Re: Käse mit Milben und Autos mit Abi

Posted by: radius

Re: Käse mit Milben und Autos mit Abi - 01/21/12 02:28 PM

(Fortsetzung "Käse mit Milben...")
Der folgende Tag beginnt mit einem Behelfsfrühstück. Das Gästehaus Bavaria bietet nämlich nur ein abgepacktes Fertigsandwich, noch mindestens 2 Wochen haltbar, aus einem Automaten. Unten - neben den vor sich hin stinkenden Müllcontainern - steigt ein wortkarger Australier auf sein bulliges Motorrad, das er tatsächlich mit australischem Nummernschild herüber geschifft hat, und ich auf mein Radl. Nach Görlitz will er, so viel immerhin kann ich aus ihm herauslocken. Der kommt heute sicher weiter als ich.

Aber etwas mehr als 100 Kilometer werden´s auch heute bei mir wieder. Bis nach Weiden in der Oberpfalz (pfalls es jemand genau wissen will: 102 km). Anfangs geht´s über den Naabtal-Radweg, der leider auch nicht immer so gut ausgeschildert ist. Später dann kommen nur leichtere Anstiege, alles recht harmlos. Liebliche Landschaften, man ist immer allein unterwegs. Ich hab auf solchen Strecken dann oft einen Ohrwurm, den ich den ganzen Tag - unhörbar für andere - summe oder zwischen den Zähnen zische. Heute ist es "Geh´ aus mein Herz und suhuhuche Freud", womit ich aber nicht den Siegmund meine.

Auch in Weiden in der Oberpfalz, dieser sympathischen Kleinstadt mit dem typisch bayrischen Platz in der Mitte, wo Straßencafes und Stühle und Tische zum Verweilen einladen, mit dem efeubewachsenen Rathaus, herrscht lebhaftes Treiben, zumindest bis 18 Uhr. Danach leert sich die Stadtmitte schlagartig. Das Hotel Stadtkrug (59 Euro), gleich beim runtergekommenen und leerstehenden Kaufhaus um die Ecke, bietet etwas mehr Komfort als meine letzte Herberge, Stil Eiche altdeutsch dunkel, also das, was man vor 40 Jahren unter "gemütlich" verstand.

An den Preisen der Restaurants rund um den Marktplatz merkt man, dass München weit, weit weg ist: Da gibt´s beim Bräu-Wirt ein Putenschnitzel mit Pommes und Salat UND einer Halben ZÖGL-Bräu - alles zusammen für sage und schreibe 8,88 Euro. Auf den hauseigenen Bierdeckel druckte der Wirt dieses "Gedicht" eines gewissen Konrad Zahn:

Fremder Text entfernt

Begeistert von solch literarischen Ergüssen, macht mich das Zögl-Bier doch eher ein wenig müde und weniger kräftig; während im Fernsehen die Frauen der USA und Japan Fußball spielen, schlafe ich ein - und zwölf Stunden durch!

Von Weiden nach Selb, am nächsten Tag, "mache" ich 75 Kilometer, dafür aber 1.000 Höhenmeter. Da gibt´s auch schon mal Anstiege mit 14, sogar 16 Prozent. Gelegentlich schickt der Himmel kleine Schauer: Regenjacke an, Regenjacke aus. Prachtvolle Wolkenbildungen, dicke Haufenwolken. Vorbei an einem Hinweisschild: "Spätberufenenschule". Meinen die mich? Mein Lied des Tages:

Fremder Text entfernt

So zischelt und summt es in meinem Kopf den ganzen Tag. ICH bin die SCHAR. Es geht durch dunkle Wälder, vorbei an weiten Feldern, Hochspannungsmasten allüberall, und aus fernen Zeiten grüßen gelegentlich Burgen auf den Bergen. Ein Hinweisschild weist zum ehemaligen KZ Flossenbürg. Es gibt viele Schäferhundevereine in der Gegend. Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt?

