Posted by: Sasa
Re: Suedamerika - Sasa on Tour... - 06/09/03 08:13 PM
...und es geht weiter!
Nach zwei anstrengenden Tagen habe ich die Atacama-Wueste zum groessten Teil durchquert und bin gestern in Calama gelandet. Doch der Reihe nach...
Am Freitag habe ich nach dem Besuch im Internet-Cafe noch meine Waesche von der Waescherei abgeholt. Dabei faellt mir auf, in wie tollen Farben die Sonne gerade ueber dem Pazifischen Ozean untergeht. Also nichts wie hin zum Ufer und ein paar Fotos schiessen. Da spricht mich dann eine fremde Person von hinten an, ob die Fotos denn ueberhaupt bei diesem Licht was werden koennen. Ich hoffe schon, antworte ich ihr. Sie heisst Christina, kommt aus Spanien und ist seit 5 Monaten hier in Chile mit einem erstaunlich kleinen Rucksack unterwegs. Sie erzaelt mir davon, dass sie gerade aus eine Kirche geschmissen wurde, weil sie dort schlafen wurde. Geld fuer eine Uebernachtung hat sie kaum noch, da ihr vor einigen Tagen 350 US$ geklaut wurden und sie erst fuer August einen Job in La Serena in Aussicht hat. Wir stimmen beide ueberein, dass die Leute hier wirklich ziemlich "seco", also trocken sind - wie ihre Umgebung. Von Spanischer bzw. suedamerikanischer Herzlichkeit und Lebenslust haben wir hier bisher beide wenig erfahren. Ich ueberlege eine Weile und schlage ihr dann vor, dass ich ihr eine Uebernachtung im Hotel, wo auch ich untergrebracht bin, spendieren kann. Im Grunde ist es ja nicht mein Geld - auch mir wurden schon hin -und wieder mal Uebernachtungen von anderen Menschen spendiert.
Danach muss ich noch Proviant fuer die Wuestendurchquerung einkaufen und sie zeigt mir dabei, wo man am billigsten an welche Nahrungsmittel kommt, und was man sonst noch so ausser meinen gewohnten deutschen Produkten essen kann.
Am naechsten Morgen mache ich mich dann so langsam auf. In der Hoffnung, dass meine Gabel die bevorstehenden zwei Etappen gut durchaelt, packe ich mein Rad und stuerze mich in den chaotischen Verkehr. Aus Antofagasta heraus geht es ziemlich steil bergauf. Mit den ersten Gipfel endet die Stadt und ich bekomme einen ersten Eindruck von der Wueste. Durch ein kleines Abflusstal windet sich die Strasse ueber die Kuestenkordillere, bis ich schliesslich ueber eine eine kleine Abfahrt zum Salar de Carmen endgueltig in die Atacama gerate. Die Strasse ist gluecklicherweise bis nach Calama gut ausgebaut - in meinem TurisTel-Atlas stehen alle wichtigen Orte, an denen ich Trinkwasser nachkaufen kann - das sind auf den insgesamt 213 Kilometern bis Calama sage und schreibe drei Orte.
Ich habe Rueckenwind und verspuere keinen Luftzug. Mein Thermometer steigt auf bis zu 40 Grad - in der Sonne. Doch Schatten gibt es hier keinen! So weit das Auge reicht, sieht man nur endlose steinige Wueste. Die einzige Abwechslung bietet der Verkehr. Das sind zum groessten Teil Trucks, Reisebusse und ein paar Pickups, von denen viele entgegenkommende freundlich winkend hupen. Sonst passiert nicht viel. Ich sehe zwei Geier, die sich an einem Hundekadaver gluecklich machen. Ein Autofahrer wirft eine Klopapierrolle aus dem Fenster, die dann in hohem Bogen vor mir durch die Luft fliegt - ob das als Lametter fuer mich gedacht ist? Doch die Fahrer der riesigen amerikanischen Trucks sind auch nicht ohne. Irgendwo versuchen gleich vier an der Zahl sich - ich weiss nicht wie - gegenseitig zu ueberholen und brausen von hinten auf mich zu. Ein Hoch auf meinen Rueckspiegel, so dass ich noch rechtzeitig an den Strassenrand ausweichen kann!
