Re: Über Hunsrück und Eifel an die Küste

Posted by: DieterFfm

Re: Über Hunsrück und Eifel an die Küste - 10/21/13 05:22 PM

So, weiter geht's mit den Tagen 10 bis 13.
Wer's bisher geschafft hat, darf sich dann noch auf den letzten Teil freuen.
Und wer's nicht geschafft hat, na gut, die Bilder sind leider nicht mehr so der Brüller...



10.Tag Nach Hamburg: Elbe links und rechts
  • Samstag: 8.6.
  • Tacho: 111 km
  • Höhe: 110 m
  • Sattelzeit: 5:54 Std.
  • Schnitt: 18,1 km/h
  • Übernachtung: 0,00€

In der Nacht scheint es recht windig zu sein, zumindest wenn ich wach bin, ist die Zeltwand immer ziemlich am Flattern. Trotzdem ist das Zelt am Morgen nass. Und die Zeltplane ist von gemähtem Gras völlig verdreckt. So ein Mist. Wie immer komme ich gegen 6 Uhr los.

Schon in Otterndorf finde ich eine Bäckerei zu Frühstücken. Sie machen zwar eigentlich erst um 6:30 Uhr auf, aber bereits eine Viertelstunde früher kriege ich ein Salamibrötchen und einen Kaffee.

Ich fahre wieder zurück zum Deich, diesmal kommt der Wind schräg von links, also von Norden. Das ist zwar besser als gestern, aber immer noch ziemlich störend. Und am Deich muss ich wieder den Schafscheiße-Slalom fahren, die Schafsgatter sind immer noch so bescheiden konstruiert und halten nur auf. Aber ich habe ja Zeit … allein, mir fehlt die Geduld. Schon an der nächsten Möglichkeit flüchte ich zur parallel verlaufenden Landstraße.



Containerfrachter Richtung Nordsee


Ich will das Oste-Sperrwerk sehen, also muss ich schon in Belum wieder zum Deich abbiegen. Leider gibt es von der Westseite keinen vernünftigen Zugang, also muss ich erst um den gesamten Oste-Altarm herumfahren, bevor ich wieder zum Sperrwerk abbiegen kann.

Das Oste-Sperrwerk wurde nach der Sturmflut von 1962 gebaut, wobei an der Oste ca. 10.000ha Land überflutet wurden. Mit dem Sperrwerk ist die Deichlinie bei einer Sturmflut um 135km verkürzt. Das Sperrwerk wird geschlossen, wenn der Wasserstand der Elbe es erfordert. Außerdem wird die Zugbrücke zu festen Zeiten hochgeklappt. Leider bin ich genau zu einem solchen Zeitpunkt am Sperrwerk, die Überquerung ist nicht möglich. Also muss ich wieder zurück nach Neuhaus, und erst im nächsten Ort Geversdorff komme ich über die Oste.



Oste-Sperrwerk geöffnet


Dann halte ich mich wieder nach Norden, bis ich im Niemandsland zwischen Deich im Norden und diversen kleineren Orten im Süden, beides sind ca. 2km Luftlinie entfernt, nach Osten fahre (klingt kompliziert, ist es aber nicht ?). Dieser schöne Weg führt über 15km durch die Marsch des Kehdinger Landes, das meist unter dem Meeresspiegel gelegen ist. Trotz des strammen Nordwinds ist es warm genug, um die langen Klamotten auszuziehen. Und dann endlich, kurz vor Freiburg, biege ich nach Südosten ab und der Wind übernimmt schließlich mal die unterstützende Funktion.



Pause im Kehdinger Land


In Freiburg mache ich die nächste Pause in einem Bücherei-Café, d.h. einem Café, in dem man Bücher leihen kann (oder umgekehrt), eine wirklich nette Idee. Zum Kaffee gibt’s einen Nusstaler als zweites Frühstück. Dann ist es nicht mehr weit zur Fähre über die Elbe.

Als Radfahrer habe ich das Privileg, an der Schlange der wartenden Autos vorbeifahren zu können. Eine Fähre legt gerade ab und hat Probleme, bei der momentanen Ebbe im engen Hafenbecken zu wenden. Die nächste Fähre kann deshalb nicht sofort einfahren, so dauert die Ent- und die Beladung ganze 20 Minuten. Für die ca. 6km lange Überfahrt (laut Navi) werden nochmals 20 Minuten benötigt. Ich zähle vier Fähren im Einsatz, alle sichtbar voll beladen, kein Wunder, weil es bis Hamburg keine weitere Elbequerung gibt. Gegen 11:15 Uhr erreiche ich Glückstadt.

Hier bleibe ich zunächst nicht am Deich, sondern suche einen Weg durch eine Wohnsiedlung zur Hauptstraße. An einem Penny-Markt steht ein Hähnchen-Wagen. Ich bestelle ein halbes mit Pommes, und während die Pommes noch heißgebrutzelt werden, fülle ich im Penny meine Wasservorräte auf. Das Hähnchen ist so lala, nicht zu vergleichen mit den Hähnchen, die ich oft donnerstags am Markt an der Bockenheimer Warte esse. Die Pommes sind so viele, dass ich sie kaum packe. Der Hähnchen-Brutzler kann kaum glauben, dass ich mit dem Rad von Frankfurt bis nach Glückstadt gefahren bin. Ein Kollege von ihm bringt Nachschub an gefrorenen Pommes und ich muss meine unglaubliche Geschichte nochmals erzählen.

