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Re: Marokko - Berber, Berge, Wüste, Werte - 01/29/12 05:05 PM
Hallo Jörg,
Ihr habt sehr viel (Inneres und Äußeres) in den vier Wochen erlebt. Ich habe deinen Bericht mit Genuss gelesen und deine Bilder sind einfach Klasse. Nimm die Kritik in meinem viel zu ausführlichen Kommentar bitte nicht persönlich (auch wenn es manchmal so klingt). Nur wenn ich das was ich sagen will noch weicher formuliert hätte wär der Text noch länger geworden und wer will das schon?
du hast während deiner Reise eine Entwicklung durchgemacht. Zunächst hatte ich den Eindruck, dass ihr euch recht Oberflächlich vorbereitet habt und eben mit der von dir im Schlusssatz bemängelten Überheblichkeit das Land betreten habt. Das Karla nicht mit Kopftuch Rad fährt kann ich nachvollziehen, dass sie mit nackten Beinen unterwegs ist, ist ein gesellschaftlicher, zumindest ein diplomatischer Fehlgriff. Auch als Man sollte man in Marokko mit Beinkleid unterwegs sein. Du betrittst eine dir fremde Gemeinschaft und solltest dich soweit dir das möglich ist den Gepflogenheiten in der Gemeinschaft anpassen. Solltest du jemals einen Golfclub betreten solltest du auch nicht in Skaterklamotten und mit Punkerfrisur über den Platz laufen, ganz egal wie wenig Verständnis du dafür hast. Wenn du das in der Gastgebergemeinschaft von dir erwartete Verhalten moralisch, ethisch oder aufgrund von angelernten Überzeugen oder schlicht aus Stolz nicht an den Tag legen kannst, solltest du meiner Meinung nach die entsprechende Gemeinschaft nicht betreten bzw. mit Konflikten rechnen. Anderes Beispiel, in USA trinkt man öffentlich keinen Alkohol. Find ich voll dämlich, Ich trinke mein Bier gerne draußen und durchaus öffentlich. Wär ich in USA tät ich mich aber dran halten.
Nach ein paar Tagen Touristengenussradelns in dörflicher Idylle und faszinierender weil fremder Landschaft seid ihr auf Schattenseiten gestoßen. Zum einen das Verhalten der Marokkaner gegenüber Karla. Meiner Meinung nach zumindest teilweise bedingt durch nicht angepasste Verhaltensweise. Ich habe auch Frauen kennen gelernt die Marokko alleine bereist haben und keinerlei Probleme hatten. „teilweise bedingt“ unbestreitbar herrscht in Marokko ein Frauenbild vor dass ich nicht teile und das es Frauen deutlich schwerer macht sich dort zu behaupten. Dazu kommt, dass es europäische Frauen gibt die Sextourismus in Marokko betreiben und die Marokkanischen Jungs „großzügig“ für gewisse Aufmerksamkeiten entlohnen. Viele Marokkaner wissen das und denken jede europäische Frau will hier nur das eine. Etwas verwirrend und mir unklar ist die Situation in den Berberdörfern, dort sind, wenn auch durch die Arabisierung nur noch selten, die Frauen Familienoberhaupt. Du hast da auch drauf hingewiesen. Wie auch immer, du(ihr) beeinflusst durch dein Verhalten ungewollt die Reaktion der Menschen auf dich. Die von mir erwähnten allein reisenden Frauen wurden in Marokko weit weniger belästigt als ich. Keine Ahnung warum, aber es geht. Übrigens, die Geschichte mit dem Prügelbereiten Alten find ich auch sehr erschreckend und durch nichts zu erklären oder gar zu entschuldigen.