Das 514 Seelen-Kaff namens Baquedano sehe ich bereits gute8 Kilometer vor meiner Ankunft. Und dabei sieht es aus, als wenn ich es in kuerze Erreichen wurde. Doch Pustekuchen! Die Kilometer werden mehr und mehr und der Ort naehert sich nicht. Mit krummem Ruecken erreiche ich ihn endlich und versorge mich erst einmal mit einem kalten Eis. Danach geht es weiter durch die Einoede.
In Carmen Alto treffe ich auf eine Tankstelle, wo ich 3 Liter Wasser fuer fast 3 Euro kaufe und meinen Benzintank nachfuelle (Der Tankwart weiss gar nicht, was er mit meiner Brennstofflasche anfangen soll - im Endeffekt zahle ich fuer das Benzin deutlich weniger als fuer das Wasser.)
Her verlasse ich die Panamericana und fahre auf der Ruta 5 weiter in Richtung Calama. Gegen 6 Uhr geht die Sonne unter und ich muss einen Platz zum schlafen finden. Wirklich einladend sieht es hier nirgends aus. Doch bevor die Sonne weg ist (das geht hier ziemlich schnell), muss ich einen Schlafplatz gefunden haben. In einer kleinen verlassenen Mine namens Oficina Prat schlage ich mein Zelt auf. Es ist schon eine recht unheimliche Athmosphaere, mein Zelt hier in einer Geisterstadt zwischen den Ruinen aufzubauen. Mit dem verschwinden der Sonne wird es schnell kaelter und ich muss mir eine gefuetterte Hose, Pullover und Jacke ueberziehen. Doch dafuer bietet sich ein umso beeindruckender Sternenhimmel ueber mir. Die Milchstrasse ist ganz klar zu erkennen. Alles ist neu, ich kann keines der mir bekannten Sternzeichen wiedererkennen und ueberhaupt scheint es hier viel mehr Sterne zu geben.
Den ganzen Tag ueber habe ich probleme mit einem trockenen Hals gehabt, musste viel Husten und fuehle mich nicht besonders gut. Das einzige, was ich noch von mir geben kann, ist ein heiseres Kreachtzen. Ausgerechnet jetzt gibt die Batterie meinen Fieberthermometers ihren Geist auf und ihn einem letzten Energiestoss zeigt es mir noch eine Temperatur von 38,4 an. Zeit zum Schlafen...
Kurz nach 6 Uhr am Morgen stehe ich auf. Die Sonne ist noch nicht auf, es ist erst ein schmales Band am Horizont zu erkennen. Waehrend dem Fruestueck taucht die aufgehende Sonne die Umgebung in ein tolles Licht. Uber Holperpisten begebe ich mich wieder auf die Strasse und es kann weitergehen. Zu allem Umglueck hat der Wind in der Nacht gedreht und kommt mir nun direkt entgegen. Gestern habe ich gar nicht bemerkt, wie kraeftig der Wind hier in der Wueste ist und bin selbst laengere Anstiege locker mit 20 km/h berguf gefahren. Nun bekomme ich heute das totale Gegenteil zu spueren. Fast den ganzen Tag ueber liegt meine Geschwindigkeit zwischen 8 km/h und 16 km/h. Die Anstiege, die ich gestern locker "hinaufgeschoben" wurde, bemerke ich heute erst! Denn man sieht die Anstiege hier in der weite der Wueste gar nicht! Auf scheinbar ebener Flaeche geht es dann staendig bergauf und der Wind kann einem mit voller Kraft entgegensetzen.
An einer der Ruinenstaedte winkt mir ein kleiner Junge mit seinen Eltern froehlich zu. Einige Zeit spaeter ueberholen sie mich in ihrem klapprigen Chevrolet Pickup. Der Vater steigt aus und sagt mir einiges, was fuer mich aber sehr unverstaendlich ist, da er eine sehr undeutliche Aussprache hat. Er sagt mir, dass er es frueher mit dem Fahrrad einmal in 6 Stunden von Calama nach Antofagasta und umgekehrt in 9 Stunden geschafft hat - sicher als Rennradler. Davon kann ich heute nur traeumen.
Ich bin ernsthaft am zweifeln, wie ich die 95 Kilometer heute nach Calama noch vor der Dunkelheit schaffen soll. Es geht einfach nicht vorwaerts. Die Kommune Sierra Gorda sehe ich wieder lange vor meiner Ankunft. Von hier an wird es absolut keine Abwechslung geben. 65 Kilometer liegen vor mir - nicht einmal Ruinen gibt es dort. Ein kleiner Junge auf seiem Mountainbike fragt mich, wo ich denn herkomme. Aus Antofagasta sage ich ihm. Nun ja, genauer aus Deutschland per Flugzeug, korrigiere ich mich. Das findet er scheinbar viel cooler als dass ich mit dem Rad durch die Atacama fahre...
