Posted by: rayno
Re: Von Vancouver nach Halifax 2011 - 03/01/12 11:24 AM
Weiter geht es ; jetzt in Kanada.
Ontario
Meine Route:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=tigclseozqzlwotw
Wie im Teil 4 berichtet kam ich von Minnesota auf der Küstenstraße, dem Hw 61, am Superior entlang nach Thunder Bay, der ersten größeren Stadt seit langer Zeit. Weit vor der Stadt, kurz vor der Einmündung des Hw 6 in den Transcanada-Hw 17 wird man als Radfahrer auf eine Nebenstraße durch die Stadt verwiesen. Die Orientierung war zunächst etwas schwierig, weil innerstädtisch in Kanada keine Wegweiser stehen. Man muss sich schon an den Straßennamen orientieren. Dazu braucht man eine entsprechende Karte. Zum Glück sind auf meiner Ontario-Karte für die größeren Städte detailliertere Karten enthalten, so auch für Thunder Bay mit seinen 110 000 Einwohnern. Ich fand also durch die flächenmäßig sehr große Stadt zum am östlichen Rand gelegenen KOA-Campground, den ich mir schon frühzeitig ausgesucht hatte. Die KOA-Campgrounds gehören zu der besseren (und teureren) Kategorie; dafür sollen sie auch etwas mehr bieten. Ich wollte sie immer schon mal kennenlernen. Das Ergebnis für mich ist negativ. Das Zusatzangebot besteht aus Animation; und auf die kann ich verzichten. Am Tag und vor allem Abend meiner Anwesenheit wurde Weihnachten gefeiert. Ja Weihnachten! Das Personal lief mit roten Mützen mit weißen Bommeln herum. Etliche Camper, wohl Stammgäste, hatten ihre Wohnwagen und ihren Platz weihnachtlich dekoriert. Auch blieben etliche der reichlich auf dem Platz vorhandene Nadelbäume davon nicht verschont. Und aus dem Platzlautsprecher tönte weihnachtliche Musik. Naja, nun weiß ich jedenfalls, dass KOA-Plätze für mich nichts sind.
Am nächsten Morgen ging es recht früh weiter; von jetzt an für etliche Tage auf dem Hw 17, dem Transcanada-Highway. Und da gab es gleich ein kleines Problem. Der C-Platz lag unmittelbar am Hw 17; der allerdings war hier noch für Radfahrer gesperrt, weil weiter unten am Superior eine Nebenstraße lief; und auf der sollten die Radfahrer solange bleiben, bis sie in die Hauptstraße einmündete. Das war aber gut 20 km weiter östlich. Sollte ich also wieder die steile Abfahrt runter zum See und später wieder rauf zur Hauptstraße? Es war früher Samstagmorgen, und ich dachte mir, da wird die Highwaypatrol sicher noch nicht unterwegs sein. Ich fuhr also gleich auf dem Hw 17 los, und das war auch gut so, denn nichts passierte; es war auch kaum Verkehr.
Auch im weiteren Tagesverlauf blieb es eine problemlose und recht angenehme Fahrt zum nächsten Etappenort Nipigon. Dort fand ich einen netten C-Platz, auf dem sogar das I-Net funktionierte.
In den folgenden Tagen versuchte ich, möglichst viele Kilometer zu schaffen, um möglichst bald mein nächstes Zwischenziel Sault Ste. Marie zu erreichen. Die vielen steigungsreichen Streckenabschnitte machten die Fahrt aber recht mühsam. Über die Etappenorte Terrace Bay, White Lake, Wawa und Montreal River kam ich am Do., 04. August in Sault Ste. Marie an und begab mich gleich zum unter Radlern berühmten Radshop VELORUTION. Der Weg dahin war leicht zu finden. Man musste sich nur nach der in zahlreichen Reiseberichten enthaltenen Empfehlung richten und einfach den hohen weißen Wasserturm ansteuern. Wenn man an dem angelangt ist, sieht man den Radshop mit dem Fahrrad auf dem Dach. Als ich dort ankam, war das Rad aber nicht auf dem Dach, sondern es hatte an der Einfahrt zum Betriebsgelände einen neuen Standort bekommen. Auf dem Dach musste es den neu angebrachten Solarmodulen – für Kanada übrigens etwas noch recht Seltenes – weichen. Ich meldete mich an und stellte mein Zelt im großzügigen Gelände hinter dem Gebäude auf.Es war schon ein anderes Zelt aufgestellt. Mit dem zugehörigen Besitzer, einem Chilenen mit Wohnsitz Chicago, teilte ich mir das Abendessen; ich hatte im nahen Metro einen Restbestand von Hähnchenteilen in Chili, die zum herabgesetzten Preis kurz vor Ladenschluss verkauft wurden, besorgt, er ein Sixpack Bier aus dem Liquorshop gleich nebenan. Im Laufe des Abends gesellten sich noch weitere Radler dazu, insgesamt 6 Personen in vier Zelten.
Der nächste Tag war von mir als Ruhetag eingeplant. Neben einem Besuch beim Frisör stand eine Inspektion und Wartung am LHT auf dem Programm. Letzteres hatten auch die anderen Radler vorgesehen. Im Unterschied zu mir überließen sie aber die Arbeit den Fachleuten in der Werkstatt von Velorution. Velorution berechnet nur die evtl. benötigten Neuteile, vor allem ist bei den meisten Rädern eine neue Kette fällig. Für die Arbeit wird nichts berechnet. So ein Service spricht sich unter den Fernradlern schnell herum, zumal Sault Ste. Marie bei einer Transcanadatour etwa auf halber Strecke liegt, egal, ob man von Westen nach Osten oder von Osten nach Westen unterwegs ist.
Ich hatte an meinem LHT nicht viel zu tun. Das einzige Problem bestand in den häufigen Reifenpannen im Vorderrad. Ich habe daher die Bereifung demontiert und dem Werkstattchef den Conti TopContact gezeigt. Er konnte wie ich auch nicht feststellen, was der Grund für die immer wieder auftretenden winzigen Lecks sein könnte. Prophylaktisch habe ich einen neuen Schlauch eingelegt; meine drei Reserveschläuche wiesen inzwischen nämlich alle mindestens zwei geflickte Stellen auf. Eigentlich wollte ich auch eine neue Kette montieren; denn nach gut der Hälfte der Strecke mit über 4000 km sollte eine neue Kette fällig sein. Als ich jedoch mit dem Kettenverschleißwerkzeug meine Campagnolo C9 mit einer neuen SRAM 950, welche ein junger Kanadier gerade an seinem Rad montieren wollte, verglich, zeigte sich kaum ein Unterschied. Sie hatte sich nur unwesentlich gelängt. Ich ließ folglich die C9 drauf, säuberte sie lediglich und gönnte ihr ein wenig Fett. Auch sonst war kaum Wartungsbedarf. Lediglich am Vorderrad hatte die White-Nabe ein wenig Lagerspiel, was sich aber schnell beheben ließ. Außerdem habe noch den Schaltzug zum Umwerfer erneuert, weil an der Klemmstelle einige Drahtfäden gerissen waren.