Ich komme durch Konnersreuth, wo in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine gewisse Therese Neumann, besser bekannt als die Resi von Konnersreuth, lebte: Die hatte an Augen und Händen regelmäßig auftretende Blutungen, die von tiefgläubigen Katholiken als Stigmata bewertet wurden, als Wundmale Christi. Resi soll auch seit 1926 außer der Kommunion weder gegessen noch getrunken haben. Bei ihren Visionen, die vor allem die Passion zum Inhalt gehabt haben, hat sie angeblich aramäisch, die Sprache Jesu, verstanden. Soso! Ich bilde mir ein, das alles der Landschaft anzumerken. Zumindest "nicht gegessen" kommt mir sehr bekannt vor.

Ich fahre entlang der "Porzellanstraße" - aber von diesem Namengebenden ist viel zerschlagen worden. Hutschenreuther, Rosenthal, Arzberger, das waren doch mal klangvolle Namen in Omas Küche und Vitrine. Wir haben da ja sogar noch unser goldgerandetes feines Festtagsservice, das nie in die Spülmaschine darf. In einem Ort erahne ich an der teilabgerissenen Fabrik und Ruine, was da mal drin war: "HUTSCHE" steht da noch in Riesenlettern auf dem Restmauerwerk. In Selb, meinem Zielort für heute und einst DER Ort schlechthin für das "Weiße Gold", hat die Porzellanindustrie ebenfalls die besten Zeiten wohl hinter sich. Zwar ist der Name ROSENTHAL noch überall präsent (es gibt sogar ein Rosenthal-Theater), aber eben nur der Name. Es gibt auch eine - heute geschlossene - Porzellanausstellung. In der Mini-Fußgängerzone sind viele Schaufenster ausgeräumt oder zugeklebt, auf mich macht der Ort einen sterbenden Eindruck. Ich sitze um halb sieben mutterseelenallein in einem Straßencafé und gaffe jedem Vorbeikommenden nach. Viel zu gaffen hab ich aber nicht.

Die Hauptkirche gleich neben der Fußgängerzone ist merkwürdigerweise in diesem durch und durch katholischen Bayern eine protestantische. Da geh ich gleich neben dem Rosenthal-Theater (Theaterferien!) in eine Kneipe. Es sitzen in der düsteren Stube 5 alte Männer um einen Tisch, einer unterhält sich mit einem bulligen Mann im Unterhemd am Nachbartisch: "eins zwei fly, da musst buchen!" sagt er gerade. Ich will mich zu dem Unterhemd setzen, da raunzt mich die stämmige Wirtin hinterm Tresen an: "Das ist der Malertisch!". Erschreckt verziehe ich mich noch weiter in die hinterste finsterste Ecke, froh doch ein dunkles Bier bestellen zu dürfen, obwohl ich das Sakrileg begehen wollte, mich an den Malertisch zu setzen. Es kommen auch bald darauf zwei weitere Bullige (nicht im Unterhemd) und jetzt spielen sie alle drei Karten am Malertisch.

In meinem Hotel SCHMIDT, Zimmer mit Schimmel im Bad und Frühstück, 43 Euro, riecht, nein, stinkt es penetrant nach Fisch. Die Wirtin ist eine Chinesin (? Japanerin? Thai?), heute ist Sushi-Tag. Sushi in Selb! Hätt ich auch nicht gedacht. Globalisierung muss ja wohl ein Thema hier sein: Porzellanindustrie nach China verzogen, dafür Sushi nach Selb importiert! Neben der Wirtsstube, wo ich noch vor 20 Uhr ein einsames Dunkles als Absacker trinke, tagt die Ortsgruppe der Grünen. Da referiert einer über die Energiewende.

In der Nacht wache ich von einem schrecklichen Albtraum auf: Sportabitur und ich habe meine Trainingskleidung vergessen! Ich gleite wie ein geölter Blitz durch die Straßen auf der Suche nach den Klamotten. Vergeblich! Ich habe oft, nicht nur in dieser Nacht, solche Albs: Dass ich etwas vergessen habe, dass ich zu spät zur Abfahrt komme, dass ich meinen Koffer nicht gepackt kriege. Muss ich mal analysieren lassen. Vielleicht. Oder auch nicht. Eher nicht.
...
(Fortsetzung folgt)

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