Von Sierra Gorda sehe ich bereits einen Anstieg in der Ferne. Die Strasse verliert sich im Nirgendwo. Stunden spaeter habe ich die Stelle erreicht, die von Sierra Gorda fuer mich die Horizont war - ueber 20 Kilometer und unglaubliche Anstrengungen spaeter. Scheiss Gegenwind!
Nun waere ich drauf und dran meinen Radlerstolz hinzuschmeissen und in den naechstbesten Wagen so steigen, wo mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten wird. Die Langeweile auf dieser Strecke ist einfach unglaublich. Zwei Tage lang nur einer Asphaltstrasse folgen - wie kann man nur so bloed sein??? Anfangs habe ich mir noch gesagt, dass ich alle 10 Kilometer einen Zwischenstopp einlegen werde - im endeffekt stoppe ich mindestens alle 5 Kilometer, um der Langeweile zu entgehen und dem schmerzenden Hintern (trotz neuer Radhose) eine Erholung zu goennen. Selbst jetzt im Internet-Cafe kann ich kaum auf dem Stuhl sitzen...
Hier ist ein Foto, was ich jetzt einfach mal von Betzgis Homepage "geklaut" habe. Doch auch damit bekommt man nur einen ziemlich unvollkommenen Eindruck von den Distanzen hier...
Nach unendlichen Qualen bin ich endlich so weit oben, dass ich einen schoenen Ausblick auf Calama und die dahinter liegenden riesigen und schneebedeckten Vulkangipfel der westlichen Andenkordillere habe. Ich stoppe kurz, um ein Foto zu machen. Der Fahrer der klapprigen Chevrolets von heute morgen kommt mir entgegen und sagt mir, dass es nun nur noch 32 Kilometer bis Calama seien. Und! Was viel wichtiger fuer mich ist. Es geht teilweise leicht bergab und ich habe nach eine Kurve endlich Rueckenwind! Natuerlich kommt Calama nicht schnell naeher, doch das zaehlen der Kilometer und Meter auf dem Fahrradcomputer (fast die einzige Abwechslung fuer mich heute) verlaeuft schon wesentlich schneller.
Endlich geht es ueber eine holprige Strasse in die Stadt. Das erste Hotel, dass ich aufsuche, ist leider voll. Beim Casa de Huespedes finde ich ein Zimmer fuer 8.000 Pesos (etwa 10 Euro) pro Nacht. Ich kann mein Fahrrad mit ins Zimmer nehmen und komme in den Genuss einer versifften, doch schoen heissen Dusche. Heute bin ich fast den ganzen Tag mit Jacke gefahren - wegen des kuehlen Gegenwindes und meinen Problemen mit Hals, Nase und Lunge. Die Erschoepfung zeigt sich am Abend. Noch bevor ich mein Gepaeck vom Rad genommen habe, werfe ich mich aufs Bett. Das war ein Fehler. Als ich mich eine Halbe Stunde spaeter dau ueberwinde aufzustehen, bekomme ich recht heftigen Schuettelfrost. Erst nach der heissen Dusche - und nachdem ich mich in dicke Klamotten gepackt habe - geht es mir besser. Ich schaffe es noch zum Einkaufen und Abendessen auszugehen, ohne dass ich Probleme dabei habe. Doch beim zubettgehen schlaegt der Schuettelfrost wieder voll zu und ich verkrieche mich tief unter der Bettdecke und meinem Winterschlafsack. Bei Bewegungen habe ich starke Schmerzen in den Adern der Gelenke. In der Nacht wache ich mehrmals auf, teils ueberhitzt und schwitzend, teils frierend. Ich verbrauche haufenweise Taschentuecher und Huste viel. Ich ueberlege, ob ich eine Tablette gegen Fieber nehmen sollte - doch die wuerde wieder nur die Symptome ueberdecken und nicht den Keim beseitigen. So schlafe ich einfach soviel ich kann. Nach gut 12 Stunden schlaf geht es mir auch schon viel besser. Die Beine sind zwar noch etwas lahm und der Schnupfen sehr stark, aber ich kann mich schon wieder problemloser bewegen und vor dem Fruehstueck noch ein wenig einkaufen.
