Re: Deutschland entdecken

Posted by: veloträumer

Re: Deutschland entdecken - 03/29/13 05:42 PM

In Antwort auf: Sankie
wenn ich aber hier unterwegs bin, freue ich mich über die Landschaft, die Leute, die heimische Natur, die Dörfer und auch die Sauberkeit.

Soweit so gut, liebe ich auch Touren in Deutschland. Um dem verbreiteten Gemeinsinn der Beiträge aber etwas zu widerstreben, möchte ich ein paar Einwände bringen. Ich fahre gerne Kurztouren in Deutschland, würde aber eine große Radreise (meine üblichen 4-5- Wochen) ungern durch Deutschland machen. Ich halte dafür die Landschaft in Deutschland nicht für abwechslungsreich genug. Es gibt sehr viel ähnliche mittelgebirgige Waldlandschaften, hügelige bis flache Ackerlandschaften, im Norden noch weniger ergiebiges Hügel- und Flachland. Viele der attraktive Flusslandschaften sind zu verkehrsreich. Andere Landschaften, die wohl allgemein attraktiv sind, sind für mich als Radler unattraktiv. Heidelandschaften wie die Lüneburger Heide sind sicherlich interessant zu erwandern, für mich als eher bergig orientierter Radler aber von geringem Interesse. Das deutsche Meer ist nur über lange Flachdistanzen erreichbar. Das ist z.B. in vielen meiner Reiseziele anders - monti e mare direkt anbei.

Es ist kein Zufall, dass ich gerne in bergigen Regionen radle. Es gibt mit die meisten Landschaftswechsel, da verschiedene Vegetationsstufen. Dörfer und Städte sind eher kleiner und kompakter, eine einzelne Großstadt mal dabei ist nicht so schlimm, Industriegebiete sind selten. Die besten Radlerperspektiven sind Sichten von oben oder von unten nach oben. Es muss also sich Landschaft erheben. Auch hier sind z.B. mittelgebirgige Landschaften in Frankreich häufig interessanter, z.B. wegen der vielen Schluchten. Ich bin ein häufiger Schwarzwaldfahrer (25 Kurzreisen seit 2002), dennoch sind die Vogesen der Franzosen weitgehend entspannter/ruhiger (14 Kurzreisen seit 2002, teils auch mit Schwarzwald).

Bereise ich das Mittelrheintal mit Bahn oder Schiff, ist das sicherlich reizvoll. Mit dem Rad wird man allerdings auf die Folgen der Zivilisation deutlich hingewiesen: Es ist laut, hektisch im Verkehr und auch nicht unbedingt immer ein hohe Duftnote. Der große Strom macht es schwer, Uferseiten unproblemtisch zu wechseln. Ich verhalte mich im Ausland aber auch so, versuche große Ströme wie Donau oder Rhone in den betriebsamen Abschnitten auf kurze Abschnitte zu reduzieren.

Ein weiteres kommt gerade bei Kurzreisen hinzu: Es hängt von den Möglickeiten ab. Entfernt man sich etwas weiter und nutzt die Bahn, ist das sowohl in puncto Zeit wie auch Geld innerhalb eines Bundeslandes noch erträglich. Kurzreisen aus BaWü heraus mit Bahn sind oft zu langwierig oder einfach zu teuer - gilt selbtst von Süden nach Süden (Bayern z.B.). Deswegen auch selten. Mit BaWü-Ticket komme ich aber ganz gut ins Ausland: Frankreich (Vogesen), Schweiz/Österreich (Hochrhein/Bodenseehinterland), Allgäu geht auch noch (mit Österreich).

Fällt eine weiteres auf: Deutschland vs. Ausland ist mir ein wenig fremd. Ich bewege mich eher in bestimmten Räumen. Gerade den Alpenraum sehe ich als recht geschlossen an - wo da die Grenzen verlaufen, ist nur von untergeordnetem Interesse. Die Sprache ist zwar auch für mich eine Fremdheit, habe mir aber angewohnt, mich bei den entsprechenden Nachbarn ausreichend gut durchzumogeln (CH/A sind ohnehin angrenzend deutsch). Wäre ich näher im Saarland, am Niederrhein, in Flensburg, oder an den polnischen oder tschechischen Grenze beheimatet, würde ich es ähnlich sehen. Wenn ich in Deutschland fahre, bevorzuge ich ja auch Regionen, z.B. Schwarzwald oder Allgäu würde ich jetzt weitgehend Taunus oder Eifel vorziehen. Ich könnte mir auch vorstellen, in allen meine Reisezielen bisher auch wohnen und arbeiten zu können. Allein die Sprache wäre vielleicht ein Problem. Andere Länder nur zu Abenteuerzwecken zu bereisen würde ich gar nicht wollen. Ich möchte mich auch im Urlaub "zu Hause fühlen".

Sauberkeit: Ist für mich kein sooo wichtiges Thema, da bisher alle von mir bereisten Länder noch den Mindeststandard halten. Sauberkeit ist auch nicht automatisch in Deutschland am höchsten. In Österreich gibt es weit mehr saubere, gute öffentliche WCs, gilt aber dort auch für Campingplätze. Im Baskenland kann es ähnlich sauber sein wie in der Schweiz, und die ist meist sauberer als Deutschland. In Andalusien werden die Orts- und Stadtkerne jeden Tag gründlicher gereinigt als in der schwäbischen Kehrwoche. In den Bergregionen (Alpen, Pyrenäen, Apennin, Vogesen usw.) ist es mir im Ausland meist leichter möglich, sauberes Trinkwasser zu erhalten als in Deutschland.