...Für mich stellt sich eher die Frage, warum hat der Zugbegleiter dem Betrunkenen nicht erklärt, dass das Mehrzweckabteil für Fahrräder und/oder Kinderwagen und/oder Rollstühle da ist. Ich habe nur die kurze Antwort vom Zugbegleiter bekommen: Personenbeförderung geht vor.
War da vielleicht Mitleid mit dem Betrunkenen, der in seinem Zustand unbedingt einen Sitzplatz brauchte?
Mit Betrunkenen komme ich meist gut zurecht, da sie über kurz oder lang zugänglicher sind als Abstinenzler. In Polen traf ich vor Jahren auf einen Zug, in dem alle Reisenden stark alkoholisiert waren, laut und lustig, mit Musik, lauter als die Fahrgeräusche. In meiner Anspannung hatte ich meine Radtaschen am Einstieg vergessen. Einige Minuten später fand ich sie immer noch dort. Nach ein paar Dosen Zywiec aus meiner Radtasche war ich Mitreisender, ohne ein Wort Polnisch zu verstehen.
Selbst DB-Angestellte hinauf bis zum Lokführer kennen die Beförderungsbestimmungen zur Platzkampf-Regelung zwischen Radlern und sitzplatz-bedürftigen Allgemein-Reisenden bei Bedarf nicht. Mich hat schon einmal ein Lokführer trotz ausreichend Platz für alle, angestachelt von einem sendungsbewussten Rentner-Hilfssheriff, versucht, aus einem Zug zu vertreiben. Er drohte mit der Polizei. Er wusste nicht, wie wenig Angst mir das macht. Von Polizisten in Deutschland wurde ich in der Zeit meines langen Lebens durchweg korrekter behandelt als von manch anderem Mitbürger. Ich blieb standhaft, auf mein Rad gestützt, der Zug fuhr weiter mit mir.
Selbst wenn die Beförderungsbestimmungen zur Konfliktvermeidung zwischen Radlern und der übrigen Bevölkerung allgemeinverständlich ausgedrückt, kleingedruckt in einem versteckten Winkel an einer Scheibe kleben, bringt ein Hinweis darauf gar nichts. In einer Bedarfs-Situation werden alle mit Sitzbedürfnis (Sitzbeschwerden) zu Analphabeten. Und die Zugbegleiter haben verständlicherweise ein großes Harmoniebedürfnis. Hinausgeworfen wird der vermeintlich Schwächste, der auf keine solidarische Unterstützung zählen kann.
In einem anderen Fall wurde ich nach dem Aussteigen auf einer Endstation von der Polizei auf meine Person überprüft. Ich hatte unüberhörbar über die absolut inakzeptablen Beförderungsmodalitäten für Radfahrer bei der Regionalbahn hingewiesen: "Dieser Schrottkarren wurde sicher in Tschechien billig aufgekauft." Das Amüsante an diesem Erlebnis: Der überaus autoritäsbewusste und nationalstolze Schaffner, der den Polizeieinsatz veranlasst hatte, war ein Russland-Deutscher mit relativ gutem Deutsch, knapp unter Mindestlohn. Ich hatte nicht im geringsten irgendeine Geringschätzung seiner Person zu erkennen gegeben. Dazu habe ich auch keinen Anlass: Eine meiner längsten Bekanntschaften war eine Rumänen-Deutsche mit Familientradition.
Da nach einer oft weiten Radtour mit anschließender Bahnfahrt das Enervierungs-Niveau über Normal liegt, bin ich in Radabteilen gelegentlich auch kampfbereiter als sonst bei Wetterlage Normal Null. Jemandem, der mir an das Vorderrad tritt, würde ich nicht bloß an sein Hinterteil schlagen. Du bist doch durchtrainiert.
Noch ein Tipp: Wenn ein notorischer Platzhalter mit Sitzfleisch ein Rad in seinem Gesichtsfeld hat, das in dem Moment, wenn der Zug schlängelt, samt fallendem Fahrer auf ihn stürzen könnte, räumt er nach anfänglichen Wahrnehmungsschwierigkeiten mürrisch das Feld. Diese Verfahren wende ich nur an, wenn mir die alberne "Stehmännchen-Am-Rad-Haltung" über mehrere Stunden zu lächerlich wird. Körperliche Beschwerden hätte ich zwar davon keine wie die Leute mit Sitzbedürfnis und dazu passendem Sitzfleisch