Hinter dem Binnenhafen von Glückstadt geht’s wieder an den Deich, diesmal bleibe ich auf der Nordost-Seite, wohl wissend, dass der Wind aus Norden kommt und mich heftig vorwärts bläst. So sause ich mit knapp 30kmh nach Süden.

Auf den nächsten 11km bis zum Sperrwerk Krückau werde ich 8 Mal von Schafsgattern aufgehalten, das drückt natürlich den Schnitt. Gegen 12:40 Uhr habe ich das Sperrwerk passiert. Zum Sperrwerk Krückau gibt es noch ein Gegenstück, das Sperrwerk Pinnau. Das Besondere an beiden Sperrwerken ist, dass die Bedienungsmannschaften um 13 Uhr Mittagspause machen und dabei die Zugbrücken hochziehen. Dann ist man zwischen beiden Sperrwerken für eine Stunde gefangen. Ich habe also höchstens 20 Minuten Zeit, die 5,6km nach Pinnau zu schaffen. Ein Radler-Pärchen weist mich nochmal auf die Situation hin und wünscht mir viel Glück.



Sperrwerk Krückau 12:37 Uhr


Also gebe ich Stoff, der Wind hilft weiterhin mit. Aber etwa zur Hälfte der Strecke werde ich jäh gebremst. Ein doppeltes Schafsgatter muss durchfahren werden, das kostet wertvolle Zeit. Dann muss ich wieder Tempo aufnehmen und wirklich, um 12:55 Uhr sehe ich das Sperrwerk, die Zugbrücke ist noch unten. Ich sause zur Auffahrt und schaffe es gerade noch hinüber. Auf der anderen Seite bleibe ich stehen und verschnaufe, da wird die Schranke geschlossen und die Brücke bewegt sich nach oben. Das war knapp.



Sperrwerk Pinnau 12:58 Uhr


Nach 500m steht eine Bank auf dem Deich und ich mache eine wohlverdiente Pause. Dabei lade ich das Gepäck ab und lasse die Zeltplane im Wind und Sonne trocknen. Mit dem Wischtuch wird auch noch der alte Rasendreck entfernt.

Nach einer Viertelstunde geht’s weiter am Deich entlang. Mit Rückenwind sausen, bremsen, Schafsgatter auf, Rad hindurch, Gatter zuknallen lassen, wieder Tempo aufnehmen. Ich kann nicht zählen, wie oft diese Prozedur abläuft. Zu Hause könnte ich das am Track des Navis zählen, habe aber keine Lust.

Im Café am Fährmannssand genehmige ich mir dann einen Kaffee und ein Stück Kuchen, was allerdings nicht zu empfehlen ist. Vielleicht ist man an einem Samstagnachmittag auch nur mit den vielen Gästen etwas überfordert.

Nach Wedel zum Schulauer Fährhaus, dem „Willkommshöft“, ist es dann auch nicht mehr weit. Am Hafen ist ziemlich viel Betrieb, anscheinend lockt das schöne Wetter die Menschen zur Elbe. Vor dem Ort muss ich die Elbe kurz verlassen, ein Kraftwerk will umfahren werden, deshalb geht es kurz durch das Städtchen. Wieder an der Elbe, nehme ich einen Wanderweg etwas oberhalb des steilen Ufers im Naturschutzgebiet Wittenbergen, was mir einige unwillige Blicke von Wanderern einbringt, aber ich habe keinen anderen Weg gefunden. Die Sicht ans andere Ufer der Elbe ist jedenfalls grandios.

Bald geht’s wieder herunter auf ein Sträßchen, dass dann zur Zufahrt zum Elbe Camp mutiert. Hier ist die Hölle los, Autos kreuz und quer geparkt, andere wollen zum Camp oder wieder fort. Mit dem Rad komme ich gerade so durch und bin froh, als die Straße endlich zu einem Radweg wird. Dann erreiche ich Blankenese und bin überrascht, wie unglaublich interessant es am Hang gelegen ist. Viele schöne alte und neue Villen sind vom Ufer aus zu sehen.



Blick auf Blankenese


Vor dem Hirschpark leitet mich dann der Navi nach Norden, steil hinauf zum Mühlenberg und zur Elbchaussee und problemlos werde ich durch die Straßen von Osdorf zu meinem Bruder nach Lurup geführt. Um 15:45 Uhr kann ich dem überraschten und freudigen Geburtstagskind die Pfote schütteln, damit hat er nun nicht gerechnet.

Die Fete hat noch nicht angefangen, also werden erst mal alle bereits vorhandenen Gäste begrüßt. Dann mache ich mich fein, soweit das möglich ist. Mittlerweile sind auch die noch fehlenden Gäste angekommen. Wann habe ich die zuletzt gesehen? Die sind ja alle inzwischen erwachsen!

Das Highlight sind natürlich die Kleinen von meinem Neffen. Was für süße Kinder und beide sind auch kontaktfreudig und haben keine Scheu, als ich Fotos mache. Der Garten ist so weiträumig, dass sie herumtoben können, was sie auch ausgiebig tun.

Es gibt Gegrilltes, dann wird mit allen ausgiebig gequatscht. Die Meisten werde ich ja in drei Wochen bei der Hochzeit wiedersehen. Apropos, ich bin ja immer noch keinen Schritt weiter mit meiner Rede.

