So, 22.08.2010

Hilzingen – Irslingen (bei Rottweil) (91 km)

Der einzige Nachteil bei den Segelfliegern liegt darin, dass man erst spät ins Bett kommt und am nächsten Morgen nicht pünktlich weiterkommt, aber das nimmt man gerne in Kauf.
Erst halb 12 sitze ich wieder auf dem Rad und folge nun weiter dem B-S-H-Radweg. Dieser Fahrradweg ist übrigens sehr gut ausgeschildert und führt fast ausschließlich über kaum genutzte asphaltierte Nebenstrecken. Das Wetter ist weithin perfekt und bei Temperaturen über 30°C geht es aus der Bodenseeebene wieder bergauf auf die Hügel des östlichen Schwarzwaldrandes. Der Weg ist wunderschön und es geht vorbei an unzähligen Feldern auf denen gerade die Heuernte stattfindet. Doch trotz der Schönheit hat der Radweg einen erheblichen Nachteil für mich. Er macht so viele Umwege, dass ich das Gefühl habe nicht vom Fleck zu kommen. Für jeden Kilometer den ich nach Norden fahre muss ich geschätzt einen Umwegkilometer drauflegen. Wäre ich nicht nach Venedig gefahren, hätte ich dafür die Zeit gehabt aber nun kann ich mir zu viele Umwege nicht mehr leisten.


auf dem Flugplatz in Hilzingen


Segelflugplatz in Hilzingen


der Bodensee-Schwarzwald-Heidelberg Radweg


schöne Landschaft im östlichen Schwarzwald


Hammerwetter!!


der Neckar im Anfangsstadium



Mo, 23.08.2010

Irslingen – Horb (am Neckar) (39 km)

Dieser Tag wird nicht schön. Ich muss gestern was Falsches gegessen haben. Bereits in der Nacht wache ich mit Bauchschmerzen auf. Es geht mir überhaupt nicht gut und ich habe Krämpfe im Bauch. Dazu regnet es morgens auch noch.
Es hilft nichts, ich muss irgendwie weiter. Zum Glück hört der Regen vormittags auf und ich mache mich auf den Weg. Steigungen sind heute nicht mehr möglich und so verlasse ich den Radweg und fahre direkt runter nach Oberndorf am Neckar zur Bundesstrasse 14. Knappe 40 Kilometer quäle ich mich den Neckar entlang bis Horb. Nix geht. Ich habe null Kraft und mir geht es hundeelend, Fieber kommt dazu. In Horb nehme ich mir ein Zimmer und geh sofort ins Bett. Mit Mühe kriege ich abends eine heiße Flädesuppe runter. Jetzt krank sein, hat mir gerade noch gefehlt.

Di, 24.08.2010

Horb – Hilsbach (bei Sinsheim) (123 km)

Das Fieber ist weg. Ich habe zwar weiterhin keinen Hunger, aber ich fühle mich etwas besser. Gegen 10 mache ich mich weiter auf den Weg. Der Bauch zwickt zwar noch ab und an und ich esse zu wenig, aber ich komme (dank Fluss und Rückenwind) wieder ziemlich weit. Von Horb geht es zunächst ein Stück (schiebend) bergauf bis Nagold. Danach geht es der B 463 folgend leicht bergab entlang dem Fluss Nagold bis nach Pforzheim. Die Strecke ist ziemlich unspektakulär, weil der Fluss (wie auch der Neckar zuvor) durchgehend links und rechts von Hügeln eingerahmt wird. Hinter Pforzheim gelange ich ins Kraichtal. Eine sanfte Hügellandschaft nördlich des Schwarzwaldes, bei der man endlich wieder ein paar Meter sehen kann. Da lernt man die freie Sicht der Norddeutschen Tiefebene wieder zu schätzen. Diese schmalen Flusstäler sind mir eindeutig zu beengend.
In Hilsbach kurz vor Sinsheim lande ich am späten Abend auf einem FKK-Campingplatz. Ich darf jedoch meine Sachen anbehalten ;-) Ich kann mittlerweile wieder essen und gehe früh ins Bett.