Was mein Rad betrifft, konnte Velorution mit mir also kein Geschäft machen. Mit mir persönlich aber schon, denn ich brauchte dringend neue Radkleidung. Ich hatte durch das wochenlange täglich 7-9 Stunden dauernde Radfahren so viel an Gewicht und Körperfülle eingebüßt, dass mir die mitgenommenen Trikots und Radhosen in Größe L bzw. XL am Körper schlotterten. Ich kaufte mir ein neues Trikot und eine neue zweiteilige Radhose (Shorts mit gepolsterter Innenhose) in Größe M. Das war jetzt meine Größe. Ich bin mal gespannt, wie lange ich damit auskomme, wenn ich wieder in gewohnter Umgebung und gewohntem Tagesablauf zu Hause bin.
Am Samstag, 06. August, war allgemeiner Aufbruchtag. Außer mir wollten noch ein Kanadier aus Victoria und eine Engländerin in östlicher Richtung fahren. Die beiden hatten ihre Räder am Vortag der Werkstatt zur Durchsicht überlassen und mussten nun bis zur Öffnung der Werkstatt um 09 Uhr warten. Ich bin daher allein schon früher losgefahren. Es wurde bei schönem Wetter eine angenehme Fahrt am Nordufer des Lake Huron entlang, von dem man aber nichts zu sehen bekam, weil die Straße in größerem Abstand zum See verlief. Nach gut 140 km machte ich Station auf einem kleinen C-Platz in der Nähe von Blind River. Fast gleichzeitig mit mir war dort Carol aus Smithers im Norden von British Kolumbien eingetroffen, die auch an diesem Tag in Sault Ste. Marie gestartet war, dort aber nicht bei Velorution, sondern auf einem anderen C-Platz gezeltet hatte. Erst als sie in SSM war, hatte sie von VELORUTION gehört. Carol will ihr Heimatland einmal in seiner ganzen Ausdehnung von Prince Rupert im Westen bis St. John auf Neufundland erleben; und wie kann man das wohl besser als in den zwei oder drei Monaten, in denen man mit dem Fahrrad durch das große Land unterwegs ist
Am nächsten Morgen fing es an zu regnen, gerade als wir unsere Zelte abgebaut hatten, und der Regen wurde immer stärker. In Regenkleidung machten wir uns dennoch auf den Weg. Zum Glück war es recht warm, und dann macht die Nässe nicht so viel aus. Zum Regen hinzu kam die Gischt, die von den überholenden und entgegnen kommenden Autos verursacht wurde. Zur Sicherheit hatte ich mein hinteres Diodenrücklicht eingeschaltet. Wir fuhren in größerem Abstand, aber noch auf Sichtweite hintereinander her, Carol voran. Nach gut 30 km überholte mich in langsamem Tempo ein Streifenwagen der Highwaypatrol; der Beifahrer schaute mich und mein Gefährt aufmerksam an und nickte mir zu. Wenig später sah ich, dass der Wagen hinter einer Kuppe angehalten hatte und einen kurzen Moment mit vollem Blinklicht am rechten Straßenrand stand. Als ich an diese Stelle kam, stand dort nur noch Carol, abgestiegen von ihren Rad, und zwar ziemlich bedröppelt.
„Sie haben mich vom Highway verwiesen, ich soll nur noch zu der Kontrollstelle für Trucks fahren, die dort unten kommt.“
Wir sind zusammen die wenigen hundert Meter dahin gefahren, sie voran, ich mit meinem Rücklicht dahinter. An der Kontrollstelle stellten wir uns und unsere Räder erst mal unter und warteten, und warteten. Der Regen hörte nicht auf. Inzwischen hatte uns der diensthabende Beamte zu sich hinein gebeten. Er sagte, dass es nach dem Wetterbericht den ganzen Tag und auch noch den nächsten weiter regnen sollte. Und er riet uns, in einem Motel oder Hotel abzusteigen und auf besseres Wetter zu warten. Aber wo ist das nächste Motel oder Hotel? Und wie dahin kommen? Im Telefonbuch suchten wir einige Adressen aus und Carol rief bei der vom Beamten empfohlenen an. Antwort: “Kein Problem, Zimmer frei!“ Wie dahin kommen? Immerhin 18 km. “Auch kein Problem, komme mit dem PickUp und hole euch“.
So landeten wir also schon recht früh am Tag im Hotel. Auf der Fahrt dahin erzählte uns der Besitzer, dass er das Hotel erst kürzlich übernommen habe und noch dabei sei, das Restaurant einzurichten. Die Zimmer seien aber bereits renoviert und bezugsfertig. Außerdem erzählte er uns einiges über die Einheimischen, also die Bevölkerung der First Nation, wie man in Kanada sagt, welche dort gerade ihr jährliches PowWow abhielten, wie man an einer Stelle auf dem Wege an den dort aufgestellten Zelten und anderen Einrichtungen sehen konnte. Uns kam der frühe Abbruch der Tagesetappe ganz recht, konnten wir doch im Hotel bei freiem Internetzugang in Ruhe am Netbook die Mails beantworten und die Reiseberichte fortschreiben.
Auch die nächsten Tage war ich auf dem Transcanada-Highway in Richtung Osten unterwegs. Über Espanola ging es zunächst nach Sudbury, einer Industriestadt, die man möglichst schnell durchfahren sollte, was wiederum nicht über den Hw 17 möglich war, sondern für Radler nur auf Nebenstraßen. Die Stadt ist bekannt als Kupfer- und Nickelstadt; auch ein offensichtlich noch arbeitendes Bergwerk war zu sehen. Der nächste größere Ort war North Bay, eine mittelgroße Stadt, die mit ihren weiträumigen Strandanlagen am Lake Nipissing einen sehr aufgeräumten Eindruck machte. Auffällig für mich war, dass die Leute hier überwiegend französisch sprachen. Die Provinz Ontario hat einen nicht unbedeutenden Bevölkerungsanteil, der französischsprachig ist. Das gilt vor allem auch für die indianische Urbevölkerung, die von französischen Jesuiten missioniert wurden und daher auch zum großen Teil katholischer Konfession sind. Letzteres war mir auch schon ganz im Westen Ontarios an den zahlreichen katholischen Kirchen und Friedhöfen aufgefallen. Der französischsprachige Bevölkerungsanteil ist auch sicher der Grund dafür, dass die Verkehrsschilder, soweit sie Texte enthaltenen, in ganz Ontario durchweg doppelt vorhanden sind, in englisch und in französisch.