Gegen 22 Uhr hat sich die Gesellschaft aufgelöst. Ich kann noch kurz meinen Bericht schreiben, dann geht’s ebenfalls ins Bett.



11.Tag Nach Soltau: Hamburg und Lüneburger Heide
  • Sonntag: 9.6.
  • Tacho: 132 km
  • Höhe: 450 m
  • Sattelzeit: 7:15 Std.
  • Schnitt: 18,1 km/h
  • Übernachtung: 16,00€

Mein Bruder hat sich den Wecker auf 7 Uhr gestellt, ich bin bis dahin bereits fertig und habe meine Taschen gepackt. Dann frühstücken wir gemütlich und bequatschen noch den gestrigen Tag und meine weitere Planung für die kommende Woche. Beim Beladen des Rads bemerken wir, dass das Hinterrad wieder asymmetrisch zum Gepäckträger sitzt und deshalb die Schutzblechbefestigungs-Schraube beim tiefen Einfedern am Rahmenrohr schleift, also dasselbe Phänomen wie an der Maas. Es ist schon eine deutliche Kerbe zu sehen. Wir versetzen das Schutzblech schnell noch etwas, hoffentlich schleift es jetzt nicht am Hinterrad.

Kurz nach 8 Uhr geht’s dann wieder los, zunächst Richtung Elbe. Dort biege ich nach Osten ab, immer an der Elbe entlang, und benutze dabei auch einen für Radler gesperrten Uferweg. Aber um diese Zeit ist hier an einem Sonntag recht wenig los, ich störe also niemanden. Bald erreiche ich wieder eine Straße am Övelgönner Museumshafen, es geht ein Stück bergauf bis zur Elbchaussee, unten tobt der Fischmarkt. Die Elbchaussee führt schließlich wieder herunter an den Fluss. Hier versuche ich, auf dem breiten Fußweg zwischen Straße und Anleger-Brücken zu fahren, es sind aber viel zu viele Fußgänger unterwegs, da bleibe ich lieber auf der Straße.

Vorbei an den Landungsbrücken sehe ich die Immer-Noch-Baustelle der Elbphilharmonie. Richtung Speicherstadt bin ich dann endlich fast alleine auf dem Radweg, gegenüber liegt das Miniatur-Wunderland und das Hamburg Dungeon.



Baustelle Elbphilharmonie




Speicherstadt mit Miniaturland und Dungeon

Ich suche etwas und finde dann den Weg zu den Elbbrücken, wo, man höre und staune, es einen Radweg hinüber nach Georgswerder gibt. Hier fahre ich auf ein Pärchen auf und wir unterhalten uns kurz. Sie haben gerade Feierabend, kommen von der Schicht.

In Wilhelmsburg verliere ich die bisher gute Radweg-Beschilderung. Wieder suche ich etwas und frage eine Passantin. Die Internationale Gartenschau Hamburg wurde in den Park gelegt, durch den der Radweg eigentlich führt, und weil die Schau Eintritt kostet, kann man da nicht so einfach durchfahren. Leider hat man vergessen, eine Umleitung für den Radweg rechtzeitig auszuschildern. Die Frau gibt mir einen Tipp und bald finde ich wieder die Schilder Richtung Brücke über die Süderelbe.

Eigentlich will ich ja hinter der Brücke gleich an den Elbedeich weiter Richtung Osten fahren, aber ich finde den Weg nicht. Und das trotz Navi, wie peinlich. Stattdessen fahre ich auf einer Straße nach Osten, und plötzlich ist die zu Ende und nur ein Feldweg führt weiter in den nächste Siedlung. Ein Feldweg ist für mich kein Problem, der Navi zeigt auch an, dass ich von dort letztlich an den Deich komme, also vorwärts.

Endlich am Deich, habe ich Hamburg auch schon verlassen. Es geht durch Bullenhausen und an der Seevemündung schaue ich mir die Karte etwas genauer an. Ich will zwar nach Süden, aber welche Strecke soll ich nehmen? Die Lüneburger Heide sollte das nächste Ziel werden. An der Luhe gibt’s zwar anscheinend einen Radweg, aber der Weg erscheint mir etwas zu direkt nach Süden zu führen. Ich wähle den Radweg entlang der Ilmenau, der führt in einem Bogen zunächst nach Lüneburg.

Auf dem Weg zur Mündung der Ilmenau bei Stöckte treffe ich auf einen Radler, der ziemlich ratlos nach etwas sucht. Er wollte bei einer ADFC-Tour mitfahren, ist dabei aber zu spät am Treffpunkt angekommen und versucht nun, zum nächsten Tourpunkt zu fahren. Er nimmt mich ein Stückchen mit, kennt sich hier etwas aus und empfiehlt mir den Ilmenau-Radweg. Bei seinem Tempo muss ich schon etwas in die Pedale treten, bis zur Fähre Hoopte-Zollenspieker kann ich mithalten, dann biege ich zum Fähranleger ab, um etwas zum Mittagessen zu finden.

Bei den Elbfähren sammeln sich gerne Motorrad-Gruppen und hier gibt’s dann auch oft Imbiss-Buden. Ich kaufe ein Bratwurst-Brötchen, und die blöde Kuh am Imbiss knallt mir ein ganzes Kilo Senf auf die Wurst. Der läuft mir natürlich beim Hineinbeißen auf die Finger und versaut den ganzen Tisch, an dem ich mich niedergelassen habe. Egal, sollen die vom Imbissstand die Sauerei wieder wegwischen.