Die nächste Schattenseite die ihr kennen gelernt habt sind die Kinder. Genau die Kinder, die du in deiner Schlussrede als „gesunde Alterspyramide“ hervorhebst. Ich weiß nicht. Die Kinder und Jugendlichen sind zahlreich und für einen großen Teil des Tages unkontrolliert. Die Kinder waren für mich der größte Sorgenpunkt bei meinen Vorbereitungen und ich habe auch die gesamten drei Wochen gebraucht um eine gewisse Gelassenheit ihnen gegenüber an den Tag zu legen. Mit der passenden – erwachsenen – Gelassenheit, Überlegenheit und Autorität geht das schon. Im Prinzip wollen sie Aufmerksamkeit von dem exotischen Radler. Winken, Grüßen, Abklatschen. Manchmal und vor allem im Rudel (ohne Erwachsene Marokkaner in der Nähe) wollen sie Geld, „STYLO“, Süßigkeiten oder sogar einfach einen Schluck Wasser. Hauptsache du gibst was sie fordern. Das ist antrainiertes Verhalten und ich halte es für sehr wichtig, dass man Touristen klarmacht, dass man nach Möglichkeit nicht drauf eingehen sollte. Gegen Ende der drei Wochen bin ich halbwegs mit den Kindern zurechtgekommen, aber in ihrer Unberechenbarkeit sind insbesondere große Kindergruppen für mich ein Grund geblieben zügig weiter zu fahren.
Du schreibst von einer gesunden Alterspyramide? Global betrachtet ist jede wachsende Alterspyramide ein Schritt in die falsche Richtung und genau, das grundsätzliche Problem was wir auf diesem Planeten haben. Wie Bernhard Grzimek schon unter jeden seiner Briefe gestempelt hat "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Anwachsen der Menschheit verringert werden muss." Ich denke, in Marokko hilft die wachsende Bevölkerung auch lokal (also auf das Land bezogen) nicht wirklich auf eine sich bessernde Zukunft zu hoffen.
Die Verkäufer, Vermittler und VerbalWerbeSpammer und Tauschhandelanbieter gehören zur Kultur. Ich empfand das auch als belästigend, aber zum einen wollte ich ja bei meinem Besuch in Marokko auch mit Menschen reden und zum anderen haben sie ein deutliches Nein eigentlich immer akzeptiert (spätestens beim fünften Nein
). Wenn ich deutlich klar gemacht habe, dass ich nicht mit zum TeppichgeschäftOnkel kommen werden (Nein, ich komme nicht, auch nicht morgen!) haben sie mich mit ihrem Verkäufergeschwätz in Ruhe gelassen, sind aber in der Regel bei mir im Cafe sitzen geblieben und haben sich dann wirklich neutral bis interessiert mit mir unterhalten. Bevor sie sich für mich als Menschen interessiert haben musste ich lästiger Weise oft erst klar und deutlich zu verstehen geben, dass ich kein Interesse habe an Steinen, Teppichen, Quadtouren oder Kameltouren in der Wüste, einer Übernachtung auf dem Campingplatz des Bruders oder was auch immer sie mir sonst andrehen wollten. Du willst die Grenzen öffnen und diese Verkäuferkultur zu uns lassen, noch mehr als sie eh schon hier sind. Bist du dir sicher, dass du das willst? Auf der anderen Seite hatte ich reichlich nette Kontakte, Leute die mich (wirklich nur aus Interesse und Hilfsbereitschaft) zum Essen eingeladen haben, Menschen die mich im Cafe auf einen Tee eingeladen haben (OK, oft, aber nicht immer um ein Verkaufsgespräch zu beginnen) Später bin ich offensiver geworden und dazu übergegangen die Herren die sich in dem Moment auf den Platz neben setzen, in dem ich mich für einen Stuhl entschieden habe, direkt anzusprechen und meinerseits auf einen Tee einzuladen. Sie sind überrascht gewesen, aber wie mir schien angenehm überrascht. Die Verkaufsgespräche verliefen wesentlich angenehmer bzw. kamen erst gar nicht zustande.
Als Kontrast dazu wird man in Marokko nicht sich selbst überlassen. Du wirst nirgends auf der Durchreise in Marokko sein und keinen Gesprächspartner finden. Geholfen wird dir auf jeden Fall. Ein Gast, ein Reisender wird nicht allein gelassen, man hilft immer und überall egal ob Hilfe gewünscht ist oder nicht. Ein Marokkaner in Deutschland wäre vermutlich schockiert dass er hier tagelang durch die Straßen streifen kann ohne auch nur einmal angesprochen zu werden. Erst schockiert, später frustriert und enttäuscht.
