Ein anderes Mal, in Celle, frage ich nach dem Standort des Campingplatzes. Die ältere Dame erzählt mir ihre halbe Lebensgeschichte.
Sowas kommt immer wieder vor. Schlimmstes Beispiel hatte ich mal, als ein Elsässer (an einer Tankstelle nahe Mulhouse, wegen Wasserversorgung gehalten) mich in eine politische Diskussion Elsass/Deutschland verwickelte bis hin zu sonstigen weltpolitischen Themen und dabei ständig mit dem Finger auf die Brust stieß

- wich ich zurück, rückte er nach...
Die meisten Begegnungen sind aber nett oder sorgen für das gewisse Etwas auf Alleinreisen. Ich möchte darauf nicht verzichten. Wenn sich die Leute dafür interessieren, zeugt das meist von Respekt und Anerkennung. Viele Originale sind dabei:
Der Alte an der Straße unweit Grenoble, der wohl einmal Fausti Coppi kannte und der mir erfolglos dauernd die richtige Aussprache der wichtigsten französischen Wörter einzuschärfen pflegte "vin & pain" - besonders das spuckende "p" musste ich ständig wiederholen. Oder viele alte Franzosen, die über ihre Jugendzeit sinieren, wo sie auch viel Rad gefahren sind. Oder der Radhändler in Lannemezan, der anfängt zu lachen, als er meinen Reiseplan sieht und fragt "Und das soll Urlaub sein?" Oder der Jogger in Colmar, der einen Umweg für mich läuft, um mich zur Jugendherberge geleitet (die dann leider doch voll war). Oder die Campingfrau am Pyrenäenrand, die nicht versteht, warum ich nicht die Tour de France mitfahre...
Die Schweizer, die bei der Wegauskunft in einen geruhsamen Erzählstil verfallen und mit stoischer Gelassenheit jede Eile abwehren, egal ob irgendwo im Mittelland oder mitten in Basel. Oder der kauzige Schweizer Stammcamper im Engadin, der mich wohlwollend als Spinner bezeichnet, wenn ich von Pontresina nach Maloja über zwei Pässe fahre statt geradewegs durch, und der mich zum Morgenkaffee nach kalter Nacht in den Wohnwagen einlädt, um mir andere Geschichten von verrückten RadlerInnen zu erzählen, von Murmeltieren, die bellen und nicht pfeifen, und weiß, dass er selbst ein Spinner in den Augen der meisten ist. Oder der Töfflikünstler Köbi Waser, der mir sein Prunkstück "Melodiepumpwerk" vorführt, weil ich mich als Radreisender für seine Figuren fotografierend interessiert habe.
Der Italiener bei Spezia, der mir mit den drei deutschen Worten die Hand schüttelt und zu meiner Leistung gratuliert. Der in Italien illegale, geduldete albanische Obsthändler bei Pistoia, mit dem ich die ganze Nacht verquatschte, weil es weder Camping noch Hotel noch ein geeignetes Plätzchen irgendwo in den Büschen zu finden gab, und der zu meinem Unmut in Begeisterung verfiel, als er hörte, dass ich aus der Daimler-Stadt Stuttgart kam - Daimler ist alles. Oder die rassige Italienerin, die sich im Valgrana aus dem Fenster des langsam auffahrenden Vamp herauslehnt und mir zuruft "complimenti, grande!" - da werden neue Kräfte frei und die alpenrosengetränkte Berglandschaft zeigt sich noch schöner als ohnehin...
Das österreichische Ehepaar, das mich flüsternd am Fuschertörle fragt, "Warum nur, warum quäle ich mich in einer für den Autofahrer unerträglichen Langsamkeit den Berg hoch mit all der Last?" Oder der kroatische Koch auf einem Camping der Insel Pag, der nach dem Essen aus der Küche kam und wissen wollte, wer denn nun sein Meistergericht Schweinefilet mit Avocado-Trüffelkruste verspeist hat - wo wohl sonst immer nur Pasta oder Pommes über den Tisch gehen. Oder die Niederländer, die mit ihren Sprachfähigkeiten als Übersetzer für die Franzosen dienten, die mir unbedingt helfen wollten, als ich lebensmittelvergiftet niedergestreckt im Zelt in Sospel wimmerte...
Ja überall in Restaurants, mit Gästen, mit Betreibern, in Hotels, auf Campingplätzen entstehen anregende Gespräche - man hört ganz verschiedene Welten, Schicksale, immer wieder auch Radbegeistere dabei. Auch ohne Fahrrad und -klamotten falle ich oft auf, weil ich meine Lendkertasche dabei habe, meist die Landkarten am Tisch studiere und meine Aufzeichungen von der Etappe mache.
Ich finde es besser, wenn sich die Leute fragen "woher kommst du, wohin fährst du" - wenn sie sich für den Reisenden interessieren - und besonders den radelnden. Ja, viele dieser Passanten geben mir auch immer ein bisschen Motivation für das, was ich tue.
Deswegen an dieser Stelle symbolisch Danke an alle Nichtradler/innen für die Gespräche und Gesten, das Motivationshupen der Autos, dem positiven Daumen usw.