Von hier kann ich natürlich auch die Elbe gut sehen. In den Nachrichten wurde vor der Hochwasserwelle gewarnt, die momentan von Brandenburg und Sachsen-Anhalt elbabwärts rollt und Niedersachsen schon erreicht hat. Das Wasser hat das Flussbett zwar noch nicht verlassen, steht aber kurz davor. Bis übermorgen soll hier alles überflutet sein, der Wasserspiegel bis an die Deichkronen reichen. Deshalb haben sich auch schon einige Schaulustige eingefunden.

Ich finde sofort den Ilmenau-Radweg. Der herrliche Weg führt auf geteerten Wirtschaftswegen durch viel Landschaft, an vielen kleinen Höfen vorbei immer in der Nähe des Baches. Bei Barum knickt er dann nach Süden ab, Richtung Lüneburg. Hier mache ich dann erstmals mit der Heide und den Binnendünen Bekanntschaft, der Weg ist zwar breit, und es fährt sogar mal ein Auto darauf, aber er ist total versandet und der Wagen zieht eine riesige Sandwolke hinter sich her. Neben dem Weg gibt’s aber zum Glück einen festen Trampelpfad, auf dem es sich viel besser radeln lässt, als auf dem breiten Wirtschaftsweg.



Hausboot mit Wohnzimmer und Terasse


An der Ilmenau fahre ich dann nach Lüneburg hinein, erst am alten Hafen, dann bis ins Zentrum. In der Altstadt stehen viele alte Häuser mit tollen Klinkerfassaden. Am Platz am Sande finde ich ein Café und gönne mir, es ist etwa 13:15 Uhr, eine ausführliche Pause bei Kaffee und Kuchen.



Lüneburg Marktplatz mit Ratskeller


Dann muss ich etwas suchen, um den richtigen Weg aus Lüneburg heraus zu finden. Das wäre nur mit meiner Karte noch viel schwieriger, als mit Hilfe des Navis. Nur mit Karte ist es kein Problem, einen Ort zu finden, den richtigen Weg heraus ohne zu fragen oft unmöglich.

Die Sonne knallt inzwischen mächtig herunter, und jetzt beginnen die Hügel, brettflach war einmal. Auf dem Lüneburger-Heide-Radweg fahre ich nach Südwesten. Zum Glück gibt es hier einige Wälder, die die Heideflächen etwas auflockern und natürlich die ersehnte Abkühlung bringen. Bei Wetzen fährt ein junger Rennradler zu mir auf und wir unterhalten uns kurz. Neben mir fahrend inspiziert er mein Rad, interessiert sich dann aber mehr für mein Navi, den externen Akku Zzing und welche OSM-Karten ich im Navi geladen habe. Dann trennen sich unsere Wege wieder.

Die Hügelchen werden immer mehr zu Hügeln, es kommen auch immer mehr Radler entgegen, aber keiner nimmt Notiz von mir. Gibt’s hier etwa häufig Reiseradler, die beladen sind wie ich? In Bispingen hole ich an einer Eisdiele nur ein Eis in der Tüte, hier ist es so voll, dass ich keinen Sitzplatz finden kann. Dafür kann ich gegenüber im Schatten auf einer Parkbank Platz nehmen.

Dann geht’s wieder weiter, diesmal mehr und mehr hinauf und ich überfahre die 100mNN-Marke. Bald kann ich Soltau erahnen, ist doch die Achterbahn des Heideparks schon von weitem über den Bäumen zu erkennen. Laut archies.com gibt’s bei Soltau mehrere Campingplätze, ich suche den nächsten an meiner Route und fahre ihn an.

Der Platz entpuppt sich als „Premium Camping“, was immer das sein soll. Aber als ich beim Check-In ganze 21€ berappen soll, ist mir das Ganze dann doch zu happig und ich frage, ob’s da keinen Nachlass gibt. Ich muss auf den Chef warten und der gibt mir sofort 5€ wieder, die Kollegin wäre noch neu und wüsste noch nicht, dass Radler nicht voll zu zahlen brauchten.

Mein Platz liegt im Schatten, aber ich muss ja kein Zelt trocknen, auch die Plane ist von gestern noch trocken. Nach dem Duschen rufe ich in Hamburg an, aber es meldet sich keiner. Dann ist die Heimat dran, ich werde daran erinnert, dass ich nach meiner Heimkehr noch ein Zimmer zu renovieren habe. Das wollte ich auch genau jetzt hören.

Zum Essen bleibe ich auf dem Platz, das Lokal scheint nicht schlecht zu sein. Heute ist Bratentag und es schmeckt einfach klasse. Vollgefressen (zum Braten gab‘s auch noch Gemüse und Salat satt) rolle ich zurück zum Zelt, falle sofort in den Schlafsack und schon gegen 21:30 Uhr bin ich eingeschlafen.


12.Tag Nach Mardorf (Steinhuder Meer): Heide und Weser
  • Montag: 10.6.
  • Tacho: 149 km
  • Höhe: 322 m
  • Sattelzeit: 8:27 Std.
  • Schnitt: 17,5 km/h
  • Übernachtung: 9,50€

Um 4:45 Uhr habe ich bereits ausgeschlafen, ich stehe auf und baue ab. Es ist 5°C kalt und alles ist nass. Aber was soll’s. Im Waschraum läuft ein Radio und der Wetterbericht informiert über Unwetter in der Schweiz (bin ich froh, dass ich nicht die Alpentour gemacht habe), hier aber soll’s erst Hochnebel geben, dann bis 22°C, also allerbestes Radelwetter.