Bis gerade eben habe ich stundenlang ueber den Karten und Reisefuehrern gehockt und darueber gegruebelt, wie es nun weitergehen soll. San Pedro de Atacama werde ich wohl wie geplant besuchen, allderings auf der kuerzesten asphaltierten Strecke. Urspruenglich wollte ich ueber die Geisiere von el Tratio fahren. Doch das wuerde im Gegensatz zur Asphaltstrecke, fuer dich ich etwa einen Tag benoetigen werde 4 Tage (!) dauern, wobei die Versorgungslage ungewiss waere. Die Strassen waeren auch viel schlechter und in Ruecksicht auf meine derzeitige Gesundheit werde ich morgen wohl "nur" die 98 Kilometer auf der Apshaltstrecke nach San Pedro fahren, um dort wieder mindestens einen Tag Zwischen stopp einzulegen (Viele interessante Sehenswuerigkeiten).
Wenn es mir danach wieder besser geht, moechte ich mich an der direkten Anahrt von dort nach Bolivien versuchen - mit Passhoehen von gut 4800 Metern. Dazu gibt es auf dieser Homepage uebrigens einen sehr guten Guide nach dem ich wohl fahren werde.
Jaja...und die Gabel. Ich werde mich gleich mal auf den Weg zum Radgeschaeft hier in Calama machen, wo ein solches von mir benoetigtes Exemplar angeblich verfuegbar sein soll. Allerdings hat meine Gabel auf dem Weg hierhin keinerlei Probleme gemacht - eher die Leichte 8 im Vorderrad (dafuer bekomme ich hier absolut keinen Ersatz) und andere Defekte, die mir erst auf dem Weg aufgefallen sind und entweder das Ergebnis des Fluges oder meiner anderen "Freifluege" sind.
Ja... und die Sache mit dem Wind am zweiten Tag. Es war ja derart schwierig in einem so kraftezehrenden Moment noch positiv zu denken! Das glaubt man gar nicht. Aber letztendlich hat sich vor Calama dann ja doch noch alles zum Guten gewendet. Am besten schreibe ich ueber meine Reise ein Buch: "Die (Rad-)Reise zum positiven Denken".
Hasta Luego
Sasa
Nach zwei anstrengenden Tagen habe ich die Atacama-Wueste zum groessten Teil durchquert und bin gestern in Calama gelandet. Doch der Reihe nach...
Am Freitag habe ich nach dem Besuch im Internet-Cafe noch meine Waesche von der Waescherei abgeholt. Dabei faellt mir auf, in wie tollen Farben die Sonne gerade ueber dem Pazifischen Ozean untergeht. Also nichts wie hin zum Ufer und ein paar Fotos schiessen. Da spricht mich dann eine fremde Person von hinten an, ob die Fotos denn ueberhaupt bei diesem Licht was werden koennen. Ich hoffe schon, antworte ich ihr. Sie heisst Christina, kommt aus Spanien und ist seit 5 Monaten hier in Chile mit einem erstaunlich kleinen Rucksack unterwegs. Sie erzaelt mir davon, dass sie gerade aus eine Kirche geschmissen wurde, weil sie dort schlafen wurde. Geld fuer eine Uebernachtung hat sie kaum noch, da ihr vor einigen Tagen 350 US$ geklaut wurden und sie erst fuer August einen Job in La Serena in Aussicht hat. Wir stimmen beide ueberein, dass die Leute hier wirklich ziemlich "seco", also trocken sind - wie ihre Umgebung. Von Spanischer bzw. suedamerikanischer Herzlichkeit und Lebenslust haben wir hier bisher beide wenig erfahren. Ich ueberlege eine Weile und schlage ihr dann vor, dass ich ihr eine Uebernachtung im Hotel, wo auch ich untergrebracht bin, spendieren kann. Im Grunde ist es ja nicht mein Geld - auch mir wurden schon hin -und wieder mal Uebernachtungen von anderen Menschen spendiert.
Danach muss ich noch Proviant fuer die Wuestendurchquerung einkaufen und sie zeigt mir dabei, wo man am billigsten an welche Nahrungsmittel kommt, und was man sonst noch so ausser meinen gewohnten deutschen Produkten essen kann.
