Polos mit dem Krokodil. Unterm Tisch wohl auch Zigaretten und Alkohol.
So fahre ich zwanzig Kilometer durch diesen Zipfel unseres Nachbarlandes, über herrlich menschen- und autoleere Straßen, dafür gibt´s aber auch etliche Steigungen und Gefällstrecken. Gleich hinter der Grenze, wieder in Deutschland (Ost), warten Zollbeamte auf die Käufer der garantiert echten Adidas und Krokodilschnäppchen.
Ich hatte mich gewaltig getäuscht, wenn ich dachte, mit dem Fichtelgebirge die anstrengendsten Teilstücke hinter mich gebracht zu haben. Hier im thüringischen Vogtland geht´s erst richtig los. Vor allem Plauen, das in einem Talkessel liegt, habe ich nicht in guter Erinnerung. Erst ging´s lange bergab, durch eine wilde architektonische Mischung von sehr modernen und sehr alten Bauwerken, dann genauso lange bergauf. Vor einem dieser verfallenden Gebäude mit zugemauerten Fenstern schiebt eine alte Dame langsam und mühsam ihren Rollator, auf der Wand hinter ihr, über dem ehemaligen DDR-Kino, steht in Riesenschrift "Fortschritt Lichtspiele".
Ab Greiz, einer schön wiederhergerichteten alten Stadt mit restauriertem Schloss, möchte ich den Elster-Radweg nehmen. Da liegt aber schon nach wenigen Kilometern ein umgekippter Baum quer über dem Weg; also überquere ich die Elster auf einer kleinen Fußgängerbrücke, um auf der anderen Flussseite auf geharkten Wegen weiterzufahren. Da raunzt mich in breitester ostdeutscher Mundart ein Arbeiter an: "Steigen Sie bitte ab!" Ich frage ihn, warum. "Weil `Radfahren verboten` da auf den Schildern steht." "Ja, und warum steht das da?" "Weiß ich nicht, also steigen Sie bitte ab!" Da bleibt mir nichts übrig, als wieder ab über die Elster und das Rad über den umgekippten Baum zu tragen. Eine schlimme Strecke, dieser Elster-Radweg, teilweise.
Die paar Menschen, mit denen ich spreche, hören sich alle an wie die Verkäufer im Baumarkt bei Hornbach, was deutlicher wird, je näher ich an Leipzig komme. In einem kleinen Supermarkt, in dem ich einen von meinen täglich drei Litern Wasser kaufe, rätseln zwei Frauen an der Kasse, ob sie einen trockenen Freixenet-Sekt eher mit der Bezeichnung "sec" oder "semi sec" kaufen sollen, "weil, mit Englisch oder Frensesisch hob isch in der Schule nich so gehabt". An den Imbissbuden im Lande werden "Roster" angeboten und im Restaurant steht auf der Speisekarte "Schnitzel mit Blumenkohl und Bröselbutter" für 5,90 Euro.
Endlich, endlich rolle ich in Gera ein. Gewundert hab ich mich schon, dass da überall Polizeiautos mit blinkendem Blaulicht die Straßen sperrten. Muss aber ein schlimmer Unfall sein, denke ich noch, dann rolle ich auch schon durch ein großes aufgeblasenes Zieltor aus Plastik und ein Zuschauer ruft mir zu: "Ein bisschen schneller darf´s aber schon sein!" Da merke ich erst, dass ich auf die abgesperrte Rennstrecke der "Internationalen Thüringen Rad-Rundfahrt der Frauen" geraten bin, und Augenblicke später rauschen auch schon die Damen heran. Aber ICH war vor ihnen da! Ob der Zuschauer gemerkt hat, dass ich nicht dazugehörte?
Als der wahre Sieger des Tages ziehe ich dann ins Hotel "The Royal Inn Regent" (61,50 Euro), das als vollkommen neu errichtetes Gebäude zwischen historischen klassizistischen Miethäusern, in unterschiedlichsten Erhaltungsstadien, inmitten Geras Altstadt steht. Ich frage, wo es denn ins Zentrum geht, keine 5 Minuten sollen es sein. Und lande inmitten von sehr sehr modernen Einkaufszentren. Hier hat man ratzekahl sämtliche alte Bausbustanz niedergemacht, damit H&M und C&A und ähnlich langweilige Läden wie in jeder westdeutschen Stadt einziehen können. Das hat mich sehr enttäuscht, weshalb ich dann nur 14 Kugeln Eis gegessen habe. Sonst aber auch nichts.
Der neue Tag lässt sich wieder sehr optimistisch an; ich fühle mich leicht, locker, fröhlich, unbeschwert. Die Strapazen der vier letzten langen Radltage haben keine bleibenden Schäden hinterlassen; Oberschenkel, Waden, Kopf und Popo sind in blendender Verfassung (soweit man das von letztgenanntem Körperteil sagen darf). Am Abend dieses relativ kurzen Radtages kommt mir spontan in den Sinn und ich notiere es in mein Skizzentagebuch: "...erfüllt von Liebe, Vertrauen, Zuversicht und Wohlbehagen, sitzend unterm Riesenschirm, kleine leichte Regentropfen darauf, warme, mild bewegte Luft. Die Leichtigkeit des Lebens... Wo sind meine Depressionen?"