Kurz vor 6 Uhr habe ich alles aufgeladen und es geht wieder weiter, zunächst natürlich nach Soltau hinein, auf der Suche nach einer Bäckerei. Aber Fehlanzeige, hier gibt’s nix. Weder eine offene, noch überhaupt. In der Fußgängerzone sehe ich einen Tchibo-Laden, der macht aber erst um 9 Uhr auf. Ich frage einen jungen Mann am Straßenrand, und der schickt mich zu einer Tankstelle in der Lüneburger Straße, sonst kenne er auch keine Bäckerei. Unglaublich!

Ich esse zwei belegte Brötchen und um 6:30 Uhr bin ich wieder unterwegs. Ich suche und finde die Straße nach Westen Richtung Visselhövede, es geht gleich ordentlich rauf. Am Ortsausgang, direkt am letzten Haus, liegt ein totes Reh auf dem Radweg. Hier scheint es häufig Wildunfälle zu geben, alleine auf den nächsten 6-8km zähle ich 8 Schilder mit Hinweisen auf einen Wildunfall, teilweise sogar mit dem Datum des Vorfalls. Einer davon war erst gestern. Hier gibt’s halt viele Wälder…

In Frielingen biegt die Straße nach Süden ab, und weil die Radweg-Beschilderung geradeaus zeigt, bleibe ich auf einem kleinen geteerten Wirtschaftsweg in Richtung Westen. Dann kommt ein letztes Haus, ein Bahnübergang, und schließlich ist der Weg nur noch eine Sandpiste. Ich komme nur langsam und vorsichtig durch die Gilkenheide, muss schauen, dass ich nicht im Sand stecken bleibe, denn Anfahren ist hier fast unmöglich.

Endlich ist der Wald zu Ende und der Weg wird besser. Auf der nächsten Anhöhe steht die alte Radarstation von Visselhövede, die mir noch von meiner Bundeswehrzeit wegen des seltsamen Namens in Erinnerung geblieben ist. Ab hier geht eine Straße wieder abwärts nach Visselhövede hinein und hindurch. Dann bleibe ich auf der Straße Richtung Verden, und weil es jetzt so gut geht, werde ich übermütig und folge dem ausgeschilderten Radweg. Ich habe ja von vorhin nichts dazugelernt, die Radwege in der Heide sind bekanntermaßen häufig von übler Qualität. Diesmal erwischt mich wieder Kopfsteinpflaster, aber wenigstens gibt es eine schmale befahrbare Spur am Straßenrand.

Das Wetter braucht heute etwas länger, um die Wolken loszuwerden, immer wieder schiebt sich eine Hochnebelschicht vor die Sonne. Es bleibt kühl.

Schließlich lande ich in Kirchlinteln, mal wieder auf der Suche nach einer Bäckerei für das zweite Frühstück. Im Navi ist leider nichts eingetragen und fast fahre ich an einer tollen Landbäckerei vorbei, habe einfach nicht damit gerechnet, hier so einen Laden zu finden. Diesmal gibt’s frischen Apfelkuchen und Kaffee und die Pause dehne ich genussvoll auf eine halbe Stunde aus. Ich frage die Verkäuferin nach einem Erdbeerstand, die sollte es doch inzwischen auch hier geben. Sie kennt einen Stand kurz vor Verden und weil ich sowieso in diese Richtung fahre, mache ich dort bereits nach einer Viertelstunde die nächsten Rast. Für 2,30€ gibt’s ein Pfund köstliche frische rote Früchte und ein kleines Schwätzchen mit der Erdbeerverkäuferin. Sie haben heute den Stand erst vor kurzem eingerichtet und ich bin einer der ersten Kunden. (Und dann gleich so ein verrückter Reiseradler)

Verden lasse ich schnell hinter mir, auf der Allerbrücke wird die Stadt Richtung Westen verlassen. Die Aller hat noch sehr viel Wasser, teilweise sind die Ufer überschwemmt. Schnell habe ich auch die Weser überquert, hier scheint der Wasserstand fast normal zu sein. Jetzt befinde ich mich auf dem Weser-Radweg und biege nach Süden ab. Die Wolken und der Hochnebel haben sich aufgelöst, die Sonne kann ihre Kraft auf mich übertragen, na ja, vielleicht ist es auch der leichte Rückenwind, der mich vorwärts schiebt. Jedenfalls kann ich endlich die lange Hose und den Pulli ausziehen.

Auch ohne Schilder hätte ich bemerkt, dass ich den Weser-Radweg erreicht habe, es sind nämlich viele Radler unterwegs. Nachdem ich gestern und heute noch keinen einzigen Reiseradler gesichtet hatte, sind sie hier pärchenweise unterwegs oder gleich in ganzen Gruppen zu finden.

Der Weg macht viele Schlenker und Schleifen, aber ich habe ja Zeit, den Fluss sehe ich eigentlich nicht und auch das ist mir ziemlich Wurscht. Es geht sehr idyllisch durch viele kleine Dörfer und Höfe.