Hinter North Bay verläuft der TC-Hw noch ein Stück in östlicher Richtung, bis er in Mattawa am Ottawa River einen Schwenk nach Südosten macht und entlang dem Fluss auf die Hauptstadt Kanadas zuläuft. Bis dahin sind es aber noch einige 100 Kilometer bzw. einige Tagesetappen. Überrascht war ich von der geringen Bevölkerungsdichte im nördlichen Bereich dieses Streckenabschnittes. Die auf meiner Karte eingezeichneten Orte bestanden i.d.R. nur aus wenigen Häusern, bzw. den Briefkästen an den Zufahrten. Aufgelassene Tankstellen und geschlossene Geschäfte waren zu sehen. Auf den ersten ca. 100 km nach Mattawa gab es keinerlei Versorgungsmöglichkeiten. Dafür verlief der Highway nicht, wie von mir vermutet, schön leicht dem Ottawa River flussabwärts folgend, sondern in größerem Abstand über zahlreiche Höhenzüge. Der erste größere Ort war Petawawa, ein Städchen, das offensichtlich in erster Linie von der großen Garnison lebt. Dann ging es an Pembroke vorbei nach Arnprior, wo ich den Transcanada-Highway verließ, um auf Nebenstraßen in südlicher Richtung diesen östlichen Teil Ontarios bis zum St. Lorenz-Strom zu durchqueren.
Auf diesem Streckenabschnitt machte ich in dem kleinen Städtchen Pakenham Station. Ich war darauf eingestellt, irgendwo in einem Motel zu übernachten, weil ich in dieser Region wenig touristische Infrastruktur erwartete. Pakenham zeigt sich als idyllisches Städtchen mit typisch englischem Einschlag. Ich fand auch einen Laden, in dem es Bier gab – sogar heimatliches Grolsch aus Enschede!- und auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen anderen Laden, der mich schon von der äußeren Aufmachung interessierte, ein Tante Emma-Laden auf englisch-kanadische Art sozusagen. Ich brauchte unbedingt etwas Butter und einige andere Sachen, die ich dort zu finden glaubte. Innen war der Laden noch altertümlicher als außen. Hinter der langen Ladentheke werkelte eine ältere Dame; Selbstbedienung war nicht. Man musste ihr schon sagen, was man haben wollte. Ich fragte, ob es Butter auch in kleinen Mengen gäbe, ich sei mit dem Rad unterwegs und könne die 1 kg-Packungen nicht unterbringen. Kleinere Packungen hätte sie nicht, war die Antwort, und nach kurzem Zögern sagte sie, ich solle einen Moment warten. Sie verschwand in einem hinteren Raum und kam nach kurzer Zeit wieder mit einem kleinen Plastikdöschen, das sie mit Butter – wahrscheinlich aus ihrem privaten Kühlschrank – gefüllt hatte.
In der Wartezeit wurde ich von einem merkwürdigen Geräusch aufmerksam. Es kam von oben. Als ich hinschaute, sah ich, wie eine Eisenbahn in LGB-Größe über den Ladenregalen an den Wänden des Ladens herumfuhr. Es war eine White Pass-Bahn, von der ich glaube, dass es sie auch von Lehmann gegeben hatte. Als ich die Dame danach fragte, sagte sie, dass sie sich damit nicht auskenne. Die Anlage habe ihr verstorbener Mann vor Jahren installiert. Aber laufen würde sie immer noch, und zwar ganz automatisch, so wie sie ihr Mann damals eingestellt habe.
Mein zweites Problem an diesem späten Nachmittag war immer noch nicht gelöst. Ein Motel oder ein Hotel gab es in Pakenham nicht. Also musste ich wohl weiter zum nächsten größeren Ort, Carleton Place. Gerade hatte ich die Anhöhe südlich Pakenham erklommen, als ich links am Fluss einige Wohnwagen sah und bald darauf auch die Einfahrt zu einem kleinen Campingplatz. Ich bog gleich dahin ab. Es war nichts los auf dem Platz; die Wohnwagen waren unbewohnt, hatten aber Vorgärten mit Blumen und Gartenzwergen. Also ein typischer Platz für Dauercamper, die nur zeitweise oder an Wochenenden ihre Freizeit dort verbringen. An der Officetür musste ich lange klingeln, bis endlich ein smarter junger Mann erschien. Natürlich könne ich dort zelten. Er zeigte mir einen schönen schattigen Rasenplatz. Diese Nacht war ich offensichtlich der einzige Bewohner des Platzes. Mich hat es nicht gestört.
