Sicher bin ich mit so Anfang 20 härtere Etappen gefahren, aber da wirkt mittlerweile die Verklärung der Vergangenheit...
Nach 2 jahren verletzungsbedingter Fahrradabstinenz baue ich ´99 für einen Freund ein Rad auf, beim Probefahren packt mich der alte Virus mit voller Wucht! Mit ebensolcher überrede ich den stolzen Besitzer dieses papageienbunten Bocks, sein neues Schätzchen an mich auszuleihen, für 4 Wochen! Flug nach Zypern gebucht, und: Auf geht´s! Leider völlig untrainiert und mit einem in 2 Wintern angefressenen Feinkostgewölbe über dem Oberrohr. Startpunkt ist ein kleiner Ort: Polis Chrysochou an der Westküste, 12m über N.N. Der Finger folgt der Küstenstrasse auf der Umsonst-aber-schlecht-Tourikarte: Kato Pyrgos heisst das Ziel, halt immer der Küstenstrasse entlang, 40 km hin, 40km zuruck, der morgendliche Gegenwind soll auf dem Rückweg den "Flautenschieber" übernehmen, lockere Tour also. Ende März wird es nicht so
richtig heiss, die Flasche mit dem 15er Sonnenschutz kann also im Quartier bleiben. Nach 20 km durch öde Küstenkäffer beginnen die ersten (vergeblichen!) Einkehrschwünge: "Kleisto" bedeutet in diesem Fall: wg. Renovierung geschlossen! O.K. dann halt hinter dem nächsten Kap. Also, dann noch eins! Die gut ausgebaute Strasse kürzt ab über den nächsten Hügel, auch gut.
Die Strasse da oben am Berg muss ich zum Glück ja nicht fahren.
Warum hat dieses Rad keine Trinkflaschenhalter, achja, der Besitzer trägt Schlaghosen, wär jetzt aber doch praktisch, die dämliche Wasserflasche in der Hecktasche ist nicht während der Fahrt zu erreichen.
Ganz schön viel Gegend, die zerschossenen Wegweiser schicken mich aber beharrlich weiter bergauf nach Kato Pyrgos, "Kato" heisst doch "Nieder...", was soll´s, solange ich nicht die Serpentinen da oben fahren muss, wo ist denn eigentlich das Meer?
Hinter der dritten Serpentine halte ich neben einem Pick-Up mit dampfendem Kühler, der Fahrer bietet mir eine Mitfahrgelegenheit an, die ich entrüstet ausschlage, die Frage nach dem schon lange überfälligen Kustenort Kokkino scheint er nicht zu verstehen, aber Kato Pyrgos vermutet er in den Bergen, Einheimischer halt...
2 Flaschenfüllungen transportiere ich nach Kamelart, die Reserve kommt wieder in die Hecktasche. 2 Stunden später beschliesse ich eine Änderung, einen der Busse, dir mir ab und an bergab entgegenkommen nähme ich jetzt für die Rückfahrt, kommt aber keiner.
Ich bekomme Sonnenbrand in den Kniekehlen und hinter den Ohren, der Tacho schwankt entscheidungsschwach zwischen 8einhalb und 9 km/h, nach 3 Stunden sehe ich zum ersten Mal wieder das Meer, ganz hinten unten, was sollen dann die Salzkristalle auf meinem Hemd?
Beim Schieben auf der ungewohnten Strassenseite kann ich den entgegenkommenden Allrad-Autos viel entspannter zuwinken. Schon bin ich bereit, die nächste Kuppe auf den Namen "Soundso-Pass" zu taufen und zum Downhill Richtung Polis überzugehen, steige also wieder auf und - erreiche mit hechelnder Zunge und Puls im roten Bereich einen Militärstützpunkt der Unosoldaten. Im besten Wienerisch werde ich aufgeklärt, dass es jetzt von 1024m nur noch abwärts 20 km nach Pyrgos geht! Die vemeintlich perfekte Küstenstrecke ist die neue Umgehungsstrasse um die türkische Militärenklave Kokkino, die den griechischen Kartografen offensichtlich mächtig peinlich war. Beim folgenden "Downhill" über nunmehr schlaglochübersäte Patchworkstrasse pulverisiere ich einen Satz "GreenFrog"-Bremsbeläge am bunten Fahrrad und stelle dann in
Kato Pyrgos fest, dass zwischen Freitagabend und Montagfrüh kein Bus mehr fährt.
Am Samstagmorgen mache ich mich also, nach 5000 Kalorien Abendessen und einer Hotelübernachtung, auf den Rückweg, diesmal ohne Karte, die wurde von der leckenden Wasserflasche zu Brei gemacht. Ich folge meiner Nase, überquere diesen Teil des Troodos-Gebirges zum zweiten Mal in 24 Stunden, jetzt auf Köhlerpfaden und Waldwegen und erreiche meinen Startort mit einer ebensolchen Verspätung.
Während der verbleibenden Zyperntage nahm ich den Mangel an Magura-Ersatzteilen und einen bärenmässigen Muskelkater als Entschuldigung für den Besuch zahlreicher Barbeques.
Nur zypriotische Esel und deutsche Radler gehen mittags um 12 in der Sonne.
8 Stunden Fahrzeit für unerwartete 1700 HM, Schnitt
Axel