In Hoya suche ich schließlich einen Metzger und eine Passantin schickt mich etwas abseits vom Radweg zu einer Metzgerei mit Bistro. Ich esse endlich mal wieder ein leckeres Schnitzelbrötchen. Ich überlege, ob ich hier schon mal war. 2006 bin ich auf der anderen Flussseite auf der Bundesstraße nach Süden gesaust, dort gab es auch einen Weser-Radweg. Soll ich die Seite wechseln, um schneller vorwärts zu kommen? Nö, ich muss ja sowieso einige Schleifen einbauen, um nicht schon übermorgen in Bebra zu sein.

In Marklohe nehme ich dann doch eine Abkürzung, ich muss ja nicht jedem Schlenker des Radwegs folgen. Ich bleibe auf der Landstraße, während der Weser-Radweg nach Nienburg abbiegt und den Fluss überquert. Ich fahre eine kleine Anhöhe hinauf, was auch mal etwas Abwechslung bedeutet, und habe einen schönen Blick auf die Flusslandschaft. Dann geht’s wieder 30Hm herunter nach Liebenau, in einer Eisdiele mache ich die verdiente Nachmittags-Pause. Der Laden ist etwas seltsam, der deutsche Juniorchef drangsaliert den älteren italienischen Kellner, obwohl der von Eis mehr zu verstehen scheint.

Ich suche mein Tagesziel und finde auf Karte und Navi am Nordufer vom Steinhuder Meer mehrere Campingplätze, einen davon werde ich anfahren. Wieder geht’s durch die Weser-Auen und hinter einer Brücke kommt mir der Weg entlang der Kiesgruben dann doch bekannt vor. Hier war ich 2006, nur war das Wetter damals nasser und kälter.



Kilimandscharo von Bokeloh


In Stolzenau wechsele ich die Weserseite, jetzt geht’s wieder nach Osten. Ich lasse mich diesmal vom Navi routen und bin überrascht, welche schöne Strecke er ausgesucht hat. Auf geteerten Feldwegen geht’s durch die schöne Landschaft, der kleine Abzweig zur Düsselburg, eine frühmittelalterliche Ringwallanlage, geht allerdings auf mein Konto.

Anschließend geht’s hinunter nach Rehburg, dann über den Rundweg zum Steinhuder Meer und hier auf die Nordseite. Das Steinhuder Meer ist 29km² groß und der größte See in Nordwest-Deutschland, ist max. 2,9m und durchschnittlich 1,35m tief. Mit dem Rundweg wird der See auf 35km Länge umrundet, er führt an einigen Aussichtstürmen vorbei, die einen Einblick in die See- und Moorlandschaft mit Feuchtwiesen und Auwäldern geben.

Der erste eingezeichnete Campingplatz in Mardorf scheint mir mehr ein Wohnwagen-Abstellplatz zu sein, der zweite Platz "Mardorf Nord" sagt mir dann schon eher zu. Ich suche ein sonniges Plätzchen und wie immer ist alles schnell getrocknet. Leider gibt’s am Platz nur einen Kiosk, der Chef empfiehlt ein Lokal am See, etwa 30 Minuten zu Fuß entfernt. Egal, Laufen ist eine andere Bewegungsform als Radfahren und deshalb ein guter Ausgleich. Auf dem Weg zum Lokal komme ich am Seeufer an zwei weiteren Campingplätzen vorbei, die waren in meiner Campingplatzsammlung von Archies.com nicht enthalten. Im Restaurant esse ich eine Forelle, riesengroß und gut.

Der Weg zurück scheint kürzer zu sein als zuvor, nur verpasse ich fast den Abzweig vom See zum Platz. Eine Jugendgruppe aus Hannover hat sich inzwischen am Campingplatz eingefunden, aber zum Glück ist ihr Lager weit genug von meinem Standort entfernt, das sollte heute Nacht keine Probleme geben.



13.Tag Nach Lemgo: Bückeberg und Extertal

  • Dienstag: 11.6.
  • Tacho: 105 km
  • Höhe: 812 m
  • Sattelzeit: 6:45 Std.
  • Schnitt: 15,5 km/h
  • Übernachtung: 10,00€

Es ist 7°C kalt und um 5:45Uhr ist alles verpackt. Ich fahre zunächst hinunter an den See und biege dann nach Osten ab, den Rundweg um den See nutzend. Am Ostufer rolle ich durch eine fremdartige Moorlandschaft, teilweise auf Holzstegen, die manchmal auch vom Hauptweg in den Sumpf abzweigen, auf Infotafeln wird alles interessierten Wanderern erläutert. Der Weg wird auch von Pendlern genutzt, die mich hier mit einem Affenzahn überholen, natürlich einen morgendlichen Gruß ignorierend. Nur einmal erwidert ein Fußgänger kurz vor Steinhude meinen Gruß.



Morgen-Impressionen am Steinhuder Meer


Im Ort finde ich sofort eine Bäckerei und endlich gibt es um 6:30 Uhr Frühstück. Die Chefin ist gut aufgelegt und erzählt ihren Kunden von ihrem tollen Wochenende in Berlin. Dann kommt der Fußgänger von vorhin, trink auch einen Kaffee, erkennt mich wieder und wir haben ein nettes Gespräch.