Am naechsten Morgen mache ich mich dann so langsam auf. In der Hoffnung, dass meine Gabel die bevorstehenden zwei Etappen gut durchaelt, packe ich mein Rad und stuerze mich in den chaotischen Verkehr. Aus Antofagasta heraus geht es ziemlich steil bergauf. Mit den ersten Gipfel endet die Stadt und ich bekomme einen ersten Eindruck von der Wueste. Durch ein kleines Abflusstal windet sich die Strasse ueber die Kuestenkordillere, bis ich schliesslich ueber eine eine kleine Abfahrt zum Salar de Carmen endgueltig in die Atacama gerate. Die Strasse ist gluecklicherweise bis nach Calama gut ausgebaut - in meinem TurisTel-Atlas stehen alle wichtigen Orte, an denen ich Trinkwasser nachkaufen kann - das sind auf den insgesamt 213 Kilometern bis Calama sage und schreibe drei Orte.
Ich habe Rueckenwind und verspuere keinen Luftzug. Mein Thermometer steigt auf bis zu 40 Grad - in der Sonne. Doch Schatten gibt es hier keinen! So weit das Auge reicht, sieht man nur endlose steinige Wueste. Die einzige Abwechslung bietet der Verkehr. Das sind zum groessten Teil Trucks, Reisebusse und ein paar Pickups, von denen viele entgegenkommende freundlich winkend hupen. Sonst passiert nicht viel. Ich sehe zwei Geier, die sich an einem Hundekadaver gluecklich machen. Ein Autofahrer wirft eine Klopapierrolle aus dem Fenster, die dann in hohem Bogen vor mir durch die Luft fliegt - ob das als Lametter fuer mich gedacht ist? Doch die Fahrer der riesigen amerikanischen Trucks sind auch nicht ohne. Irgendwo versuchen gleich vier an der Zahl sich - ich weiss nicht wie - gegenseitig zu ueberholen und brausen von hinten auf mich zu. Ein Hoch auf meinen Rueckspiegel, so dass ich noch rechtzeitig an den Strassenrand ausweichen kann!
Das 514 Seelen-Kaff namens Baquedano sehe ich bereits gute8 Kilometer vor meiner Ankunft. Und dabei sieht es aus, als wenn ich es in kuerze Erreichen wurde. Doch Pustekuchen! Die Kilometer werden mehr und mehr und der Ort naehert sich nicht. Mit krummem Ruecken erreiche ich ihn endlich und versorge mich erst einmal mit einem kalten Eis. Danach geht es weiter durch die Einoede.
In Carmen Alto treffe ich auf eine Tankstelle, wo ich 3 Liter Wasser fuer fast 3 Euro kaufe und meinen Benzintank nachfuelle (Der Tankwart weiss gar nicht, was er mit meiner Brennstofflasche anfangen soll - im Endeffekt zahle ich fuer das Benzin deutlich weniger als fuer das Wasser.)
Her verlasse ich die Panamericana und fahre auf der Ruta 5 weiter in Richtung Calama. Gegen 6 Uhr geht die Sonne unter und ich muss einen Platz zum schlafen finden. Wirklich einladend sieht es hier nirgends aus. Doch bevor die Sonne weg ist (das geht hier ziemlich schnell), muss ich einen Schlafplatz gefunden haben. In einer kleinen verlassenen Mine namens Oficina Prat schlage ich mein Zelt auf. Es ist schon eine recht unheimliche Athmosphaere, mein Zelt hier in einer Geisterstadt zwischen den Ruinen aufzubauen. Mit dem verschwinden der Sonne wird es schnell kaelter und ich muss mir eine gefuetterte Hose, Pullover und Jacke ueberziehen. Doch dafuer bietet sich ein umso beeindruckender Sternenhimmel ueber mir. Die Milchstrasse ist ganz klar zu erkennen. Alles ist neu, ich kann keines der mir bekannten Sternzeichen wiedererkennen und ueberhaupt scheint es hier viel mehr Sterne zu geben.
Den ganzen Tag ueber habe ich probleme mit einem trockenen Hals gehabt, musste viel Husten und fuehle mich nicht besonders gut. Das einzige, was ich noch von mir geben kann, ist ein heiseres Kreachtzen. Ausgerechnet jetzt gibt die Batterie meinen Fieberthermometers ihren Geist auf und ihn einem letzten Energiestoss zeigt es mir noch eine Temperatur von 38,4 an. Zeit zum Schlafen...