Für den folgenden Tag, Freitag, den 12. August, hatte ich mir den St. Lorenz-Strom als Ziel gesetzt. In Brockton sollte ich den Strom erreichen, um dann in östlicher Richtung nach Johnstown zu fahren, wo ich über die Brücke nach Okdensburg im US-Staat New York hinüber wollte. Zunächst verlief es auch wie geplant. Ich erreichte Brockton um die Mittagszeit. Die Stadt machte einen sehr gepflegten Eindruck. Die Weiterfahrt am Strom entlang auf einer Nebenstraße verlief durch Villengebiete. Gelegentlich hatte man einen freien Blick auf den Strom, dessen Größe mich schon beeindruckte. Bis zur Brücke waren es gut 20 km. Als ich zum ersten Mal die Brücke sah, kam mir gleich der Gedanke, ob ich da wohl mit dem Rad hinüber dürfe. In Johnstown machte ich Halt an einer Tankstelle unmittelbar an der Brückenauffahrt, um ein Getränk zu kaufen. Bei der Gelegenheit fragte ich auch, ob man mit dem Rad hinüber dürfe. Keine der vier oder fünf im Laden anwesenden Personen – Personal sowie Kunden – konnte mir meine Frage beantworten. Ich solle dort drüben an der Zollstelle fragen. Ich fuhr also weiter zur Brückenauffahrt. Von der Straße musste ich nach links abbiegen. Ich sah den Wegweiser “Bridge USA“ und schaute genau hin, ob da auch noch das mir bekannte Schild mit dem durchgestrichenen Fahrrad auftauchte. Tat es nicht. Ich also weiter. Nach ca. 150 m ging es nochmal nach links. Wieder das Schild “Bridge USA“, aber auch hier kein Schild mit durchgestrichenem Fahrradsymbol. Dann darf ich also wohl rüber, dachte ich und fuhr auf die Brückenauffahrt, die durch kniehohe Betonwände von der Abfahrt, an der die kanadische Einreisekontrolle stattfand, getrennt war. An der fuhr ich folglich vorbei und hinter der Biegung, die die Auffahrt machte, tauchten weitere Hinweisschilder auf. Und was war dabei? Das runde Schild mit dem durchgestrichenen Fahrradsymbol und zusätzlich darunter als Text “No bicycles“. Was tun? Einfach weiterfahren? Was sagen die Amis auf der anderen Seite? Mit denen ist nicht gut Kirschenessen, habe ich immer gehört. Ich also zurück. Aber wie? Ich befand mich auf der Auffahrtsspur; eine Rückkehr ist nicht vorgesehen. Langsam fuhr ich dennoch ganz links auf dem Seitenstreifen die Auffahrt wieder hinunter. Da musste ich wieder an der kanadischen Kontrollstelle vorbei. Gerade als ich dachte, es geschafft zu haben, kam ein gellender Ruf. Was ich dort mache, woher ich käme? Geladen wie ich war, schrie ich genauso laut zurück, was denn das für eine Ausschilderung sei. Erst zweimal kein Verbotsschild und dann, wenn es eigentlich zu spät ist, soll es nicht weitergehen??! Der Beamte war auf meine barsche Erwiderung offensichtlich nicht gefasst und hat vielleicht auch eingesehen, dass die Beschilderung nicht in Ordnung ist. Er jedenfalls bat mich in freundlicherem Ton durch einen Durchlass auf die andere Seite, wo ein jüngerer Kollege sich meiner annehmen solle. Der schaute sich meinen Pass an und war recht beeindruckt von meiner Reiseroute, die man an den Stempeln der passierten kanadischen und amerikanischen Grenzstationen nachvollziehen konnte.
Aber was tun? Sein Vorschlag war, ein Taxi zu ordern, das mich auf die andere Seite bringen solle. Er war mir auch beim Telefonieren behilflich, was aber dennoch nicht klappte, weil das Telefon keine meiner Kreditkarten akzeptieren wollte. Er versuchte es dann von einem Diensttelefon im Gebäude. Nach einiger Zeit kam er zurück mit der Auskunft, die Taxiunternehmen würden so etwas nicht machen; irgendwelcher Vorschriften wegen.
Also kein Übergang in die USA. Inzwischen war es Abend und damit Zeit, eine Bleibe zu finden. Einige km weiter in Richtung Cornwall, wo die nächste Brücke ist, sollte es ein Motel geben, so der freundliche Beamte. Auf dem Weg dahin sah ich vor mir einen anderen Reiseradler von der Straße nach rechts, also zum Fluss hin, abbiegen. Und was war dort? Ein wunderschöner Campingplatz. Natürlich blieb ich dort; und es hatten sich noch etliche andere Radler dort niedergelassen, überwiegend französischsprachige Kanadier aus dem nahen Québec.
Mit Dreien davon startete ich am nächsten Morgen in Richtung Cornwall, der letzten Stadt vor der Grenze zu Québec.
Im Unterschied zu mir hatten die Drei noch nicht gefrühstückt; so dauerte die gemeinsame Fahrt nur die ca. 30 km bis zum nächsten Tim Horton. Ich bin dann allein weiter in Richtung Cornwall. Einige km vor der Stadt begann ein ausgeschilderter Radweg, der nach den in Abständen aufgestellten Schautafeln direkt zur Brückenauffahrt gehen müsste. Ich nahm diesen Weg, der auch über inzwischen stillgelegte Schleusen und an einem Wasserkraftwerk vorbei führte. An der Brücke angekommen wieder dasselbe Spiel. Was sagen die Schilder? Wieder nichts zu sehen von dem runden Schild mit dem durchgestrichenen Fahrrad. Am Beginn der Auffahrt war die kanadische Mautstelle. Ich fragte hier, ob ich über die Brücke fahren dürfe. Ja, die Antwort, aber auf dem für Fußgänger gedachten Seitenstreifen, der durch eine hohe Kante von der Fahrbahn abgegrenzt war. Also mein schweres Rad hinauf gewürgt. Aber wie dort fahren oder schieben? Für ein mit Packtaschen beladenes Fahrrad war der Seitenstreifen einfach nicht breit genug. Ich habe dann einfach die Fahrbahn genommen, und kein Autofahrer hat deshalb gemeckert. Wie überhaupt die Autofahrer mir immer sehr rücksichtsvoll gewesen sind, sowohl in Kanada als auch in den Staaten.
Also über die sehr lange und luftige Brücke! Ich richtete meinen Blick immer auf die Fahrbahn und nicht auf den weit unten liegenden St. Lorenz-Strom und kam so gut auf die andere Seite. Wo aber sind die Amis mit ihrer sehr viel gründlicheren Einreisekontrolle? Da kam nichts, zunächst jedenfalls nicht. Bis ich merkte, dass ich noch gar nicht auf der amerikanischen Seite des St. Lorenz-Stromes angekommen war; denn es kam eine zweite, sehr viel höhere und auch neuere Brücke ins Blickfeld. Da erinnerte ich mich, dass der Strom in diesem Bereich aus zwei Armen bestand. Jetzt also noch der zweite Arm. Was, wenn ich diese amerikanische Brücke nicht befahren darf. Dann sitze ich im Niemandsland. Meine Bedenken zerstreuten sich jedoch bald, denn ich sah Schilder mit Hinweisen für Radfahrer. Also keine Probleme, außer dem vielleicht, dass die Brückenauffahrt sehr steil war, was mich mächtig ins Schwitzen brachte.
Diese neuere Brücke ist deswegen so hoch, weil sie über den von großen Überseeschiffen befahrenen Arm des St. Lorenz-Stromes führt.
Gleich hinter der Brücke die amerikanische Immigration. Da Wochenende, gab es lange Schlangen, überwiegend Autos mit kanadischen Kennzeichen. Wahrscheinlich auf Einkaufstour in die für Kanadier billigen USA. Vor wenigen Jahren soll es noch umgekehrt gewesen sein.
Damit bin ich also jetzt, am 13. August, wieder in den USA, im Bundesstaat New York, also schon ziemlich im Osten. Meine Fahrt durch Ontario dauerte demnach zwei Wochen mit 13 Fahrtagen und insgesamt 1 738 km.
