Re: Radreisen ohne Reiserad. Eine Ermunterung.

Posted by: veloträumer

Re: Radreisen ohne Reiserad. Eine Ermunterung. - 11/27/12 12:22 AM

Auf den ersten Blick klingt das alles schön. Eine Konsumkritik des modernen, gezüchteten Reiseradlers. Dein Statement lässt aber keinem Reiseradler Luft zum Atmen: Alles, was dem Verdacht einer neumodischen Schöpfung gegenüber der alternativen Drahteselromantik aus Omas Zeiten unterliegt, wird in deinem Sprüchlein seiner Authentitzität beraubt. Die Wahrhaftigkeit des Radreiseerlebnisses nimmt bei dir mit jedem Schritt rückwärts vom modernen Ausrüstungsstandard zu. Das ist verklärte Nostalgieromantik - "war doch die Handwäsche am Wachtrog früher soviel schöner als die vollautomatische Waschmachine" usw. Es fehlt mir in deinem Plädoyer die Wahlmöglichkeit, die Freiheit an sich. Man fährt auch nicht Jahrzehnte lang mit dem Velo durch Berge und Täler, ohne dazuzulernen, Wünsche zu äußern und Verbesserungen einzulösen. Geht etwas kaputt, muss man es ersetzen. Im Laden gibt es dann auf einmal nicht mehr das alte Teil, sonder was Neues. Omas Rad gibt es oft nur noch auf dem Flohmarkt oder als neumodisch verklapptes Retrorad - in sich schon wieder ein Betrug an der Authentizität.

Es schwingt auch mit, dass nur das Ungeplante ein Erlebnis ist - ein gewaltiger Irrtum. Ist doch selbst dort, wo Spontanität vermeintlich das Wesen bestimmt wie in vielen Teilen der Kunst meistens der größte Teil des Gestaltens professionelle Routine und gelerntes Handwerk ist. Beispiel Musik: Selbst in den freiesten Musikkreisen, gemeinhin als "Improvisierte Musik" oder auch "Jazz" bezeichnet, sind die als spontan postulierten Momente der abenteuerlichen Entdeckungsreise im gegenseitigen Musizieren auf prozentual geringe Anteile des Gesamtwerkes reduziert - ganz entgegen mancher Willensbezeugungen der Akteure. Man kann die Momente der Freiheit nicht schätzen lernen, wenn man die Wege dorthin nicht kennt.

Du verwechselst kritische Abwägung der modernen Möglichkeiten mit religiöser Verklärung einer alternativen Altzeitromantik - nicht wissend, dass es vor dir schon Zeiten gab, die du gar nicht mehr kennst und die du selbst erst gar nicht erwägst (Holzrad, Hochrad, Laufrad, Eingangrad usw.). Was man gerade hat ist nicht das, was schon immer da war. Ich halte mich für unverdächtig, galoppierenden neumodischen Hypes auf den Sattel zu springen - doch befremdet mich Totalitarismus jeglicher Art gerade deswegen umso mehr - auch wenn nur ein alternativer, alter Gaul dahintrabt.