Posted by: ReneHerse
Re: Langschenklige Rennbremse oder Cantisockel wäh - 02/24/05 03:44 PM
In Antwort auf: mgabri
Wow! Was für ein Gaul...
Wie alt ist denn das gute Stück? Hast du es selber restauriert?
...
Das Rad ist tatsächlich von 2003 und damit keine zwei Jahre alt.
In der Nachkriegszeit hat sich in Frankreich eine große Fahrradgemeinde ( "Cyclotouristes") gebildet mit langen Ausfahrten, Langstreckenrennen (Paris-Brest-Paris) und "Concours", technischen Prüfungen, bei denen in Härteprüfungen nicht die Geschwindigkeit des Fahrers, sondern die Qualität der Räder bewertet wurde. In Zeitschriften wie Le Cycle wurden die Neuheiten , die dort auftauchten besprochen und von einer grossen Fangemeinde diskutiert.
Die Hersteller der hochwertigen Randonneuse, Camping, Sportif,- Räder verstanden sich nicht als Rahmenbauer sondern als Constructeur, der jedes Rad von Grund auf als Einheit plant. Gepäckträger, Vorbauten wurden zusammen mit dem Rahmen nur für dieses eine Rad konstruiert, viele Spezialteile angefertigt, Anbauteile nicht mit Schellen befestigt, sondern direkt integriert (hinterer Bremszugstop ist Teil des Rahmens, Scheinwerfer fest angelötet, Lichtkabelverlauf unsichtbar durch vordere Gepäckträgerrohre ), alles dort wo es hingehört und nichts mehr ( wenn hinten kein Gepäckträger vorgesehen ist, sind auch keine Ösen dafür am Ausfallende, Rahmen für genau die verwendeten Schutzbleche konstruiert, die dann auch auf den Millimeter dem Reifen folgen und wirklich nie anfangen werden zu klappern).
Wer etwas auf sich hielt, sparte für ein Rad eines solchen Constructeurs aus St. Etienne oder Paris. Ganz oben standen die beiden Constructeure Alex Singer und Rene Herse, die das Nonplusultra, Räder ohne jeden Kompromiss bezüglich Preis und Arbeitsaufwand herstellten (Die reine Montage eines Camping Modells, nachdem alle Teile fertig sind, dauert 4 Tage). Während in Nordamerika und vor allem Japan der "Stil von Singer und Herse" ein Begriff ist und mehrere Hersteller damit werben, sind sie hierzulande völlig unbekannt.
Der Herse Laden schloss in 80ern, aber Alex Singer hat sich bis heute gehalten. Der mittlerweile 80jährige Ernest Csuka, der mit seinem 95 verstorbenen Bruder seit den vierzigern Jahren die Alex Singer Räder hergestellt hatte (der Name ist der des Gründers, ihres Onkels) baut heute aber nur 10-15 Räder im Jahr.
Mein Rad ist kein Oldtimernachbau, sondern schlicht das, was der legendärste und erfahrenste Konstrukteur als Optimum für längere, flotte Eintagestouren ansieht. Ist es auch.
Ein paar Bilder des Ladens und was er heute macht, gibt es hier .
Oder noch ein Randonneur von 2004 .
Um wieder aufs Topic zurückzukommen. Die Singer Räder haben bei breiteren Reifen Cantileber, bei ganz schmalen auch Seitenzug, aber bei Reifenbreiten von 25-32mm MAFAC Bremsen. Schlicht weil sie, richtig konstruiert, dort am besten sind.
Gruß,
Dirk