Ontario
Meine Route:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=tigclseozqzlwotw
Wie im Teil 4 berichtet kam ich von Minnesota auf der Küstenstraße, dem Hw 61, am Superior entlang nach Thunder Bay, der ersten größeren Stadt seit langer Zeit. Weit vor der Stadt, kurz vor der Einmündung des Hw 6 in den Transcanada-Hw 17 wird man als Radfahrer auf eine Nebenstraße durch die Stadt verwiesen. Die Orientierung war zunächst etwas schwierig, weil innerstädtisch in Kanada keine Wegweiser stehen. Man muss sich schon an den Straßennamen orientieren. Dazu braucht man eine entsprechende Karte. Zum Glück sind auf meiner Ontario-Karte für die größeren Städte detailliertere Karten enthalten, so auch für Thunder Bay mit seinen 110 000 Einwohnern. Ich fand also durch die flächenmäßig sehr große Stadt zum am östlichen Rand gelegenen KOA-Campground, den ich mir schon frühzeitig ausgesucht hatte. Die KOA-Campgrounds gehören zu der besseren (und teureren) Kategorie; dafür sollen sie auch etwas mehr bieten. Ich wollte sie immer schon mal kennenlernen. Das Ergebnis für mich ist negativ. Das Zusatzangebot besteht aus Animation; und auf die kann ich verzichten. Am Tag und vor allem Abend meiner Anwesenheit wurde Weihnachten gefeiert. Ja Weihnachten! Das Personal lief mit roten Mützen mit weißen Bommeln herum. Etliche Camper, wohl Stammgäste, hatten ihre Wohnwagen und ihren Platz weihnachtlich dekoriert. Auch blieben etliche der reichlich auf dem Platz vorhandene Nadelbäume davon nicht verschont. Und aus dem Platzlautsprecher tönte weihnachtliche Musik. Naja, nun weiß ich jedenfalls, dass KOA-Plätze für mich nichts sind.
Am nächsten Morgen ging es recht früh weiter; von jetzt an für etliche Tage auf dem Hw 17, dem Transcanada-Highway. Und da gab es gleich ein kleines Problem. Der C-Platz lag unmittelbar am Hw 17; der allerdings war hier noch für Radfahrer gesperrt, weil weiter unten am Superior eine Nebenstraße lief; und auf der sollten die Radfahrer solange bleiben, bis sie in die Hauptstraße einmündete. Das war aber gut 20 km weiter östlich. Sollte ich also wieder die steile Abfahrt runter zum See und später wieder rauf zur Hauptstraße? Es war früher Samstagmorgen, und ich dachte mir, da wird die Highwaypatrol sicher noch nicht unterwegs sein. Ich fuhr also gleich auf dem Hw 17 los, und das war auch gut so, denn nichts passierte; es war auch kaum Verkehr.
Auch im weiteren Tagesverlauf blieb es eine problemlose und recht angenehme Fahrt zum nächsten Etappenort Nipigon. Dort fand ich einen netten C-Platz, auf dem sogar das I-Net funktionierte.
In den folgenden Tagen versuchte ich, möglichst viele Kilometer zu schaffen, um möglichst bald mein nächstes Zwischenziel Sault Ste. Marie zu erreichen. Die vielen steigungsreichen Streckenabschnitte machten die Fahrt aber recht mühsam. Über die Etappenorte Terrace Bay, White Lake, Wawa und Montreal River kam ich am Do., 04. August in Sault Ste. Marie an und begab mich gleich zum unter Radlern berühmten Radshop VELORUTION. Der Weg dahin war leicht zu finden. Man musste sich nur nach der in zahlreichen Reiseberichten enthaltenen Empfehlung richten und einfach den hohen weißen Wasserturm ansteuern. Wenn man an dem angelangt ist, sieht man den Radshop mit dem Fahrrad auf dem Dach. Als ich dort ankam, war das Rad aber nicht auf dem Dach, sondern es hatte an der Einfahrt zum Betriebsgelände einen neuen Standort bekommen. Auf dem Dach musste es den neu angebrachten Solarmodulen – für Kanada übrigens etwas noch recht Seltenes – weichen. Ich meldete mich an und stellte mein Zelt im großzügigen Gelände hinter dem Gebäude auf.Es war schon ein anderes Zelt aufgestellt. Mit dem zugehörigen Besitzer, einem Chilenen mit Wohnsitz Chicago, teilte ich mir das Abendessen; ich hatte im nahen Metro einen Restbestand von Hähnchenteilen in Chili, die zum herabgesetzten Preis kurz vor Ladenschluss verkauft wurden, besorgt, er ein Sixpack Bier aus dem Liquorshop gleich nebenan. Im Laufe des Abends gesellten sich noch weitere Radler dazu, insgesamt 6 Personen in vier Zelten.
Der nächste Tag war von mir als Ruhetag eingeplant. Neben einem Besuch beim Frisör stand eine Inspektion und Wartung am LHT auf dem Programm. Letzteres hatten auch die anderen Radler vorgesehen. Im Unterschied zu mir überließen sie aber die Arbeit den Fachleuten in der Werkstatt von Velorution. Velorution berechnet nur die evtl. benötigten Neuteile, vor allem ist bei den meisten Rädern eine neue Kette fällig. Für die Arbeit wird nichts berechnet. So ein Service spricht sich unter den Fernradlern schnell herum, zumal Sault Ste. Marie bei einer Transcanadatour etwa auf halber Strecke liegt, egal, ob man von Westen nach Osten oder von Osten nach Westen unterwegs ist.
Ich hatte an meinem LHT nicht viel zu tun. Das einzige Problem bestand in den häufigen Reifenpannen im Vorderrad. Ich habe daher die Bereifung demontiert und dem Werkstattchef den Conti TopContact gezeigt. Er konnte wie ich auch nicht feststellen, was der Grund für die immer wieder auftretenden winzigen Lecks sein könnte. Prophylaktisch habe ich einen neuen Schlauch eingelegt; meine drei Reserveschläuche wiesen inzwischen nämlich alle mindestens zwei geflickte Stellen auf. Eigentlich wollte ich auch eine neue Kette montieren; denn nach gut der Hälfte der Strecke mit über 4000 km sollte eine neue Kette fällig sein. Als ich jedoch mit dem Kettenverschleißwerkzeug meine Campagnolo C9 mit einer neuen SRAM 950, welche ein junger Kanadier gerade an seinem Rad montieren wollte, verglich, zeigte sich kaum ein Unterschied. Sie hatte sich nur unwesentlich gelängt. Ich ließ folglich die C9 drauf, säuberte sie lediglich und gönnte ihr ein wenig Fett. Auch sonst war kaum Wartungsbedarf. Lediglich am Vorderrad hatte die White-Nabe ein wenig Lagerspiel, was sich aber schnell beheben ließ. Außerdem habe noch den Schaltzug zum Umwerfer erneuert, weil an der Klemmstelle einige Drahtfäden gerissen waren.
