Posted by: k_auf_reisen
Re: Familienradtour durch Tirol nach Venedig - 10/23/10 06:44 AM
Teil 6: La Serenissima (Isolaverde – Venedig)
29. August 2010
Isolaverde
0 km
Da das Zelt ja doch noch getrocknet ist, schlafen wir sehr gut. Jetzt wollen wir einige Tage am Strand verbringen, darauf haben sich die Kinder schon lange gefreut, und so wird es ein gemütlicher Faulenztag. Ist es anfangs noch bewölkt und windig, setzt sich im Laufe des Tages zunehmend die Sonne durch. Wir genießen den Sandstrand, bauen eine Sandburg, die Kinder finden auch weitere Freunde unter den Gleichaltrigen.
Mit dem Schwimmengehen ist das so eine Sache: es gibt schöne Wellen, in denen das Baden richtig Spaß macht, nur ist es eine laufende, mühsame Diskussion mit den Bademeistern, die uns anfangs gar nicht, dann bloß ein paar Zentimeter ins Wasser lassen wollen. Es hilft auch nicht viel, ein Stück weiter zur spiaggia libera zu gehen, auch dort gibt es solche Aufseher, die nur wenig toleranter sind. Am Nachmittag haben sich deren Nerven offenbar etwas beruhigt, aber jetzt sind die Wellen auch viel niedriger …

Schon bei solchen Wellen liegen die Nerven der Strandwächter blank.
Abends tritt am Campingplatz ein Zauberer auf, das ist für die Kinder natürlich auch nett, zumal er nach der Vorstellung noch Figuren aus Luftballons für jeden anfertigt.
30. August 2010
Isolaverde
0 km
Wieder ein Tag am Meer. Heute ist es aber ziemlich kühl und bedeckt, daher sind nur wenige Leute am Strand. Nachsaisonstimmung, lange Reihen unbenutzter Sonnenschirme und Liegestühle. Schwimmen darf man wieder nicht, aber es wäre uns eh zu kalt. Wir lesen viel.

Nachsaison …

… an der Adria
Nachmittags gibt es wieder ein Gewitter. Diesmal bringen wir unsere Sachen schon vorher ins Trockene, aber der Regen ist weniger heftig, und die Vorsichtsmaßnahme wäre nicht nötig gewesen.
Danach kommt doch wieder die Sonne heraus, wir gehen noch einmal zum Strand, diesmal auch ins Wasser, die Bademeister geben irgendwann auf, die Kinder, die sich mit einer frisch angereisten Familie aus Bayern angefreundet haben, haben ihren Spaß.

Das nächste Gewitter naht.
31. August 2010
Isolaverde
1,7 km; 2 Höhenmeter
Ein perfekter Strandtag, diesmal voller Sonnenschein und wieder sommerlich warm, keine Schwimmrestriktionen mehr.

Ist zum Glück während unseres Aufenthaltes nicht zum Einsatz gekommen.
Mit meiner Älteren schwimme ich ein weites Stück, bis zur Mündung der Brandau. Zurück spazieren wir über den Strand, der hier netter ist, da als spiagga libera ohne Liegestühle. Später wiederhole ich den Spaziergang mit ihr, nehme diesmal auch den Photoapparat mit.

Fischer am Flußufer

Hier ist der Brenta endgültig zu Ende: ein Schiff fährt in die Mündung.

Netze der Fischer am Ufer der Brandau
Erst als es abends zu kühl wird, verlassen wir den Strand. Die Kinder wollen unbedingt wieder einmal Radfahren, deshalb geht es jetzt im Sattel zum Supermarkt.

Am Adriastrand in Isolaverde
1. September 2010
Isolaverde
0 km
Manchmal kann man sich nur wundern, was in gewisse Leute gefahren ist. In aller Frühe, es ist kaum sieben Uhr vorbei, fährt mit ohrenbetäubendem Lärm ein Pickup durch das Gelände des Campingplatzes und versprüht irgendein Spritzmittel auf Pflanzen, Bungalows und Autos. Es gehe um das Hintanhalten der Mückenplage. Ich kann ihn zumindest davon abhalten, das Zeug auch über unserem Zelt zu verteilen, finde die Vorgangsweise aber ärgerlich und rücksichtslos.
Hatten wir angedacht, heute schon mal nach Chioggia zu radeln und von dort am nächsten Tag nach Venedig zu fahren, verwerfen die Kinder diesen Plan. Sie wollen doch noch einen Tag hier bleiben. Mir soll's recht sein, es wird ja ohnehin für längere Zeit der letzte Besuch am Meer sein.