In Marokko sind die Menschen offensiv interessiert und ich bin es auch nicht gewöhnt ständig angequatscht zu werden. Aber in Marokko gehört das dazu, man hat Zeit und redet miteinander. Bei deinem Bericht stelle ich häufig fest, dass du den Menschen aus dem Weg gegangen bist. Abgehauen wenn dich jemand auf dem Rad anquatscht, keine Gespräche während der Busfahrt, stattdessen hast du deine Mitfahrer bewusst ignoriert und negativ bewertet (sie stinken). Ich glaube ihr habt sehr eindrucksvolle Erlebnisse gehabt aber ihr habt euch nicht auf die Menschen und die Kultur eingelassen. Gerade bei deiner Busfahrbeschreibung stelle ich wieder die von dir in deiner Schlussrede kritisierte „Leitkultur Denkweise“ fest.
In dem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass mir deine Geschichte über die Verschwendung von Zeit sehr gut gefallen hat, die eben in der Form wie du sie in dem Moment praktiziert hast keine Verschwendung von Zeit ist. Auf meinen Reisen habe ich festgestellt, dass man seine Zeit intensiver erlebt und intensiver nutzt wenn man sich Zeit nimmt Erlebnisse zu verdauen und wirken zu lassen. Auch Orte erlebt man viel bewusster wenn man sich eine Weile dort aufhält. Erst wenn man Menschen beobachtet, wie du es in dem Cafe getan hast und die Atmosphäre eines Ortes auf sich wirken lässt prägt sich das erlebte ein.
Sich Zeit zu nehmen erlebtes zu reflektieren (z.B. indem man einen Reisebericht schreibt) sorgt dafür dass man es gewissermaßen noch mal in Ruhe erlebt und erst dadurch wird es zu einem dauerhaftem und lebendigem Teil deiner Erinnerung. Von einem Erlebnis zum nächsten von einer Aktion zur nächsten von einem Highlight zum nächsten zu eilen ist nur Oberflächlich betrachtet ein mehr an Erlebnissen. Je schneller man unterwegs ist, desto weniger sieht man, desto weniger erlebt man (Statistisch betrachtet
). Ich denke, auch deswegen fahren wir Rad und nicht Auto, oder Wohnmobil. Mit dem Rad ist man näher dran, man sieht mehr und kommt in Berührung mit dem was man sieht. Wohnmobile sind schnelle Glaskästen – Aquarium – Die Welt wird durchfahren ohne wirklich in Berührung mit ihr zu kommen: So was ähnliches hab ich bei Peter gelesen der seit 2008 durch Afrika radelt – ich verfolge seine Reise fast von Beginn an, da ich ihn in Marokko getroffen habe und bin im übrigen sehr beeindruckt von seiner Reise. Eigentlich habe ich das auch in deinem Bericht gelesen, aber ich kann bei dir auch ein ordentliches Maß an gelebter, obwohl von dir ausdrücklich verurteilter Glaskastenmentalität feststellen. Übrigens kann ich das durchaus verstehen, Peters Reiseerlebnisse möchte ich auch nicht alle teilen, da würde ich mir auch einen Glaskasten wünschen.
Nur verstehe ich deine Schlussworte nicht, wenn ich beobachte, wie genervt du teilweise unterwegs gewesen bist.
Ich bin grundsätzlich ein Misstrauischer Mensch und weil misstrauische Menschen statistisch betrachtet seltener übers Ohr gehauen werden, ich mich fürchterlich ärgere wenn mich jemand übers Ohr haut und ich in dieser mathematischen Disziplin (ebenso wie du
) recht bewandert bin, bleibe ich dabei. Aber so oft es ging habe ich auf den langen einsamen Strecken angehalten wenn ich dort jemanden getroffen habe, oft freuen sich die Leute dann über ein kurzes Gespräch oder einen Schluck Wasser (wie weiter oben jemand erwähnt hat) den ich gerne bereit bin zu geben. Nur wenige haben in diesen Situationen Verkaufsgespräche begonnen und die haben recht schnell meine Rücklichter gesehen. Du sagst, du bist ein Vertrauensseliger Mensch und lässt dich zu „Damit ich meine Ruhe hab Käufen“ nötigen und dann sagst du am Schluss wir sollen für diese Menschen unsere Grenzen öffnen?