Kurz nach 6 Uhr am Morgen stehe ich auf. Die Sonne ist noch nicht auf, es ist erst ein schmales Band am Horizont zu erkennen. Waehrend dem Fruestueck taucht die aufgehende Sonne die Umgebung in ein tolles Licht. Uber Holperpisten begebe ich mich wieder auf die Strasse und es kann weitergehen. Zu allem Umglueck hat der Wind in der Nacht gedreht und kommt mir nun direkt entgegen. Gestern habe ich gar nicht bemerkt, wie kraeftig der Wind hier in der Wueste ist und bin selbst laengere Anstiege locker mit 20 km/h berguf gefahren. Nun bekomme ich heute das totale Gegenteil zu spueren. Fast den ganzen Tag ueber liegt meine Geschwindigkeit zwischen 8 km/h und 16 km/h. Die Anstiege, die ich gestern locker "hinaufgeschoben" wurde, bemerke ich heute erst! Denn man sieht die Anstiege hier in der weite der Wueste gar nicht! Auf scheinbar ebener Flaeche geht es dann staendig bergauf und der Wind kann einem mit voller Kraft entgegensetzen.
An einer der Ruinenstaedte winkt mir ein kleiner Junge mit seinen Eltern froehlich zu. Einige Zeit spaeter ueberholen sie mich in ihrem klapprigen Chevrolet Pickup. Der Vater steigt aus und sagt mir einiges, was fuer mich aber sehr unverstaendlich ist, da er eine sehr undeutliche Aussprache hat. Er sagt mir, dass er es frueher mit dem Fahrrad einmal in 6 Stunden von Calama nach Antofagasta und umgekehrt in 9 Stunden geschafft hat - sicher als Rennradler. Davon kann ich heute nur traeumen.
Ich bin ernsthaft am zweifeln, wie ich die 95 Kilometer heute nach Calama noch vor der Dunkelheit schaffen soll. Es geht einfach nicht vorwaerts. Die Kommune Sierra Gorda sehe ich wieder lange vor meiner Ankunft. Von hier an wird es absolut keine Abwechslung geben. 65 Kilometer liegen vor mir - nicht einmal Ruinen gibt es dort. Ein kleiner Junge auf seiem Mountainbike fragt mich, wo ich denn herkomme. Aus Antofagasta sage ich ihm. Nun ja, genauer aus Deutschland per Flugzeug, korrigiere ich mich. Das findet er scheinbar viel cooler als dass ich mit dem Rad durch die Atacama fahre...
Von Sierra Gorda sehe ich bereits einen Anstieg in der Ferne. Die Strasse verliert sich im Nirgendwo. Stunden spaeter habe ich die Stelle erreicht, die von Sierra Gorda fuer mich die Horizont war - ueber 20 Kilometer und unglaubliche Anstrengungen spaeter. Scheiss Gegenwind!
Nun waere ich drauf und dran meinen Radlerstolz hinzuschmeissen und in den naechstbesten Wagen so steigen, wo mir eine Mitfahrgelegenheit angeboten wird. Die Langeweile auf dieser Strecke ist einfach unglaublich. Zwei Tage lang nur einer Asphaltstrasse folgen - wie kann man nur so bloed sein??? Anfangs habe ich mir noch gesagt, dass ich alle 10 Kilometer einen Zwischenstopp einlegen werde - im endeffekt stoppe ich mindestens alle 5 Kilometer, um der Langeweile zu entgehen und dem schmerzenden Hintern (trotz neuer Radhose) eine Erholung zu goennen. Selbst jetzt im Internet-Cafe kann ich kaum auf dem Stuhl sitzen...
Hier ist ein Foto, was ich jetzt einfach mal von Betzgis Homepage "geklaut" habe. Doch auch damit bekommt man nur einen ziemlich unvollkommenen Eindruck von den Distanzen hier...

Nach unendlichen Qualen bin ich endlich so weit oben, dass ich einen schoenen Ausblick auf Calama und die dahinter liegenden riesigen und schneebedeckten Vulkangipfel der westlichen Andenkordillere habe. Ich stoppe kurz, um ein Foto zu machen. Der Fahrer der klapprigen Chevrolets von heute morgen kommt mir entgegen und sagt mir, dass es nun nur noch 32 Kilometer bis Calama seien. Und! Was viel wichtiger fuer mich ist. Es geht teilweise leicht bergab und ich habe nach eine Kurve endlich Rueckenwind! Natuerlich kommt Calama nicht schnell naeher, doch das zaehlen der Kilometer und Meter auf dem Fahrradcomputer (fast die einzige Abwechslung fuer mich heute) verlaeuft schon wesentlich schneller.