Heidelberg am Neckar

Mi, 25.08.2010

Hilsbach – Karben (hinter Frankfurt) (157 km)

Heute werde ich den Streckenrekord dieser Tour aufstellen. 157 km mit 9 Stunden Fahrzeit von Hilsbach bis Karben hinter Frankfurt. Kurz vor Heidelberg treffe ich wieder auf den Neckar, dem ich aber nur ein kurzes Stück folge. Eigentlich fängt hier in der Nähe (Hirschhorn) der Hessische Radweg R4 an, den ich ursprünglich fahren wollte. Aber mittlerweile habe ich keine Lust und Energie mehr auf Berge und der Radweg würde direkt über den Odenwald führen. Daher entschließe ich mich direkt am westlichen Odenwaldrand im Rheintal der B3 bis Frankfurt zu folgen. Wirklich spannend ist die Strecke nicht und so langsam fange ich doch an zu zweifeln, ob ich es bis Sonntag nach Hause schaffen kann. Zwischenzeitlich überlege ich sogar ein Stück (bis zur Fulda) mit dem Zug zu fahren. Ich entschließe mich dazu, einfach erstmal weiterzufahren und zu sehen wie weit ich heute komme. Und Wind und Wetter sorgen für eine weite Strecke heute. Am späten Nachmittag erreiche ich bereits Frankfurt, welches ich sehr schnell und einfach durchfahren kann.
Etwas später treffe ich auf den Nidda-Radweg, dem ich noch ein gutes Stück bis Karben folge. Hinter Karben suche ich mir direkt am Nidda-Radweg einen etwas abgelegenen Zeltplatz.


Frankfurt am Main


der Niddaradweg

Do, 26.08.2010

Karben – Bad Zwesten (151 km)

Die letzte große Hürde der Tour steht an. Der Vogelsberg, der zur deutschen Wasserscheide gehört. Mit Rückenwind und Sonne geht es entspannt auf die ersten Kilometer entlang der Nidda. Hinter dem Ort Nidda geht es dann langsam bergauf bis Schotten und dann steiler weiter bis Ulrichstein. Über 500 Höhenmeter müssen nochmals überwunden werden.
Bis Schotten geht es ganz gut, danach muss ich ab und an wieder schieben. Das Wetter macht heute Probleme. Es ist zu kalt für das Trikot und zu warm für die (nicht atmungsaktive!) Softshelljacke. Ich trage lieber zuviel als zuwenig, was zur Folge hat, dass man bei jedem Anstieg nach kurzer Zeit durchgeschwitzt ist. Mindestens dreimal muss ich heute Hemd und Trikot wechseln.
In Ulrichstein angekommen mache ich den ersten und einzigen Navigationsfehler dieser Tour. Statt direkt nach Alsfeld nach Norden abzufahren, erwische ich eine Straße Richtung Nordwesten und lande viel zu weit westlich von meiner Route. Über unzählige kleine fiese Hügel muss ich mich nun auf der B3 bis Alsfeld kämpfen. Über eine Stunde hat mich diese Fehlentscheidung bestimmt gekostet. Meine Laune ist im Keller. Von Alsfeld geht es weiter bis Schwalmstadt. Auch hier erwische ich die „hügelige“ Straße. Ich bin mittlerweile sowieso schon sehr beeindruckt, aus wie vielen Bergen und Hügeln Deutschland besteht. Als Autofahrer interessiert das einen nicht, aber als Fahrradfahrer kann man daran fast verzweifeln.


auf dem Vogelsberg

Fr. 27.08.2010

Bad Zwesten – Bad Karlshafen (Weser) 132 km

Am nächsten Morgen wie angekündigt starker Regen. Mein Zelt habe ich gestern vorsichtshalber auf dem Campingplatz unter einem geschützten Holzunterstand aufgebaut, so dass ich im trockenen mein Zelt abbauen kann. Um 10 regnet es immer noch und nach Angabe des Platzwartes soll es nicht besser werden. Ich muss aber weiter und der Wart schenkt mir noch einen Regenschirm und ich mache mich auf den Weg. Auf wundersame Weise hört kurze Zeit später der Regen doch auf. Die Sonne kommt raus, es wird warm und es bleibt den restlichen Tag fast durchgehend trocken. Warum ich soviel Glück mit dem Wetter habe, weiß ich nicht. Zufrieden fahre ich weiter entlang der Schwalm, die ihren Ursprung am Vogelsberg hat. Bei Guxhagen vor Kassel folgt noch ein kleiner Anstieg bevor es dann direkt an der Fulda weitergeht. Ab hier wird nun alles gut. Der Radweg verläuft direkt am Fluss und Berge stehen ab jetzt nicht mehr auf dem Programm. Zwischen Kassel und Hannoversch Münden entdecke ich am Flussrand das Niedersachsenross. Ein erster Willkommensgruß aus der Heimat. Ich freue mich.
Am Nachmittag erreiche ich Hannoversch Münden und habe endlich die Weser erreicht. Bin quasi fast zu Hause. Noch 40 Kilometer fahre ich bis Bad Karlshafen. Dann wird das Wetter wieder schlecht und es fängt an zu regnen. Zelten ist jetzt unmöglich und so gönne ich mir in einer hübschen Pension ein Zimmer mit einer heißen Dusche.


das Niedersachsenross an der Fulda


"Wo Werra sich und Fulda küssen" In Hannoversch Münden beginnt die Weser

Sa, 28.08.2010

Bad Karlshafen – Petershagen (146 km)