In Marrakesch und auch in Ouarzazate habe ich übrigens Scheuklappen angelegt. Gerade auf dem Djemaa el Fna war die Verkäuferaufdringlichkeit für mich weit jenseits jeder Erträglichkeit. Und meine „Ich geh mal kurz auf den Verkäufer ein“ Verhaltensweise war hier völlig unbrauchbar. Erst an meinem letzten Abend (den es nur gegeben hat weil mein Flieger nicht gestartet ist) konnte ich den Platz und die Atmosphäre dort genießen und in das Treiben eintauchen. Da hatte ich Gesellschaft von einem jungen und vertrauensseligen Surfer der den gleichen Flieger wie ich nicht nehmen konnte. Zu zweit konnte ich mein Misstrauen weit genug reduzieren um mich auch auf dem Platz wohl zu fühlen.
Den letzten Schritt deiner Entwicklung (nach Touristengenussradeln und kennenlernen von Schattenseiten) kann ich nicht nachvollziehen.
Du schreibst in deinen Schlussworten, lass uns die Grenzen öffnen und die Menschen als Bereicherung zu uns holen. Ich wohne im Ruhrgebiet und die hier vorhandene Völkervermischung ist keine Bereicherung sondern liefert mehr und mehr Konfliktpotential. Es leben viele Marokkaner in Frankreich, das ich 2010 für fünf Monate bereist habe. Dort bietet die Vermischung ebenfalls reichlich Konfliktpotential.
Warum, wo es doch eine Bereicherung sein sollte?
Du hast die Kultur kennen gelernt. Ich habe am Anfang geschrieben, dass man sich in einer fremden Gemeinschaft soweit es einem Möglich ist anpassen sollte, Meiner Meinung nach habt sogar ihr das in nicht ausreichendem Maße getan. Du hast einen sehr guten Schreibstiel und schilderst die Gedanken die du dir machst in hervorragender Weise. Du gehörst eindeutig zu den Intellektuellen unseres Kulturkreises und du bist ideologisch relativ offen und nicht engstirnig. Trotzdem seid ihr innerhalb einer vierwöchigen Radtour nicht ohne Kulturelle Konflikte durch das Land gekommen. Der überwiegende Teil beider Kulturkreise ist nicht so offen wie du, nicht so intellektuell. Frauen in kurzen Hosen können den einen schon mal auf die Palme bringen. Minarette, die wir hier im Ruhgebiet haben bringen andere auf die Palme und Schafe die in einer Mietwohnung auf besondere Art geschlachtet werden bringen noch mehr Leute auf die Palme. Dann holen wir noch ein paar Chinesen dazu, die ihre Hundesteaks erstmal lebendig gut durchbraten und dann noch ein paar Inder die bei uns mit Sicherheit nicht in einer Schlachthalle für heilige Kühe arbeiten wollen. Ich bin tolerant, aber ich bin auch so tolerant, dass ich verstehen kann, dass solche Unterschiede nicht von jedem akzeptiert werden können. Sollte jetzt jemand sagen, "Na ja das mit den Hunden müssen die Chinesen halt lassen" Dann sind wir schon wieder bei dem Leitkultur Gedanken. Genaus sollten wir uns bei den Kühen zurückhalten (die im übrigen bei uns nicht weniger Leiden als die Hunde bei den Chinesen) - würden die Inder sagen.
Es sind viele Details. Ein Araber gibt dir zur Begrüßung die Hand und lässt sie lange nicht wieder los, dabei steht er dir sehr Nahe. ca. 30 cm Nasenabstand werden von den meisten Europäern als ein eindringen in die Intimsphäre empfunden (Gilt für mich eindeutig). Für einen Araber ist der Europäische Intimspährenabstand von ca. einem Meter fast schon eine persönliche Abweisung. (mit den Maßangaben kann ich etwas daneben liegen, hab das mal gelesen und die genauen Daten vergessen… tut aber nichts zur Sache)
Und schon gibt es erste Missstimmungen, ist so ähnlich wie bei Hund und Katz. Nicht jeder kann, nicht jeder hat die Zeit und längst nicht jeder will sich mit all diesen Kulturellen Unterschieden auseinander setzten und kaum einer will seine Verhaltensweise auf Dauer ändern.