Was mein Rad betrifft, konnte Velorution mit mir also kein Geschäft machen. Mit mir persönlich aber schon, denn ich brauchte dringend neue Radkleidung. Ich hatte durch das wochenlange täglich 7-9 Stunden dauernde Radfahren so viel an Gewicht und Körperfülle eingebüßt, dass mir die mitgenommenen Trikots und Radhosen in Größe L bzw. XL am Körper schlotterten. Ich kaufte mir ein neues Trikot und eine neue zweiteilige Radhose (Shorts mit gepolsterter Innenhose) in Größe M. Das war jetzt meine Größe. Ich bin mal gespannt, wie lange ich damit auskomme, wenn ich wieder in gewohnter Umgebung und gewohntem Tagesablauf zu Hause bin.
Am Samstag, 06. August, war allgemeiner Aufbruchtag. Außer mir wollten noch ein Kanadier aus Victoria und eine Engländerin in östlicher Richtung fahren. Die beiden hatten ihre Räder am Vortag der Werkstatt zur Durchsicht überlassen und mussten nun bis zur Öffnung der Werkstatt um 09 Uhr warten. Ich bin daher allein schon früher losgefahren. Es wurde bei schönem Wetter eine angenehme Fahrt am Nordufer des Lake Huron entlang, von dem man aber nichts zu sehen bekam, weil die Straße in größerem Abstand zum See verlief. Nach gut 140 km machte ich Station auf einem kleinen C-Platz in der Nähe von Blind River. Fast gleichzeitig mit mir war dort Carol aus Smithers im Norden von British Kolumbien eingetroffen, die auch an diesem Tag in Sault Ste. Marie gestartet war, dort aber nicht bei Velorution, sondern auf einem anderen C-Platz gezeltet hatte. Erst als sie in SSM war, hatte sie von VELORUTION gehört. Carol will ihr Heimatland einmal in seiner ganzen Ausdehnung von Prince Rupert im Westen bis St. John auf Neufundland erleben; und wie kann man das wohl besser als in den zwei oder drei Monaten, in denen man mit dem Fahrrad durch das große Land unterwegs ist
Am nächsten Morgen fing es an zu regnen, gerade als wir unsere Zelte abgebaut hatten, und der Regen wurde immer stärker. In Regenkleidung machten wir uns dennoch auf den Weg. Zum Glück war es recht warm, und dann macht die Nässe nicht so viel aus. Zum Regen hinzu kam die Gischt, die von den überholenden und entgegnen kommenden Autos verursacht wurde. Zur Sicherheit hatte ich mein hinteres Diodenrücklicht eingeschaltet. Wir fuhren in größerem Abstand, aber noch auf Sichtweite hintereinander her, Carol voran. Nach gut 30 km überholte mich in langsamem Tempo ein Streifenwagen der Highwaypatrol; der Beifahrer schaute mich und mein Gefährt aufmerksam an und nickte mir zu. Wenig später sah ich, dass der Wagen hinter einer Kuppe angehalten hatte und einen kurzen Moment mit vollem Blinklicht am rechten Straßenrand stand. Als ich an diese Stelle kam, stand dort nur noch Carol, abgestiegen von ihren Rad, und zwar ziemlich bedröppelt.
„Sie haben mich vom Highway verwiesen, ich soll nur noch zu der Kontrollstelle für Trucks fahren, die dort unten kommt.“
Wir sind zusammen die wenigen hundert Meter dahin gefahren, sie voran, ich mit meinem Rücklicht dahinter. An der Kontrollstelle stellten wir uns und unsere Räder erst mal unter und warteten, und warteten. Der Regen hörte nicht auf. Inzwischen hatte uns der diensthabende Beamte zu sich hinein gebeten. Er sagte, dass es nach dem Wetterbericht den ganzen Tag und auch noch den nächsten weiter regnen sollte. Und er riet uns, in einem Motel oder Hotel abzusteigen und auf besseres Wetter zu warten. Aber wo ist das nächste Motel oder Hotel? Und wie dahin kommen? Im Telefonbuch suchten wir einige Adressen aus und Carol rief bei der vom Beamten empfohlenen an. Antwort: “Kein Problem, Zimmer frei!“ Wie dahin kommen? Immerhin 18 km. “Auch kein Problem, komme mit dem PickUp und hole euch“.
So landeten wir also schon recht früh am Tag im Hotel. Auf der Fahrt dahin erzählte uns der Besitzer, dass er das Hotel erst kürzlich übernommen habe und noch dabei sei, das Restaurant einzurichten. Die Zimmer seien aber bereits renoviert und bezugsfertig. Außerdem erzählte er uns einiges über die Einheimischen, also die Bevölkerung der First Nation, wie man in Kanada sagt, welche dort gerade ihr jährliches PowWow abhielten, wie man an einer Stelle auf dem Wege an den dort aufgestellten Zelten und anderen Einrichtungen sehen konnte. Uns kam der frühe Abbruch der Tagesetappe ganz recht, konnten wir doch im Hotel bei freiem Internetzugang in Ruhe am Netbook die Mails beantworten und die Reiseberichte fortschreiben.
Auch die nächsten Tage war ich auf dem Transcanada-Highway in Richtung Osten unterwegs. Über Espanola ging es zunächst nach Sudbury, einer Industriestadt, die man möglichst schnell durchfahren sollte, was wiederum nicht über den Hw 17 möglich war, sondern für Radler nur auf Nebenstraßen. Die Stadt ist bekannt als Kupfer- und Nickelstadt; auch ein offensichtlich noch arbeitendes Bergwerk war zu sehen. Der nächste größere Ort war North Bay, eine mittelgroße Stadt, die mit ihren weiträumigen Strandanlagen am Lake Nipissing einen sehr aufgeräumten Eindruck machte. Auffällig für mich war, dass die Leute hier überwiegend französisch sprachen. Die Provinz Ontario hat einen nicht unbedeutenden Bevölkerungsanteil, der französischsprachig ist. Das gilt vor allem auch für die indianische Urbevölkerung, die von französischen Jesuiten missioniert wurden und daher auch zum großen Teil katholischer Konfession sind. Letzteres war mir auch schon ganz im Westen Ontarios an den zahlreichen katholischen Kirchen und Friedhöfen aufgefallen. Der französischsprachige Bevölkerungsanteil ist auch sicher der Grund dafür, dass die Verkehrsschilder, soweit sie Texte enthaltenen, in ganz Ontario durchweg doppelt vorhanden sind, in englisch und in französisch.