Endlich geht es ueber eine holprige Strasse in die Stadt. Das erste Hotel, dass ich aufsuche, ist leider voll. Beim Casa de Huespedes finde ich ein Zimmer fuer 8.000 Pesos (etwa 10 Euro) pro Nacht. Ich kann mein Fahrrad mit ins Zimmer nehmen und komme in den Genuss einer versifften, doch schoen heissen Dusche. Heute bin ich fast den ganzen Tag mit Jacke gefahren - wegen des kuehlen Gegenwindes und meinen Problemen mit Hals, Nase und Lunge. Die Erschoepfung zeigt sich am Abend. Noch bevor ich mein Gepaeck vom Rad genommen habe, werfe ich mich aufs Bett. Das war ein Fehler. Als ich mich eine Halbe Stunde spaeter dau ueberwinde aufzustehen, bekomme ich recht heftigen Schuettelfrost. Erst nach der heissen Dusche - und nachdem ich mich in dicke Klamotten gepackt habe - geht es mir besser. Ich schaffe es noch zum Einkaufen und Abendessen auszugehen, ohne dass ich Probleme dabei habe. Doch beim zubettgehen schlaegt der Schuettelfrost wieder voll zu und ich verkrieche mich tief unter der Bettdecke und meinem Winterschlafsack. Bei Bewegungen habe ich starke Schmerzen in den Adern der Gelenke. In der Nacht wache ich mehrmals auf, teils ueberhitzt und schwitzend, teils frierend. Ich verbrauche haufenweise Taschentuecher und Huste viel. Ich ueberlege, ob ich eine Tablette gegen Fieber nehmen sollte - doch die wuerde wieder nur die Symptome ueberdecken und nicht den Keim beseitigen. So schlafe ich einfach soviel ich kann. Nach gut 12 Stunden schlaf geht es mir auch schon viel besser. Die Beine sind zwar noch etwas lahm und der Schnupfen sehr stark, aber ich kann mich schon wieder problemloser bewegen und vor dem Fruehstueck noch ein wenig einkaufen.
Bis gerade eben habe ich stundenlang ueber den Karten und Reisefuehrern gehockt und darueber gegruebelt, wie es nun weitergehen soll. San Pedro de Atacama werde ich wohl wie geplant besuchen, allderings auf der kuerzesten asphaltierten Strecke. Urspruenglich wollte ich ueber die Geisiere von el Tratio fahren. Doch das wuerde im Gegensatz zur Asphaltstrecke, fuer dich ich etwa einen Tag benoetigen werde 4 Tage (!) dauern, wobei die Versorgungslage ungewiss waere. Die Strassen waeren auch viel schlechter und in Ruecksicht auf meine derzeitige Gesundheit werde ich morgen wohl "nur" die 98 Kilometer auf der Apshaltstrecke nach San Pedro fahren, um dort wieder mindestens einen Tag Zwischen stopp einzulegen (Viele interessante Sehenswuerigkeiten).
Wenn es mir danach wieder besser geht, moechte ich mich an der direkten Anahrt von dort nach Bolivien versuchen - mit Passhoehen von gut 4800 Metern. Dazu gibt es auf dieser Homepage uebrigens einen sehr guten Guide nach dem ich wohl fahren werde.
Jaja...und die Gabel. Ich werde mich gleich mal auf den Weg zum Radgeschaeft hier in Calama machen, wo ein solches von mir benoetigtes Exemplar angeblich verfuegbar sein soll. Allerdings hat meine Gabel auf dem Weg hierhin keinerlei Probleme gemacht - eher die Leichte 8 im Vorderrad (dafuer bekomme ich hier absolut keinen Ersatz) und andere Defekte, die mir erst auf dem Weg aufgefallen sind und entweder das Ergebnis des Fluges oder meiner anderen "Freifluege" sind.
Ja... und die Sache mit dem Wind am zweiten Tag. Es war ja derart schwierig in einem so kraftezehrenden Moment noch positiv zu denken! Das glaubt man gar nicht. Aber letztendlich hat sich vor Calama dann ja doch noch alles zum Guten gewendet. Am besten schreibe ich ueber meine Reise ein Buch: "Die (Rad-)Reise zum positiven Denken".

Hasta Luego
Sasa