Eine Vermischung auf ganzer Linie führt im besten Fall zu einer Verwässerung aller beteiligten Kulturen und im schlimmsten zu Konflikten und Streit. Es ist immer schön wenn man eine ursprüngliche, unverwässerte Region besucht. Das gibt es in Österreich genauso wie in Ostdeutschland, Frankreich oder eben in Marokko. Zu starke Vermischungen wirken verwässernd, entstellen das Bild, passen nicht zu den Menschen und beieinträchtigen und verringern letzten Ende die Vielfalt. Beginnende Europäisierung habe ich teilweise in Marrakesch gesehen, Das gehört da meiner Meinung nach einfach nicht hin. Ist schlicht unpassend.
Ich begrüße die Unterschiede, ich begrüße die Vielfalt. Nur durch die vorhandenen Unterschiede kann man voneinander lernen und nur durch die Distanz besteht die Chance das man das ohne Konflikte tun kann. Eine Vermischung führt entweder zur Verwässerung von beiden Kulturen oder zum Streit der in der Dominanz einer Kultur endet. Finde ich beides nicht begrüßenswert.
Es ist doch viel schöner, interessanter und lehrreicher ein unverwässertes anderes Land und eine unverwässerte Kultur zu besuchen. Wenn sich einzelne Menschen zu einer entsprechenden Kultur oder einen Land hingezogen fühlen können sie auch ganz dorthin wechseln und als Menschliches Bindeglied zwischen den Ländern funktionieren.
Lieben Gruß
Jörg
Ihr habt sehr viel (Inneres und Äußeres) in den vier Wochen erlebt. Ich habe deinen Bericht mit Genuss gelesen und deine Bilder sind einfach Klasse. Nimm die Kritik in meinem viel zu ausführlichen Kommentar bitte nicht persönlich (auch wenn es manchmal so klingt). Nur wenn ich das was ich sagen will noch weicher formuliert hätte wär der Text noch länger geworden und wer will das schon?

du hast während deiner Reise eine Entwicklung durchgemacht. Zunächst hatte ich den Eindruck, dass ihr euch recht Oberflächlich vorbereitet habt und eben mit der von dir im Schlusssatz bemängelten Überheblichkeit das Land betreten habt. Das Karla nicht mit Kopftuch Rad fährt kann ich nachvollziehen, dass sie mit nackten Beinen unterwegs ist, ist ein gesellschaftlicher, zumindest ein diplomatischer Fehlgriff. Auch als Man sollte man in Marokko mit Beinkleid unterwegs sein. Du betrittst eine dir fremde Gemeinschaft und solltest dich soweit dir das möglich ist den Gepflogenheiten in der Gemeinschaft anpassen. Solltest du jemals einen Golfclub betreten solltest du auch nicht in Skaterklamotten und mit Punkerfrisur über den Platz laufen, ganz egal wie wenig Verständnis du dafür hast. Wenn du das in der Gastgebergemeinschaft von dir erwartete Verhalten moralisch, ethisch oder aufgrund von angelernten Überzeugen oder schlicht aus Stolz nicht an den Tag legen kannst, solltest du meiner Meinung nach die entsprechende Gemeinschaft nicht betreten bzw. mit Konflikten rechnen. Anderes Beispiel, in USA trinkt man öffentlich keinen Alkohol. Find ich voll dämlich, Ich trinke mein Bier gerne draußen und durchaus öffentlich. Wär ich in USA tät ich mich aber dran halten.