Hinter Steinhude blinkt der Kilimandscharo von Bokeloh in der Sonne (wenn sie mal durch die Wolken bricht). Ich muss die ersten kleinen Hügel erklimmen, um die höheren Erhebungen kann ich mich noch herumschlängeln. Dann geht’s wieder abwärts und kurz vor dem Mittallandkanal fahre ich an einer Hofeinfahrt vorbei, in der viele Gegenstände silbern angestrichen, oder in Silberfolie verpackt, herumliegen. Am Zaun zum Hof hängen viele Bilder, die sichtlich bereits vor diversen Jahren aufgenommen wurden, wo immer dieselben Personen in unterschiedlichem Alter dargestellt sind. Am Nachbarhof kommt gerade ein Mann mit Kind aus der Einfahrt und ich frage, ob hier eine Hochzeit stattgefunden habe. "Ja" sagte er, "eine Silberhochzeit." Diese Info könnte man vielleicht auch bei 'meiner' Hochzeit … Schauen wir mal.



Orginelle Silberhochzeit


Dann geht’s auf einer Brücke über den Mittellandkanal und ich kann zwei Schiffe beobachten, die gerade aneinander vorbei schwimmen. Die Radweg-Beschilderung schickt mich kreuz und quer nach Stadthagen, egal, ich habe ja Zeit. Auf dem Marktplatz von Stadthagen ist gerade ... na? was? Natürlich, Markt. An einem Obststand kaufe ich zwei Äpfel und ein Pfund Erdbeeren. Eine Bank am Alten Rathaus lädt zum Pausieren und Verspeisen der Erdbeeren ein.

Leider finde ich keine weiteren Radweg-Schilder, so dass ich aus der Stadt heraus mir den Weg selbst suchen muss. Ich stoße auf die vierspurige B65, die hier zum Glück einen breiten Radweg hat. Die Erdbeeren haben mich eigentlich nicht richtig gesättigt, so dass ich schon nach einer halben Stunde die Bäckerei an einem Penny-Markt zum zweiten Frühstück nutze.

Bald darauf entschließe ich mich, die B65 zu verlassen und nach Obernkirchen abzubiegen. Es geht leicht einen Hügel hinauf, links liegt der Bergzug des Bückebergs. Hier soll der Böxenwolf nachts einsamen Wanderern auf den Rücken springen und erst nach einiger Zeit von ihnen ablassen. Glücklicherweise ist es hell, also keine Gefahr.

Endlich finden sich auch Beschilderungen in meine Richtung, und ihnen folgend sause ich 50Hm hinunter nach Bad Eilsen. Der Ort hat wohl auch schon bessere Zeiten gesehen, einige prachtvolle alte Villen scheinen ziemlich verfallen zu sein. In Bad Eilsen soll, einer alten Volkssage nach, vor langer Zeit ein Meteorit eingeschlagen sein und den Teufel, der gerade dort stand, in Grund und Boden gequetscht haben. Doch der Teufel kam wieder hervor und verfluchte den Ort, und so seien mit die besten Schwefelquellen Europas entstanden.

Bad Eilsen liegt im unerwartet engen Tal der Aue, direkt in meiner Fahrtrichtung erhebt sich das Wesergebirge, dort muss ich drüber. Ein Taleinschnitt ist zunächst nicht zu sehen, aber wenn die Autobahn A2 hier durchkommt, wird es für mich auch eine Möglichkeit geben. Ich folge zunächst der Radweg-Beschilderung Richtung Minden, merke aber bald, dass das nicht meine Richtung sein kann. Deshalb biege ich kurz nach Nordosten ab, fahre also eigentlich wieder ein Stück zurück, und finde die B238 mit Radweg Richtung Rinteln.

Neben der Straße sehe ich die Aussichtsplattform "Jahrtausendblick" der "Erlebniswelt steinzeichen", die zur Expo 2000 in Hannover hier errichtet wurde. Leider habe ich keine Möglichkeit, von dort oben einen Blick in die Runde zu werfen. Dann kann ich es 100Hm hinunter nach Rinteln laufen lassen. Die Brücke der B238 über die Weser ist wegen einer Baustelle gesperrt, ich muss zurück und über die alte Brücke hinüber in die Altstadt.

Wieder ist am Marktplatz Markt, an einem Metzgerstand esse ich eine Currywurst. Die ist aber nur für den 'hohlen Zahn', fast habe ich hinterher noch mehr Hunger als vorher. Ich beobachte eine größere Gruppe Radler auf dem Marktplatz einfallen und von den Anführern bekommen sie eine Stunde Freizeit zur Verfügung. Einige suchen die St.-Nikolai-Kirche am Marktplatz heim, andere verteilen sich auf die ansässigen Restaurants. Das ist mal wieder Zeit für mich, die Flucht zu ergreifen.

In Rinteln mündet der Bach Exter in die Weser, und im Tal der Exter gibt es einen Radweg, der ziemlich gradlinig in Richtung Süden zeigt. Zunächst führt der Radweg auf einer Nebenstrecke. Parallel dazu verläuft noch eine Landstraße und ich biege kurz darauf ab, um zu sehen, wo es sich besser fährt. Die Landstraße hat zwar zunächst einen Radweg, aber auch ziemlich viel LKW-Verkehr. Als der Radweg schließlich endet, biege ich wieder ab zum beschilderten Radwanderweg. Der klettert allerdings am östlichen Rand des Extertals an den Hängen 40Hm hinauf, 30Hm wieder herunter, 80Hm rauf, 30Hm runter. Alles in Allem also eine ziemlich anstrengende Angelegenheit, man beachte die geleisteten Höhenmeter in der Tagesstatistik. In Meierberg überschreite ich die 250mNN, dann geht’s wieder herunter nach Bösingfeld.

