Re: Den richtigen Rennlenker finden...

Posted by: ohne Gasgriff

Re: Den richtigen Rennlenker finden... - 07/08/14 11:24 AM

Je flacher der Lenkwinkel, desto größer der Nachlauf; je größer die Vorbiegung, desto geringer der Nachlauf. Dennoch verhalten sich zwei Fahrräder mit identischem Nachlaufwert völlig unterschiedlich, je nachdem, ob dieser Wert über flachen Lenkwinkel und große Vorbiegung oder über steilen Lenkwinkel und wenig Vorbiegung erreicht wird.

Zur Stabilisierung eines Fahrrades, das sich bei Geradeausfahrt zur Seite neigt, ist es zunächst mal notwendig, zu dieser Seite hinzulenken, um eine Fliehkraft in der Gegenrichtung aufzubauen. Sobald die Resultierende aus Flieh- und Erdanziehungskraft die Aufstandslinie (Verbindungsgerade zwischen den Aufstandspunkten der Räder) erreicht, ist die Seitenneigung gestoppt - sobald sie darüber hinaus gerät, wird die Aufrichtbewegung eingeleitet. Während dieser Aufrichtbewegung ist es notwendig, die Lenkung wieder zurück in die Geradeausstellung zu bewegen. Alles in Allem ist das also eine ziemlich komplexe Regelstrecke, die beim Freihändigfahren vom Fahrrad selbsttätig durchgeführt werden muß. Das Fahrrad muß sich beim Freihändigfahren oder wenn man es leer rollen läßt permanent selbsttätig am Umkippen hindern. Dieses Verhalten wird über die Lenkgeometrie eingestellt, einprogrammiert, fest eingebaut.

Die Schrägstellung der Lenkachse bewirkt zusammen mit dem Nachlauf, daß sich der Lenkkopf bei Geradeausfahrt am höchsten Punkt einer geneigten Kreisbahn befindet. Er ist also in einem labilen Gleichgewicht und will nach unten, sobald er dazu Gelegenheit erhält, indem man das Fahrrad ein bisschen zur Seite neigt. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zum immer wieder zitierten Einkaufswagen, bei dem die Lenkachse senkrecht steht. Je flacher der Lenkwinkel und je größer der Nachlauf, desto energischer fällt diese anfängliche Einlenkbewegung aus.

Ohne Vorbiegung fände diese Einlenkbewegung ihr Ende bei 90° Lenkeinschlag. Ab dort ginge es für den Lenkkopf nicht mehr weiter nach unten. Die Vorbiegung, durch die etwa die Hälfte des "natürlichen" Nachlaufs wieder kompensiert wird, bewirkt, daß dieses Ende schon bei 45-60° erreicht wird und daß die Einlenkbewegung insgesamt abgemildert wird.

Durch den Nachlauf steht der Reifenaufstandspunkt in Fahrtrichtung betrachtet nun neben der Lenkachse, und über diesen Hebel wird die Lenkung wieder in die Geradeausstellung zurückgeführt.

In aller Ausführlichkeit sind diese Zusammenhänge hier nachzulesen:
Bike Physics

All dies betrifft und behandelt nur das Eigenlenkverhalten und die Eigenstabilisierung des Fahrrades, also das freihändige Fahren und das leer dahinrollende Fahrrad. Beim realen Radeln, insbesondere beim Rennrad mit großer Sattelüberhöhung und entsprechend hohen Abstützkräften auf dem Lenker, kommen Momente ins Spiel, die um Größenordnungen höher liegen, als sie zum bloßen Lenken erforderlich wären. Diese gilt es, über eine geeignete Griffposition vernünftig im Gleichgewicht zu halten, um ein Verreißen der Lenkung möglichst auszuschließen.

Gruß,

Clemens