Nach ein paar Tagen Touristengenussradelns in dörflicher Idylle und faszinierender weil fremder Landschaft seid ihr auf Schattenseiten gestoßen. Zum einen das Verhalten der Marokkaner gegenüber Karla. Meiner Meinung nach zumindest teilweise bedingt durch nicht angepasste Verhaltensweise. Ich habe auch Frauen kennen gelernt die Marokko alleine bereist haben und keinerlei Probleme hatten. „teilweise bedingt“ unbestreitbar herrscht in Marokko ein Frauenbild vor dass ich nicht teile und das es Frauen deutlich schwerer macht sich dort zu behaupten. Dazu kommt, dass es europäische Frauen gibt die Sextourismus in Marokko betreiben und die Marokkanischen Jungs „großzügig“ für gewisse Aufmerksamkeiten entlohnen. Viele Marokkaner wissen das und denken jede europäische Frau will hier nur das eine. Etwas verwirrend und mir unklar ist die Situation in den Berberdörfern, dort sind, wenn auch durch die Arabisierung nur noch selten, die Frauen Familienoberhaupt. Du hast da auch drauf hingewiesen. Wie auch immer, du(ihr) beeinflusst durch dein Verhalten ungewollt die Reaktion der Menschen auf dich. Die von mir erwähnten allein reisenden Frauen wurden in Marokko weit weniger belästigt als ich. Keine Ahnung warum, aber es geht. Übrigens, die Geschichte mit dem Prügelbereiten Alten find ich auch sehr erschreckend und durch nichts zu erklären oder gar zu entschuldigen.
Die nächste Schattenseite die ihr kennen gelernt habt sind die Kinder. Genau die Kinder, die du in deiner Schlussrede als „gesunde Alterspyramide“ hervorhebst. Ich weiß nicht. Die Kinder und Jugendlichen sind zahlreich und für einen großen Teil des Tages unkontrolliert. Die Kinder waren für mich der größte Sorgenpunkt bei meinen Vorbereitungen und ich habe auch die gesamten drei Wochen gebraucht um eine gewisse Gelassenheit ihnen gegenüber an den Tag zu legen. Mit der passenden – erwachsenen – Gelassenheit, Überlegenheit und Autorität geht das schon. Im Prinzip wollen sie Aufmerksamkeit von dem exotischen Radler. Winken, Grüßen, Abklatschen. Manchmal und vor allem im Rudel (ohne Erwachsene Marokkaner in der Nähe) wollen sie Geld, „STYLO“, Süßigkeiten oder sogar einfach einen Schluck Wasser. Hauptsache du gibst was sie fordern. Das ist antrainiertes Verhalten und ich halte es für sehr wichtig, dass man Touristen klarmacht, dass man nach Möglichkeit nicht drauf eingehen sollte. Gegen Ende der drei Wochen bin ich halbwegs mit den Kindern zurechtgekommen, aber in ihrer Unberechenbarkeit sind insbesondere große Kindergruppen für mich ein Grund geblieben zügig weiter zu fahren.
Du schreibst von einer gesunden Alterspyramide? Global betrachtet ist jede wachsende Alterspyramide ein Schritt in die falsche Richtung und genau, das grundsätzliche Problem was wir auf diesem Planeten haben. Wie Bernhard Grzimek schon unter jeden seiner Briefe gestempelt hat "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Anwachsen der Menschheit verringert werden muss." Ich denke, in Marokko hilft die wachsende Bevölkerung auch lokal (also auf das Land bezogen) nicht wirklich auf eine sich bessernde Zukunft zu hoffen.
Die Verkäufer, Vermittler und VerbalWerbeSpammer und Tauschhandelanbieter gehören zur Kultur. Ich empfand das auch als belästigend, aber zum einen wollte ich ja bei meinem Besuch in Marokko auch mit Menschen reden und zum anderen haben sie ein deutliches Nein eigentlich immer akzeptiert (spätestens beim fünften Nein

Als Kontrast dazu wird man in Marokko nicht sich selbst überlassen. Du wirst nirgends auf der Durchreise in Marokko sein und keinen Gesprächspartner finden. Geholfen wird dir auf jeden Fall. Ein Gast, ein Reisender wird nicht allein gelassen, man hilft immer und überall egal ob Hilfe gewünscht ist oder nicht. Ein Marokkaner in Deutschland wäre vermutlich schockiert dass er hier tagelang durch die Straßen streifen kann ohne auch nur einmal angesprochen zu werden. Erst schockiert, später frustriert und enttäuscht.