Heute ist es ungewöhnlich klar, und die Alpen sind deutlich am Horizont zu sehen.
Durch die morgendliche Weckaktion sind wir früher am Strand als normal, noch ist es kühl, der Wind bläst kräftig. Später wird es doch noch ein sonniger und warmer Tag. Eine gewisse Melancholie macht sich breit, morgen ist der letzte Tag der Reise, die Sommerferien gehen zu Ende.

Abendliche Ruhe

Dünen des kleinen Mannes: Sand am Adriastrand

Einsame Liegestühle am Strand

Auch der „Bademeister“ macht langsam Schluß für heute.
2. September 2010
Isolaverde – Ca' Lino – Sottomarina – Chioggia; Pellestrina – S. Pietro in Volta – Santa Maria del Mare; Alberoni – Malamocco – Lido di Venezia; Venedig
41,0 km; 44 Höhenmeter
Heute müssen wir uns verabschieden und das Zelt abbrechen. Durch die Schwemmebene von Etsch und Brandau geht es zurück, wie wir gekommen waren. Das Unwetter hat einen großen Baukran umgeworfen, eigenartig gefaltet liegt er über den Neubauten. Auch Bäume sind in Mitleidenschaft gezogen worden.
Auf der Hauptstraße müssen wir nur kurz fahren, zweigen gleich rechts nach Sottomarina ab und fahren auf ruhigen Straßen und später einem Radweg an der Lagune entlang nach Norden bis zur Brücke nach Chioggia.
Dort liegen stimmungsvoll zahlreiche Fischerboote im Hafen. Wir fahren zunächst zum Fähranleger, um uns nach dem Weiterweg zu erkundigen. Wir wollen ja über die Inseln, die der Lagune vorgelagert sind, bis zum Lido radeln. Ein Angestellter der Hafenmeisterei will sich wichtigmachen, und ich muß die Fahrräder umparken, was auf dem winzigen, mit Autos vollgestellten Platz gar nicht so einfach ist.

Fischerboote im Hafen von Chioggia

Eigenartig sehen die Kanäle aus, wenn sie für Wartungsarbeiten trockengelegt werden
Etwas weiter findet gerade der Markt statt, wir erwerben einige Sachen zum Essen und schlagen uns auf den Stufen der Brücke die Bäuche voll. Bis zur Abfahrt der Fähre haben wir noch etwas Zeit, machen noch eine kurze Stadtrundfahrt. Leider gönnt man sich hier eine ausführliche Mittagspause, und alle interessanten Gebäude sind zu. Es bleibt uns ein Blick aufs Stadttor und den Brunnen beim Dom. Am Corso del popolo geht der Markt zu Ende, die Laster der Standler quälen sich stadtauswärts.

So ist's doch gleich viel idyllischer.

Ein Markuslöwe bewacht die Brücke (und schaut uns beim Essen zu).

Wo ist bloß das Wasser hin? Brunnenfigur am Dom zu Chioggia
Die Bootsfahrkarten der venezianischen Verkehrsbetriebe sind schweineteuer, zumal es keine Kinderermäßigung gibt, aber wir haben keine richtige Wahl. Zumindest ist es kein Problem, die Räder (gegen Aufpreis) mitzunehmen, und bald schon fahren wir über die Lagune nach Pellestrina.

Blick ins Cockpit der Fähre

Impressionen der Lagune: Ein Vaporetto kommt uns entgegen …

… Fischerhütten in Pfahlbauweise

Wir erreichen Pellestrina
Von hier geht es wieder bequem per Fahrrad weiter, auf der Straße ist nichts los, die Orte scheinen sehr verschlafen. Wider Erwarten hat man allerdings weder eine Aussicht auf die Lagune, noch aufs offene Meer, die Straße verläuft zwischen Häusern und dem seeseitigen Damm. Ein Stück lang radeln wir auf der Dammkrone, doch versperren jetzt immer noch Tamarisken den Blick aufs Meer, sodaß wir an einer geeigneten Stelle die Räder abstellen und über die Düne zum Strand spazieren. Jetzt schauen wir aufs Meer, touristische Infrastruktur gibt es keine, allerdings macht der Strand einen ziemlich verdreckten Eindruck.
In Santa Maria del Mare an der Nordspitze der Insel fährt uns das Schiff vor der Nase davon, wir haben also eine halbe Stunde Pause. Außer dem Fähranleger gibt es hier nichts. Die Lichtstimmungen über der Lagune sind reizvoll, im Westen scheinen dunkle Wolken zu dräuen, hoffentlich wird uns nicht noch ein Regen einholen.

Lichtspiele auf der Laguna Veneta
Die Fähre nach Alberoni ist viel größer als die letzte, hier haben auch Autos und der Linienbus Platz. Die Überfahrt dauert nur knappe zehn Minuten, dann fahren wir wieder per Rad weiter.