So ein Bett ist doch wirklich ein Luxus. Ich habe super geschlafen. Das Wetter ist wieder gut und bevor es losgeht, esse ich mich an einem riesigen leckeren Frühstücksbuffett satt (für 2 Euro!). Die Navigation ist ab jetzt kinderleicht. Einfach immer dem Weserradweg folgen. Und hier sind übrigens auch die ganzen anderen Tourenfahrer, die ich auf der gesamten Tour kaum zu sehen bekommen habe. Sie sind alle hier am Weserradweg und bevölkern die Campingplätze, Biergärten, Pensionen usw. Ich störe mich daran nicht und fahre weiter Richtung Heimat. Eine Weserschleife nach der anderen. Über Höxter geht es bis Holzminden nach Hameln und weiter bis Rinteln. Hier kämpfe ich übrigens zum ersten Mal auf der gesamten Tour mit Gegenwind. Und nicht nur der Wind, sondern auch meine Beine machen sich jetzt deutlich bemerkbar. Die vielen Kilometer fordern immer stärker ihren Tribut und es fängt an weh zu tun. Ich kann daher nicht mehr schnell fahren und teilweise schleiche ich nur noch. Aber so kurz vor dem Ziel will ich nicht aufgeben. Es geht irgendwie und am späten Nachmittag bin ich bereits kurz vor Rinteln. Dort verlasse ich die Weser für eine Weile und nehme eine Abkürzung über das Wiehengebirge. Gerade mal 100 Höhenmeter sind nötig und schon erreiche ich die Norddeutsche Tiefebene. Über Bückeburg geht es bis Petershagen, wo ich von guten Bekannten in letzter Sekunde den Haustürschlüssel in die Hand gedrückt bekomme. Während draußen in der Nacht die Welt untergeht, habe ich wieder ein warmes Haus mit Bett und Dusche und Kühlschrank um mich rum. Wie schön.


der Weserradweg


Weserfähre bei Polle


Weserradweg bei Hameln


Blick vom Wiehengebirge auf die Gegend bei Rinteln


es wurde spät heute...


der Mittellandkanal mit der Porta Westfalica im Hintergrund

So, 29.08.2010

Petershagen – Bremen (133 km)

Endspurt!
Die letzten 130 Kilometer liegen an. Es schüttet draußen und es ist deutlich kühler geworden. Um kurz nach 8 hört der Regen wie gewohnt auf und es lockert langsam auf. Immer links der Weser bleibend, fahre ich an Nienburg und Verden vorbei. Am frühen Nachmittag überquere ich in Langwedel die Weser und folge nun die letzten Meter dem Weserradweg bis Bremen. Ein paar Regenschauer versuchen mich aufzuhalten, aber sie dauern nie lange. Irgendwann kommt der markante weiße SWB-Turm am Weserwehr in Sicht. Auf den letzten Kilometern überkommt mich dann ein unglaubliches Glücksgefühl. Erst jetzt beginne ich zu realisieren, was ich hier gerade eben geleistet habe und ich bin unsagbar glücklich und stolz auf meine Leistung. Voller Stolz fahre ich mit „Requiem on a dream“ auf den Ohren auf dem Bremer Marktplatz ein und beende die Tour auf dem Bremer Rathausplatz. Na ja fast. Ich muss ja noch 15 km bis Delmenhorst, aber das Foto vor dem Roland war Pflicht.


lange weite Straßen in Norddedutschland


Norddeutsche Marschlandschaft


jetzt wird erst das Wetter schlecht


der weiße SWB-Turm am Weserwehr ist endlich in Sicht


Geschafft!! Der Bremer Roland

Nachtrag:
Ich bin „mal eben“ von Venedig nach Hause gefahren. 1605 Kilometer in 14 Tagen mit knapp 8000 Höhenmetern. Dazu etwa (je nach Wasser- und Lebensmittelvorrat) 25 bis 30 kg Gepäck. Fast 100 Stunden habe ich im Sattel gesessen. Ein Dank an Herrn Teichreber, der mir einen perfekten Sattel verkauft hat.
Ich bin fast jeden Tag über 100 km gefahren, ohne einen einzigen Tag Pause. Es war von den Anstrengungen grenzwertig und viel länger hätte ich wahrscheinlich auch nicht durchgehalten. Aber ich habe mein Ziel pünktlich erreicht, was ich zeitweise nicht geglaubt habe und bin stolz darauf, durchgehalten zu haben.
Alles in allem war es eine wirklich schöne, aber auch sehr anstrengende Tour. Beim nächsten Mal werde ich definitiv wieder etwas entspannter fahren, mit weniger Kilometern und mehr angucken. Aber ich wollte mal testen, ob es auch so funktioniert, und ja: Es geht.