In Marokko sind die Menschen offensiv interessiert und ich bin es auch nicht gewöhnt ständig angequatscht zu werden. Aber in Marokko gehört das dazu, man hat Zeit und redet miteinander. Bei deinem Bericht stelle ich häufig fest, dass du den Menschen aus dem Weg gegangen bist. Abgehauen wenn dich jemand auf dem Rad anquatscht, keine Gespräche während der Busfahrt, stattdessen hast du deine Mitfahrer bewusst ignoriert und negativ bewertet (sie stinken). Ich glaube ihr habt sehr eindrucksvolle Erlebnisse gehabt aber ihr habt euch nicht auf die Menschen und die Kultur eingelassen. Gerade bei deiner Busfahrbeschreibung stelle ich wieder die von dir in deiner Schlussrede kritisierte „Leitkultur Denkweise“ fest.
In dem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass mir deine Geschichte über die Verschwendung von Zeit sehr gut gefallen hat, die eben in der Form wie du sie in dem Moment praktiziert hast keine Verschwendung von Zeit ist. Auf meinen Reisen habe ich festgestellt, dass man seine Zeit intensiver erlebt und intensiver nutzt wenn man sich Zeit nimmt Erlebnisse zu verdauen und wirken zu lassen. Auch Orte erlebt man viel bewusster wenn man sich eine Weile dort aufhält. Erst wenn man Menschen beobachtet, wie du es in dem Cafe getan hast und die Atmosphäre eines Ortes auf sich wirken lässt prägt sich das erlebte ein.
Sich Zeit zu nehmen erlebtes zu reflektieren (z.B. indem man einen Reisebericht schreibt) sorgt dafür dass man es gewissermaßen noch mal in Ruhe erlebt und erst dadurch wird es zu einem dauerhaftem und lebendigem Teil deiner Erinnerung. Von einem Erlebnis zum nächsten von einer Aktion zur nächsten von einem Highlight zum nächsten zu eilen ist nur Oberflächlich betrachtet ein mehr an Erlebnissen. Je schneller man unterwegs ist, desto weniger sieht man, desto weniger erlebt man (Statistisch betrachtet

Nur verstehe ich deine Schlussworte nicht, wenn ich beobachte, wie genervt du teilweise unterwegs gewesen bist.
Ich bin grundsätzlich ein Misstrauischer Mensch und weil misstrauische Menschen statistisch betrachtet seltener übers Ohr gehauen werden, ich mich fürchterlich ärgere wenn mich jemand übers Ohr haut und ich in dieser mathematischen Disziplin (ebenso wie du

In Marrakesch und auch in Ouarzazate habe ich übrigens Scheuklappen angelegt. Gerade auf dem Djemaa el Fna war die Verkäuferaufdringlichkeit für mich weit jenseits jeder Erträglichkeit. Und meine „Ich geh mal kurz auf den Verkäufer ein“ Verhaltensweise war hier völlig unbrauchbar. Erst an meinem letzten Abend (den es nur gegeben hat weil mein Flieger nicht gestartet ist) konnte ich den Platz und die Atmosphäre dort genießen und in das Treiben eintauchen. Da hatte ich Gesellschaft von einem jungen und vertrauensseligen Surfer der den gleichen Flieger wie ich nicht nehmen konnte. Zu zweit konnte ich mein Misstrauen weit genug reduzieren um mich auch auf dem Platz wohl zu fühlen.
Den letzten Schritt deiner Entwicklung (nach Touristengenussradeln und kennenlernen von Schattenseiten) kann ich nicht nachvollziehen.
Du schreibst in deinen Schlussworten, lass uns die Grenzen öffnen und die Menschen als Bereicherung zu uns holen. Ich wohne im Ruhrgebiet und die hier vorhandene Völkervermischung ist keine Bereicherung sondern liefert mehr und mehr Konfliktpotential. Es leben viele Marokkaner in Frankreich, das ich 2010 für fünf Monate bereist habe. Dort bietet die Vermischung ebenfalls reichlich Konfliktpotential.
Warum, wo es doch eine Bereicherung sein sollte?