Das war aber auch zu schön heute, in Würchwitz meine ich. Das heißt wirklich so, und damit hat es folgende Bewandtnis: Ich komme in das kleine blitzsaubere Dorf mit diesem schönen Namen, da gibt es in der Mitte einen gepflegten Rasen, und mitten auf dem Rasen steht ein marmorner mannshoher Sockel, auf dem ein marmornes achtbeiniges Ungeheuer hockt. Ich frage den Arbeiter, der den gepflegten Rasen noch mehr pflegt, warum denn da ein Denkmal für eine Spinne sei. "Das ist keine Spinne," belehrt er mich, "das ist eine Milbe." "Aha," staune ich, "und warum eine Milbe?" "Na, wegen dem Käse," klärt er mich auf und zeigt auf eine Inschrift neben dem Milbenmal. "Da steht alles drauf. Und da drüben ist das Museum dafür." So, lieber Leser, jetzt heißt es ganz stark sein: Es handelt sich hier tatsächlich um einen Käse, dem ein Denkmal gesetzt wurde, um den Milbenkäse, der - laut Inschrift - ein "Trüffel unter den Käsesorten mit einer ungewöhnlichen Geschmacksvielfalt" ist. In die gründlich getrocknete Frischkäsemasse dringen Milben ein, deren Speichel die Fermentation bewirkt. Nach vier Wochen wird der Käse gelb, nach drei Monaten rötlich- braun und nach einem Jahr schwarz. Beim Verzehr des Käses leben die Milben noch und werden mitgegessen. Zu meiner großen Erleichterung war das Milbenkäse-Museum geschlossen, so dass mir der Genuss der Milben leider versagt blieb.
Aber warum eigentlich nicht Milben? "Bakterienkulturen", die zum Geschmack der normalen Käsesorten beitragen, sind grundsätzlich auch nicht appetitlicher, oder? Aber das mein´ ich nur ganz theoretisch.
Ich mach heute nur eine relativ kurze Strecke, nur 50 km nach Zeitz. Diese eigentlich hübsche Stadt, gelegen auf halber Strecke zwischen Gera und Leipzig, kennt man ja, weil sie das berühmte Deutsche Kinderwagenmuseum beherbergt, nicht wahr? Das Rathaus mit seinen mächtigen trutzburg-artigen Mauern hat mich beeindruckt, auch weil da, für die Ewigkeit eingemeißelt, steht: "Liebe ist der Liebe Preis." Muss ich lange drüber nachdenken. Was wollen uns diese Worte sagen? Außerdem wird Zeitz von heute zugänglichen Bierlager-Katakomben durchzogen, die man auch besichtigen kann. Ob das alles miteinander zusammenhängt, die Liebe, die Kinderwagen, die Katakomben? Schade, dass um halb sieben die Bürgersteige hochgeklappt wurden und ich wieder mal mutterseelenallein draußen auf absolut leerer Straße meine Pizza essen musste. Nicht mal jemandem hinterhergaffen kann ich, weil niemand, aber auch absolut niemand da ist, dem ich hinterhergaffen kann.
Mein Lied des Tages, aus dem "Zarewitsch": "Hast du dort droben vergessen auch mich?"
In meinem Hotel Maximilian (56 Euro) übernachten noch, außer mir, drei Monteure, weshalb der Hotelier, als ich über den Preis erstaunt bin, pikiert sagt: "Wir sind ein Business-Hotel." Na, das erklärt ja dann alles!
Der Elster-Radweg ab Zeitz (da ist er wieder, der Elster-Radweg!) ist größtenteils gut ausgeschildert. In Dörfern gibt es viele Holperstrecken mit Kopfsteinpflaster, aber die Auen, durch die der Fluss sich schlängelt, sind wunderschön. Rührend finde ich die vielen Infotafeln: "Feuchtwiese", "Bäume im Dorf", "Vögel der Jahreszeiten" und "Kleinsäuger in der Elsteraue" mit den Erklärungen des Unterschieds zwischen Wasserfledermaus myotis daubentoni, Schermaus und Rötelmaus. Ich hab gar nicht gewusst, dass es so viele Mäuse gibt. Ist hier wohl doch ´ne Bildungsreise, wa? In meinem Kopf spuken schon den ganzen Tag Text und Melodie von "to know know him is to love love him... and I do".
Dann tauchen endlich die ersten Hinweisschilder auf Leipzig auf. Aber kurz vor der Stadtgrenze ist plötzlich Schluss: Ich stehe am Rande einer tiefen, tiefen Grube, einem ehemaligen Braunkohlentagebau. Hier im sogenannten "Neuseenland" wird mit Hilfe von EU-Geldern eine völlig neue Erholungslandschaft geschaffen, "Kap Zwenkau" nennt sich das hier jetzt schon hochtrabend. Seen entstehen hier, auf denen auch mal Ausflugsschiffe fahren werden. Das wird bestimmt mal wunderschön werden. Aber im Moment komme ich mit dem Rad hier nicht weiter. Ich muss einige Kilometer zurück, denn am Rande des Abbaugebietes entlang zu fahren ist zu mühsam oder schlichtweg nicht ratsam.
Es geht dann die restlichen Kilometer entlang der Pleiße auf einem sehr schön ausgebauten Radweg. Im Wasser schwimmt seelenruhig ein Riesenfelltier; größer als ein Biber, ein Otter kann das doch wohl nicht sein? Nein, klärt mich ein anderer Radler auf, es ist eine Bisamratte.
So gegen 4 am Nachmittag habe ich die 65 km dieses Tages bewältigt. Mein Hotel Holiday Inn Garden (48,50 Euro ohne Frühstück) gleich neben dem Hauptbahnhof steure ich ohne Schwierigkeiten direkt an. Ich hatte es - wie fast alle Hotels während dieser Reise - noch erst am Vormittag per Smartphone über HRS gebucht. Da es aber nur für eine Nacht frei ist, muss ich am nächsten Tag in das erheblich bessere Royal International (59 Euro) umziehen.
(Fortsetzung geplant)