Hinter North Bay verläuft der TC-Hw noch ein Stück in östlicher Richtung, bis er in Mattawa am Ottawa River einen Schwenk nach Südosten macht und entlang dem Fluss auf die Hauptstadt Kanadas zuläuft. Bis dahin sind es aber noch einige 100 Kilometer bzw. einige Tagesetappen. Überrascht war ich von der geringen Bevölkerungsdichte im nördlichen Bereich dieses Streckenabschnittes. Die auf meiner Karte eingezeichneten Orte bestanden i.d.R. nur aus wenigen Häusern, bzw. den Briefkästen an den Zufahrten. Aufgelassene Tankstellen und geschlossene Geschäfte waren zu sehen. Auf den ersten ca. 100 km nach Mattawa gab es keinerlei Versorgungsmöglichkeiten. Dafür verlief der Highway nicht, wie von mir vermutet, schön leicht dem Ottawa River flussabwärts folgend, sondern in größerem Abstand über zahlreiche Höhenzüge. Der erste größere Ort war Petawawa, ein Städchen, das offensichtlich in erster Linie von der großen Garnison lebt. Dann ging es an Pembroke vorbei nach Arnprior, wo ich den Transcanada-Highway verließ, um auf Nebenstraßen in südlicher Richtung diesen östlichen Teil Ontarios bis zum St. Lorenz-Strom zu durchqueren.
Auf diesem Streckenabschnitt machte ich in dem kleinen Städtchen Pakenham Station. Ich war darauf eingestellt, irgendwo in einem Motel zu übernachten, weil ich in dieser Region wenig touristische Infrastruktur erwartete. Pakenham zeigt sich als idyllisches Städtchen mit typisch englischem Einschlag. Ich fand auch einen Laden, in dem es Bier gab – sogar heimatliches Grolsch aus Enschede!- und auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen anderen Laden, der mich schon von der äußeren Aufmachung interessierte, ein Tante Emma-Laden auf englisch-kanadische Art sozusagen. Ich brauchte unbedingt etwas Butter und einige andere Sachen, die ich dort zu finden glaubte. Innen war der Laden noch altertümlicher als außen. Hinter der langen Ladentheke werkelte eine ältere Dame; Selbstbedienung war nicht. Man musste ihr schon sagen, was man haben wollte. Ich fragte, ob es Butter auch in kleinen Mengen gäbe, ich sei mit dem Rad unterwegs und könne die 1 kg-Packungen nicht unterbringen. Kleinere Packungen hätte sie nicht, war die Antwort, und nach kurzem Zögern sagte sie, ich solle einen Moment warten. Sie verschwand in einem hinteren Raum und kam nach kurzer Zeit wieder mit einem kleinen Plastikdöschen, das sie mit Butter – wahrscheinlich aus ihrem privaten Kühlschrank – gefüllt hatte.
In der Wartezeit wurde ich von einem merkwürdigen Geräusch aufmerksam. Es kam von oben. Als ich hinschaute, sah ich, wie eine Eisenbahn in LGB-Größe über den Ladenregalen an den Wänden des Ladens herumfuhr. Es war eine White Pass-Bahn, von der ich glaube, dass es sie auch von Lehmann gegeben hatte. Als ich die Dame danach fragte, sagte sie, dass sie sich damit nicht auskenne. Die Anlage habe ihr verstorbener Mann vor Jahren installiert. Aber laufen würde sie immer noch, und zwar ganz automatisch, so wie sie ihr Mann damals eingestellt habe.
Mein zweites Problem an diesem späten Nachmittag war immer noch nicht gelöst. Ein Motel oder ein Hotel gab es in Pakenham nicht. Also musste ich wohl weiter zum nächsten größeren Ort, Carleton Place. Gerade hatte ich die Anhöhe südlich Pakenham erklommen, als ich links am Fluss einige Wohnwagen sah und bald darauf auch die Einfahrt zu einem kleinen Campingplatz. Ich bog gleich dahin ab. Es war nichts los auf dem Platz; die Wohnwagen waren unbewohnt, hatten aber Vorgärten mit Blumen und Gartenzwergen. Also ein typischer Platz für Dauercamper, die nur zeitweise oder an Wochenenden ihre Freizeit dort verbringen. An der Officetür musste ich lange klingeln, bis endlich ein smarter junger Mann erschien. Natürlich könne ich dort zelten. Er zeigte mir einen schönen schattigen Rasenplatz. Diese Nacht war ich offensichtlich der einzige Bewohner des Platzes. Mich hat es nicht gestört.