Du hast die Kultur kennen gelernt. Ich habe am Anfang geschrieben, dass man sich in einer fremden Gemeinschaft soweit es einem Möglich ist anpassen sollte, Meiner Meinung nach habt sogar ihr das in nicht ausreichendem Maße getan. Du hast einen sehr guten Schreibstiel und schilderst die Gedanken die du dir machst in hervorragender Weise. Du gehörst eindeutig zu den Intellektuellen unseres Kulturkreises und du bist ideologisch relativ offen und nicht engstirnig. Trotzdem seid ihr innerhalb einer vierwöchigen Radtour nicht ohne Kulturelle Konflikte durch das Land gekommen. Der überwiegende Teil beider Kulturkreise ist nicht so offen wie du, nicht so intellektuell. Frauen in kurzen Hosen können den einen schon mal auf die Palme bringen. Minarette, die wir hier im Ruhgebiet haben bringen andere auf die Palme und Schafe die in einer Mietwohnung auf besondere Art geschlachtet werden bringen noch mehr Leute auf die Palme. Dann holen wir noch ein paar Chinesen dazu, die ihre Hundesteaks erstmal lebendig gut durchbraten und dann noch ein paar Inder die bei uns mit Sicherheit nicht in einer Schlachthalle für heilige Kühe arbeiten wollen. Ich bin tolerant, aber ich bin auch so tolerant, dass ich verstehen kann, dass solche Unterschiede nicht von jedem akzeptiert werden können. Sollte jetzt jemand sagen, "Na ja das mit den Hunden müssen die Chinesen halt lassen" Dann sind wir schon wieder bei dem Leitkultur Gedanken. Genaus sollten wir uns bei den Kühen zurückhalten (die im übrigen bei uns nicht weniger Leiden als die Hunde bei den Chinesen) - würden die Inder sagen.
Es sind viele Details. Ein Araber gibt dir zur Begrüßung die Hand und lässt sie lange nicht wieder los, dabei steht er dir sehr Nahe. ca. 30 cm Nasenabstand werden von den meisten Europäern als ein eindringen in die Intimsphäre empfunden (Gilt für mich eindeutig). Für einen Araber ist der Europäische Intimspährenabstand von ca. einem Meter fast schon eine persönliche Abweisung. (mit den Maßangaben kann ich etwas daneben liegen, hab das mal gelesen und die genauen Daten vergessen… tut aber nichts zur Sache)
Und schon gibt es erste Missstimmungen, ist so ähnlich wie bei Hund und Katz. Nicht jeder kann, nicht jeder hat die Zeit und längst nicht jeder will sich mit all diesen Kulturellen Unterschieden auseinander setzten und kaum einer will seine Verhaltensweise auf Dauer ändern.
Eine Vermischung auf ganzer Linie führt im besten Fall zu einer Verwässerung aller beteiligten Kulturen und im schlimmsten zu Konflikten und Streit. Es ist immer schön wenn man eine ursprüngliche, unverwässerte Region besucht. Das gibt es in Österreich genauso wie in Ostdeutschland, Frankreich oder eben in Marokko. Zu starke Vermischungen wirken verwässernd, entstellen das Bild, passen nicht zu den Menschen und beieinträchtigen und verringern letzten Ende die Vielfalt. Beginnende Europäisierung habe ich teilweise in Marrakesch gesehen, Das gehört da meiner Meinung nach einfach nicht hin. Ist schlicht unpassend.
Ich begrüße die Unterschiede, ich begrüße die Vielfalt. Nur durch die vorhandenen Unterschiede kann man voneinander lernen und nur durch die Distanz besteht die Chance das man das ohne Konflikte tun kann. Eine Vermischung führt entweder zur Verwässerung von beiden Kulturen oder zum Streit der in der Dominanz einer Kultur endet. Finde ich beides nicht begrüßenswert.
Es ist doch viel schöner, interessanter und lehrreicher ein unverwässertes anderes Land und eine unverwässerte Kultur zu besuchen. Wenn sich einzelne Menschen zu einer entsprechenden Kultur oder einen Land hingezogen fühlen können sie auch ganz dorthin wechseln und als Menschliches Bindeglied zwischen den Ländern funktionieren.
Lieben Gruß
Jörg