Zwar konnte ich in Rinteln eine Currywurst herunterwürgen, aber bereits eine Stunde später finde ich in Bösingfeld eine Metzgerei und dort ein Frikadellenbrötchen, Schnitzel sind bereits vergriffen.



Baum im Baum


Ja, was soll ich sagen, hinter Bösingfeld geht’s wieder hinauf, diesmal auf über 300mNN. Ich hätte nicht erwartet, hier im Extertal so heftige Steigungen zu finden. Das war‘s dann aber fürs erste, jetzt sause ich wieder hinunter nach Bartrup auf 120mNN und der Extertal-Radweg ist Geschichte.

Ich biege nach Westen ab Richtung Lemgo, wieder auf einem schönen Radwanderweg. Ich muss feststellen, dass es in dieser Ecke Deutschlands, nämlich Schaumburg-Lippe, viele schöne Wege für Radfahrer gibt. Kompliment.

Bis jetzt habe ich bereits über 700 Höhenmeter in den Beinen und meine Motivation ist für heute so ziemlich aufgebraucht. Am Ortseingang von Lemgo finde ich eine kleine Eisdiele und bei einem Cappuccino und drei Kugeln Milcheis suche ich nach dem Tagesziel. Das erweist sich als ziemlich schwierig, weil außer dem Campingplatz in Lemgo die nächsten Plätze ziemlich weit entfernt oder ungewiss sind. Entweder gibt es sie nur auf der Karte, oder nur auf dem Navi, oder sie liegen so tief in der Pampa, dass ich befürchte, am Abend nichts zu essen zu bekommen. Ich wähle zunächst einen Platz bei Detmold, Luftlinie so ca. 15km entfernt.

Das sollte ich locker schaffen, also kann ich mir die schöne Altstadt von Lemgo noch anschauen. Lemgo ist übrigens Hansestadt und im Mittelalter durch Handel sehr einflussreich gewesen. Im Dreißigjährigen Krieg allerdings verlor die Stadt allen Einfluss und Reichtum und blieb eine kleine Ackerbürgerstadt. In den anschließenden Jahren wurden 272 Menschen durch die Hexenverfolgung getötet, eine im Raum Lippe einmalige Anzahl. Ich radle im Schritttempo über den Kirchplatz, schaue mir dabei die Nikolai-Kirche an, da kommt ein Polizist auf den Platz gelaufen, sieht mich und hält mich an. Hier sei eine Fußgängerzone und Radfahren verboten, meint er. Dann fragt er mich über meinen Navi aus und wir diskutieren über die Vor- und Nachteile von so einem Gerät. Dann wünscht er mir noch eine gute Fahrt, allerdings außerhalb der Fußgängerzone.



Kanzlerbrunnen in Lemgo


Also schiebe ich die paar Meter bis zur nächsten Straße und suche dann einen Weg aus der Altstadt heraus. Dabei sehe ich auf dem Navi, dass der Campingplatz von Lemgo direkt an die Altstadt grenzt. Das ist für mich Grund genug, für heute Schluss zu machen. Es ist zwar erst 15:30 Uhr, aber so kann ich auch mal einen Nachmittag in Kultur machen. Ich fahre zum Campingplatz, eine alte Frau muss extra aus ihrem Wohnwagen kommen, damit ich mich anmelden kann. Hier ist es verboten, eine Plane unter das Zelt zu legen, aber weil ich alleine auf der Zeltwiese bin, kontrolliert das sowieso keiner. Erst wird die Plane getrocknet, dann das Zelt drauf gestellt und trocknen kann es von alleine.

Zum Duschen gibt’s Chipkarten aus dem Freibad nebenan, sie wird mit 10€ aufgeladen. Leider sagt die Alte nicht, wie die Karten zu benutzen sind. Dort wird nämlich nach der Duschzeit abgerechnet, auch wenn man das Wasser abstellt, man muss die Karte aus dem Automaten entfernen. Dadurch kostet das Duschen 1€ extra, sehr teuer.

Dann gehe ich zu Fuß zurück in die Altstadt auf der Suche nach einem Getränkeladen, leider gibt’s das hier nicht. Vor einem Seniorentreffpunkt frage ich zwei dort stehende Personen nach einem Laden und sie bieten mir an, von ihren Getränken in meine Leergutflasche etwas abzufüllen. Sehr nett, aber auch sehr ungewöhnlich.

Ich bringe die Flasche zurück zum Campingplatz, gebe meine Chipkarte zurück und gehe dann wieder in die Altstadt zum Essen. Am Ende der Mittelstraße finde ich eine Pizzeria und hier kann ich mir das schnell erlahmende Treiben einer Kleinstadt anschauen. Bereits um 18 Uhr haben alle Geschäfte geschlossen. Ich kann meinen Bericht schreiben und lesen. Als es langsam dunkler wird, ziehe ich meinen Kapuzenpulli an und schlendere langsam wieder zurück zum Campingplatz. Dabei achte ich auf die Öffnungszeiten von diversen Backshops, das sieht schlecht aus für ein Frühstück morgen früh.


Fortsetzung folgt ...