Für den folgenden Tag, Freitag, den 12. August, hatte ich mir den St. Lorenz-Strom als Ziel gesetzt. In Brockton sollte ich den Strom erreichen, um dann in östlicher Richtung nach Johnstown zu fahren, wo ich über die Brücke nach Okdensburg im US-Staat New York hinüber wollte. Zunächst verlief es auch wie geplant. Ich erreichte Brockton um die Mittagszeit. Die Stadt machte einen sehr gepflegten Eindruck. Die Weiterfahrt am Strom entlang auf einer Nebenstraße verlief durch Villengebiete. Gelegentlich hatte man einen freien Blick auf den Strom, dessen Größe mich schon beeindruckte. Bis zur Brücke waren es gut 20 km. Als ich zum ersten Mal die Brücke sah, kam mir gleich der Gedanke, ob ich da wohl mit dem Rad hinüber dürfe. In Johnstown machte ich Halt an einer Tankstelle unmittelbar an der Brückenauffahrt, um ein Getränk zu kaufen. Bei der Gelegenheit fragte ich auch, ob man mit dem Rad hinüber dürfe. Keine der vier oder fünf im Laden anwesenden Personen – Personal sowie Kunden – konnte mir meine Frage beantworten. Ich solle dort drüben an der Zollstelle fragen. Ich fuhr also weiter zur Brückenauffahrt. Von der Straße musste ich nach links abbiegen. Ich sah den Wegweiser “Bridge USA“ und schaute genau hin, ob da auch noch das mir bekannte Schild mit dem durchgestrichenen Fahrrad auftauchte. Tat es nicht. Ich also weiter. Nach ca. 150 m ging es nochmal nach links. Wieder das Schild “Bridge USA“, aber auch hier kein Schild mit durchgestrichenem Fahrradsymbol. Dann darf ich also wohl rüber, dachte ich und fuhr auf die Brückenauffahrt, die durch kniehohe Betonwände von der Abfahrt, an der die kanadische Einreisekontrolle stattfand, getrennt war. An der fuhr ich folglich vorbei und hinter der Biegung, die die Auffahrt machte, tauchten weitere Hinweisschilder auf. Und was war dabei? Das runde Schild mit dem durchgestrichenen Fahrradsymbol und zusätzlich darunter als Text “No bicycles“. Was tun? Einfach weiterfahren? Was sagen die Amis auf der anderen Seite? Mit denen ist nicht gut Kirschenessen, habe ich immer gehört. Ich also zurück. Aber wie? Ich befand mich auf der Auffahrtsspur; eine Rückkehr ist nicht vorgesehen. Langsam fuhr ich dennoch ganz links auf dem Seitenstreifen die Auffahrt wieder hinunter. Da musste ich wieder an der kanadischen Kontrollstelle vorbei. Gerade als ich dachte, es geschafft zu haben, kam ein gellender Ruf. Was ich dort mache, woher ich käme? Geladen wie ich war, schrie ich genauso laut zurück, was denn das für eine Ausschilderung sei. Erst zweimal kein Verbotsschild und dann, wenn es eigentlich zu spät ist, soll es nicht weitergehen??! Der Beamte war auf meine barsche Erwiderung offensichtlich nicht gefasst und hat vielleicht auch eingesehen, dass die Beschilderung nicht in Ordnung ist. Er jedenfalls bat mich in freundlicherem Ton durch einen Durchlass auf die andere Seite, wo ein jüngerer Kollege sich meiner annehmen solle. Der schaute sich meinen Pass an und war recht beeindruckt von meiner Reiseroute, die man an den Stempeln der passierten kanadischen und amerikanischen Grenzstationen nachvollziehen konnte.
Aber was tun? Sein Vorschlag war, ein Taxi zu ordern, das mich auf die andere Seite bringen solle. Er war mir auch beim Telefonieren behilflich, was aber dennoch nicht klappte, weil das Telefon keine meiner Kreditkarten akzeptieren wollte. Er versuchte es dann von einem Diensttelefon im Gebäude. Nach einiger Zeit kam er zurück mit der Auskunft, die Taxiunternehmen würden so etwas nicht machen; irgendwelcher Vorschriften wegen.
Also kein Übergang in die USA. Inzwischen war es Abend und damit Zeit, eine Bleibe zu finden. Einige km weiter in Richtung Cornwall, wo die nächste Brücke ist, sollte es ein Motel geben, so der freundliche Beamte. Auf dem Weg dahin sah ich vor mir einen anderen Reiseradler von der Straße nach rechts, also zum Fluss hin, abbiegen. Und was war dort? Ein wunderschöner Campingplatz. Natürlich blieb ich dort; und es hatten sich noch etliche andere Radler dort niedergelassen, überwiegend französischsprachige Kanadier aus dem nahen Québec.
Mit Dreien davon startete ich am nächsten Morgen in Richtung Cornwall, der letzten Stadt vor der Grenze zu Québec.
Im Unterschied zu mir hatten die Drei noch nicht gefrühstückt; so dauerte die gemeinsame Fahrt nur die ca. 30 km bis zum nächsten Tim Horton. Ich bin dann allein weiter in Richtung Cornwall. Einige km vor der Stadt begann ein ausgeschilderter Radweg, der nach den in Abständen aufgestellten Schautafeln direkt zur Brückenauffahrt gehen müsste. Ich nahm diesen Weg, der auch über inzwischen stillgelegte Schleusen und an einem Wasserkraftwerk vorbei führte. An der Brücke angekommen wieder dasselbe Spiel. Was sagen die Schilder? Wieder nichts zu sehen von dem runden Schild mit dem durchgestrichenen Fahrrad. Am Beginn der Auffahrt war die kanadische Mautstelle. Ich fragte hier, ob ich über die Brücke fahren dürfe. Ja, die Antwort, aber auf dem für Fußgänger gedachten Seitenstreifen, der durch eine hohe Kante von der Fahrbahn abgegrenzt war. Also mein schweres Rad hinauf gewürgt. Aber wie dort fahren oder schieben? Für ein mit Packtaschen beladenes Fahrrad war der Seitenstreifen einfach nicht breit genug. Ich habe dann einfach die Fahrbahn genommen, und kein Autofahrer hat deshalb gemeckert. Wie überhaupt die Autofahrer mir immer sehr rücksichtsvoll gewesen sind, sowohl in Kanada als auch in den Staaten.
Also über die sehr lange und luftige Brücke! Ich richtete meinen Blick immer auf die Fahrbahn und nicht auf den weit unten liegenden St. Lorenz-Strom und kam so gut auf die andere Seite. Wo aber sind die Amis mit ihrer sehr viel gründlicheren Einreisekontrolle? Da kam nichts, zunächst jedenfalls nicht. Bis ich merkte, dass ich noch gar nicht auf der amerikanischen Seite des St. Lorenz-Stromes angekommen war; denn es kam eine zweite, sehr viel höhere und auch neuere Brücke ins Blickfeld. Da erinnerte ich mich, dass der Strom in diesem Bereich aus zwei Armen bestand. Jetzt also noch der zweite Arm. Was, wenn ich diese amerikanische Brücke nicht befahren darf. Dann sitze ich im Niemandsland. Meine Bedenken zerstreuten sich jedoch bald, denn ich sah Schilder mit Hinweisen für Radfahrer. Also keine Probleme, außer dem vielleicht, dass die Brückenauffahrt sehr steil war, was mich mächtig ins Schwitzen brachte.
Diese neuere Brücke ist deswegen so hoch, weil sie über den von großen Überseeschiffen befahrenen Arm des St. Lorenz-Stromes führt.
Gleich hinter der Brücke die amerikanische Immigration. Da Wochenende, gab es lange Schlangen, überwiegend Autos mit kanadischen Kennzeichen. Wahrscheinlich auf Einkaufstour in die für Kanadier billigen USA. Vor wenigen Jahren soll es noch umgekehrt gewesen sein.
Damit bin ich also jetzt, am 13. August, wieder in den USA, im Bundesstaat New York, also schon ziemlich im Osten. Meine Fahrt durch Ontario dauerte demnach zwei Wochen mit 13 Fahrtagen und insgesamt 1 738 km.