Posted by: veloträumer
Re: Formanstieg oder zunehmende Ermüdung - 12/23/16 01:46 PM
In Antwort auf: iassu
Die letzten 3 Reisen hatte ich mit exakter Tagesplanung und gebuchten Unterkünften durchgeplant und auch so durchgeführt. Langweilig? mitnichten. Nur so, stelle ich für mich fest, erbringe ich auch die Tagesleistungen, die ich eigentlich erbringen will.
Vielleicht eher offtopic...
In gewisser Weise überrascht mich diese Aussage - besonders der letzte Teil. Ich habe meine Tagesleistungsansprüche eigentlich immer mehr marginalisiert in dem Verlauf meiner Radreisekarriere. Meine Tagesleistung besteht eher darin, was ich sehen will - genauer: es gibt eine "Tourleistung", was ich etwa sehen und fahren möchte und welche Dinge Priorität haben sollen, für den Fall der Kürzungen und Ausfälle. Wenn dem aber so ist, kann ich nicht an vorgegebenen Tageszielen festhalten. Komme ich durch Wetter oder nicht erreichbare körperliche Leistung nicht genügend voran, müsste ich ja Ziele ausfallen lassen, nur um das Übernachtungsziele zu erreichen (Strecke verkürzen, auf andere Verkehrsmittel umsteigen).
Tatsächlich fahre ich normalerweise ohne Vorbuchungen. Bei meiner letzten Reise hatte ich aber quasi 3 fixierte Übernachtungen - zweimal hatte ich einen Tag Zeit, das andere Mal 3 Tage, um das Ziel zu erreichen. Ergebnisse:
Bereits Tag 1 war zu knapp geplant. Das hing sicherlich damit zusammen, dass ich den Grad der Besichtigung einer Burg flexibel offen gelassen hatte. Letztlich wurde es länger, ohne burgbesichtung wäre es aufgegangen. Sicherlich hat aber auch das Terrain dazu beigetragen - neben der eher nicht genau bekannten Topographie war es auch der unbekannte Wegezustand. Kleinigkeiten kamen hinzu wie etwa eine leichte Zugverspätung. Das Übernachtungsziel habe ich natürlich erreicht, aber unter Kürzungen, die ich ohne Zielvorgabe nicht gemacht hätte. Im Gesamtplan nehme ich dann zwar auch Kürzungen vor, aber ggf. zu einem späteren Zeitpunkt, sofern ich nicht zum "Aufholen" komme.
2. Übernachtungsziel: Wieder reichte die Zeit nicht für die geplante Strecke. Zunächst verspätete Abreise beim Frühstück, was aus sozialen Gründen nicht vermeidbar war. Es folgten starke Einschränkungen durch das Wetter, allein durch Umkleiden verbraucht man Zeit (u.a heftiger Regen bzw. Dauerregen). Auch die Zahl der Fotostopps hatte ich doch unterschätzt. Das Ziel erreichte ich natürlich erneut, allerdings mit starker Abkürzung und überlanger Dunkelfahrt (keine Landschaft gesehen). Die Abkürzung war diesmal aber "gewollt" im Sinne des Gesamtplans und auch im Sinne des Wetters.
3. Übernachtungsziel: Durch die 3 Tage war ich flexibler. Der erste Tag wurde nach allen Regeln des Genusses gefahren. Ich hatte natürlich wieder Rückstand, nächtigte entsprechend an einem frühreren Ort als geplant. Wieder sorgten die unbekannten Wege(zustände) und zuviele Fotostopps zur längeren Fahrtdauer. Am zweiten Tag musste ich schon wieder etwas an das Planziel am nächsten Tag denken und veränderte meine Route und mein Besichtigungsprogramm mehr als ich es sonst getan hätte. Es tauchten sogar neue Besichtigungsangebote auf, die ich gerne noch genutzt hätte. Wieder schaffte ich noch ein akzeptables Zwischenziel, mit allerdings erneut zu langer Dunkelfahrt. Eine Alternative wäre gewesen, einen ganzen Bogen der Runde abzusagen, die Besichtigungen zur einen Seiten voll auszuschöpfen und den letzten Tag mit einem guten Stück Zugfahrt machbar zu gestalten. Tatsächlich fuhr ich am letzten Tag dann die recht große Reststrecke durch, schaffte das Planziel, allerdings weitgehend unter Verzicht der schöner geplanten Routen und irgendwelcher Besichtigungen sowie mit nur ganz wenigen Fotostopps. Ohne die "Zwangszwischenziele" wäre die Tour bewusst anders gelaufen. Die entscheidenden Kürzungen gegenüber dem Plan hätte ich am Ende der Tour gemacht, sogar hätte ich das Programm am Beginn der Tour noch zu Lasten der Schlussregion erweitert.
Auf meine beiden letzen großen Alpentouren im Sommer gemünzt, wäre ich mit Vorbuchungen zwangsläufig ins Chaos gefahren - zuviele der unbeständigen Witterungen, zuviel der unkalkulierbaren Topografie und Wegezustände, sowie weiteren Überraschungen. Tägliche Teilziele - schlicht unmachbar, obwohl ich die Gesamtfäden der Touren sehr wohl gehalten haben. Ich darf deine Äußerung daher auch so verstehen, dass sich die Reisziele in eher beständigen Wetterregionen befinden bzw. dass du bei Wettereinbrüchen zu radikalem Verzicht aufs Radfahren bereit bist um dein Übernachtungsziel zu erreichen (Bahn, Schiff).
Ich will damit nicht sagen, dass die notwendigen Tages-Abkürzungen inklusive anderer Verkehrsmitteln nicht auch spannende Reisezeit sein können - aber sicherlich wäre es vom ursprünglichen Tourgedanken weiter weg als die improviserte Verschiebung der Übernachtungsziele und die flexible Routenanpassung über den gesamten Tourverlauf hinweg. Nicht zuletzt kann man vielfach nur vor Ort entscheiden, welcher Teil einem wertvoller ist. (Früher konnte ich sogar häufiger noch Strecke aufholen - klappt heute nicht mehr.) Damit gebe ich auch meinem anfangs eher schwachen Tourgedanken eine Chance sich zu entwickeln zu dem, was sich an Empfindungen auf der Reise einstellt und was am Ende daraus wird - nämlich ein roter Faden, ein brennender Gedanke, gar eine Geschichte. Mit Zwangszielen würde es zu Brüchen kommen und entsprechend weniger geschlossen die Empfindungen. Ich plane sehr viel, aber nur ein flexibler Plan ist ein guter.

