Radreisen ohne Reiserad. Eine Ermunterung.

Posted by: Anonymous

Radreisen ohne Reiserad. Eine Ermunterung. - 11/26/12 08:57 PM



Man trifft ja eine Menge Radreisende unterwegs:
Auf meinen Fahrten sind mir der schwarze Ritter begegnet,
(schwarze Satteltaschen, schwarzes Rad, schwarze Vollbekleidung, schwarzer Helm, aber rotes Halstuch);
und der rote Blitz, komplett in rot-weiß, mit Einspuranhänger und Wimpel in weiß-rot;
dann die rasante Lola, deren Vorsprung, den sie nach dem Überholen herausgefahren hatte, nicht ausreichte, den nicht unerotischen Anblick zu vermeiden, den sie beim Pinkeln im Straßengraben von sich gab;
und natürlich das Unikum von Bonn, ein 'Messi' zu Rad, der sämtliches Inventar für einen Junggesellenhaushalt auf seinem Veloziped unterzubringen verstand plus allem, was der Sperrmüll umsonst so hergibt,
und natürlich das 80-jährige Ehepaar, das ich mit Stuhl und Tisch zuerst dem nebenstehenden Caravan zuordnete und das Zelt und die Räder hinten am Zaun zunächst völlig übersah und erst als sie Punkt acht Uhr abends mit größter Mühe und wohl schmerzlicher Ungelenkigkeit in ihr Zelt krochen, begriff ich und sprach die Dame bei der Weiterreise später an: 'Wir sind jetzt in einem Alter, da können wir nicht mehr am Boden sitzen, aber wir haben immer unsere Campingstühle dabei!'.

Die einzigen Reiseradler, die in der Tat ein als Reiserad ausgewiesenes, etikettiertes Rad zum Reisen unter dem Sattel hatten, nämlich zwei Papalagi, waren die Weltumradler aus Romanshorn.

Alle anderen reisten und reisen nicht mit expliziten Reiserädern, sondern mit dem, was sie gerade haben.


Mich, der ich ein freiwilliges Opfer sämtlicher Industrieeinflüsterungen bin, was sach- und funktionsgerechtes Zubehör für's Radreisen angeht, hat in all den Jahren überrascht zu sehen, wie gefeit Radreisende in diesem unserem Lande gegenüber den normativen Werbesprüchen eines allgegenwärtigen Marketings sind, das einem noch wasserdichte Socken verkauft und Sattelschonbezüge aus feinstem Plastik und sich halbjährlich erneuerndes elektronisches Equipment zur Orientierungs-Optimierung einer jeden Fahrt über zwei Kilometer.

Es gibt in der Tat einen widerspenstigen Pulk von Fahrrad-Enthusiasten,
der gänzlich abhold ist und statt in Ortlieb seine Ausrüstung stattdessen in blaue Mülltüten verpackt und per Expander primitiv am Gepäckträger verzurrt und das Rad, näher besehen, scheint mit Fünfgangschaltung und Flugrost direkt einer Versteigerung übriggebliebener Bahnhofsradln entnommen zu sein und porös wie die Reifen aussehen, sind auch sie in zwanzig Jahren wohl noch nie erneuert worden.
Es ist unglaublich,
mit was für Drahteseln die Leute unterwegs sind.

Hier in diesem Forum, in dem mit deutschester Detailversessenheit auch noch dem kleinsten Zubehörteil mit unerhörter Akribie nachgegangen wird und jegliche Fahrradkomponenten peinlichster Prüfung und Erörterung unterzogen werden um das wahrhaft beste, passendste und adäquateste Teil in Anwendung bringen zu können, muss es als Häresie vorkommen,
zu behaupten, dass es all das nicht braucht.
Zum Reisen nicht braucht.

Man geht in Keller und Speicher, sucht zusammen und improvisiert mit dem, was man eh schon hat, und investiert lieber in Speis und Trank unterwegs oder was auch immer und statt Packtaschen tun's auch zwei Zehn-Liter-Eimer, hab' ich wirklich gesehen, hinten links und rechts am Sattel mit Paketschnur verknotet und drüber ein Holzbrett und darauf den Rest: Zelt, Schlafsack, Matte.


Ich selbst bin leider den Hochglanz-Magazinen erlegen mit dem schneidigen Ausstattungswahn, der saisonal neu zu beschaffenden Modernität einer temporasanten Fortschritts-Sklaverei, der man nur noch hinterherhecheln kann, aber niemals gleichziehen und schon gar nicht überholen: Man lebt ständig in technologischer Unzulänglichkeit, hantiert immerzu mit veraltetem Zeugs; obsolet ist man, sobald man besitzt.

Wenn man, wie ich, womöglich gar als Neuling, auch nur gelegentlich in die obligaten Radforen hereinschaut,
muss man den Eindruck gewinnen, Radreisen wären ein unüberwindbares Hindernis der richtigen Materialbeschaffung und ohne ordentlichen Technologietransfer, sprich Adaption an Radreisenotwendigkeiten wäre eine selbige gar nicht möglich.

Ich sehe, es geht auch anders.
Man nimmt sich einen uralten Klepper, stopft sein Sacherl in einen Rucksack, gar eine Tüte, schnürt ihn irgendwo am Rad fest und los geht's.

Denn das Erleben braucht kein Nonplusultra und erlebt auch ohne Carbon-Rahmen.
Was es braucht ist ein Erlebender, der wachen Auges erlebt und das heißt, wahrzunehmen, was man nicht schon vorher gewußt hat.

Klar gibt es die Freaks mit der silberionengespickten Unterwäsche und den fingervorbildgekrümmten Handschuhen für den ergonomischen Lenkergriff aus haftungsoptimierten Silikon, die auch sonst vom Speichennippel bis zum elektrolytgehärteten Ritzel direkt dem Katalog entsprungen zu sein scheinen: Kann man machen, klar.
Und große Interessen sind hinter uns her, uns glauben zu machen, dass es auch so sein soll und seine Richtigkeit damit hat.

Deshalb beginnt die Freiheit der Radreise weit vor der Abfahrt.
Wenn die Freiheit von all dem nicht schon da ist, bleibt auch die Reise selbst unfrei und bloßes Abradeln dessen, was längst in Planung war.
Das aber ist kein Erleben, sondern ein Erkennen dessen, was man schon kennt.
Es ist ein Fahren im Kreis.

Man braucht kein Reiserad um mit dem Rad zu reisen.
Man fährt mit dem, was man hat.
Man radelt mit dem, mit dem man immer radelt.
Denn es ist nicht das Rad, das reist.
Du bist nicht Dein Vehikel.