Diese Fähre wird uns von Santa Maria del Mare nach Alberoni bringen.
Die Strecke ist teilweise recht hübsch. Von Malamocco aus hat man nette Blicke über die Lagune, auch wenn jenseits zunächst die Industrieanlagen von Mestre zu sehen sind und Venedig erst in der Ferne auftaucht.

Blick von der Uferstraße bei Malamocco über die Lagune; hier wird trainiert …
Der Ort geht übergangslos in den Lido di Venezia über, und bald radeln wir zwischen Villen und durch Vororte. Es ist gar nicht so leicht, eine Eisdiele zu finden, wir werden erst im Ortszentrum fündig. Die Boote, die hier anlegen, nehmen keine Fahrräder mit; wir müssen noch einen Kilometer weiter zur Autofähre.

Beim Fähranleger des Lido di Venezia
Vom Oberdeck hat man eine prächtige Aussicht, die halbstündige Fahrt ist ein Traum. Es geht direkt auf den Markusplatz zu, Venedig (Venezia) liegt in aller Schönheit vor uns. Obwohl wir schon oft hier gewesen sind – daher haben wir auch keine Besichtigung der Stadt eingeplant –, ist es doch immer wieder faszinierend. Auch die Kinder kann ich mit meiner Begeisterung anstecken, gemeinsam stehen wir an der Reling und genießen die Blicke auf Dogenpalast, Campanile, S. Giorgio Maggiore, S. Maria della Salute usw.

Wir nähern uns dem Zentrum: bei der Einfahrt in den Bacino di San Marco

Die Basilica di San Giorgio Maggiore auf dem gleichnamigen Inselchen

Riva dei Schiavoni mit Chiesa della Pietà (Santa Maria della Visitazione); im Hintergrund San Zaccaria, San Giorgio dei Greci, San Francesco della Vigna und Sant’Antonin

Das Herz der Serenissima: Markusdom (Basilica di San Marco) mit Glockenturm (Campanile) und Dogenpalast (Palazzo Ducale)

Blick voraus in den Canale della Giudecca

Blick auf die Giudecca mit der Chiesa del Redentore

Die Chiesa dei Gesuati (Chiesa di Santa Maria del Rosario)

Blick über den Canale della Giudecca auf Ponte Longo und einige Palazzi am Dorsoduro

An der Fondamenta delle Zattere al Ponte Longo
Vom Tronchetto radeln wir zum Piazzale Roma. Ganz ohne Brücke kann man nicht zum Bahnhof gelangen, aber seit es die neue Brücke über den Canal Grande gibt, ist er nicht mehr schwer zu erreichen. Auch für die bepackten Räder stellt die Brücke aufgrund der niedrigen Stufen kein großes Hindernis dar.

Letzter Abendsonnenschein über dem Canal Grande, gesehen vom Ponte della Costituzione
Am Bahnhof sperren wir die Räder am Bahnsteig an ein Geländer und nützen den Wartesaal für eine Jause. Die Fahrkarten inklusive Rad- und Sitzplatzreservierung für den Nachtzug hatten wir schon Monate zuvor erworben. Was von Belgien aus übrigens fast unmöglich gewesen war. Per Internet geht es nur ohne Rad, per E-Mail war ich zirkulär von einer inkompetenten Stelle zur nächsten verwiesen worden, die Aussage, am größten Brüsseler Bahnhof (der Gare du Midi, wo auch der ICE aus Köln ankommt) könne man auch Tickets der Deutschen Bahn (die den CNL von Venedig betreibt) kaufen, stellte sich ebenfalls als falsch heraus (zumindest, wenn man auch eine Fahrradreservierung braucht), und schließlich hatte ich einen Kurzaufenthalt in Deutschland dazu genutzt, mich eine Stunde vor einem hoffnungslos unterbesetzten Bahnschalter anzustellen – immerhin gab es dort noch leibhaftige Gesprächspartner – dann der Schalterbeamtin zwanzig Minuten bei ihrem Werk zuzusehen, bis ich schließlich alle nötigen Fahrkarten ohne Probleme ausgehändigt bekam.
Wir müssen also nur noch auf die Abfahrt des Zuges warten, und da wir ja schon einmal die Halbtagestickets der Verkehrsbetriebe haben, gönnen wir uns noch eine nächtliche Bootspartie auf dem Canal Grande, fahren mit dem Vaporetto zum Markusplatz. Einige Palazzi sind recht kitschig beleuchtet. Wir schlendern zur Seufzerbrücke, die eigenartig verpackt ist.

Seufz – was hat man denn mit dem Ponte dei Sospiri angestellt?

Nächtlich vereinsamter Dogenpalast (Palazzo Ducale)

Weniger verlassen: die Alten Prokuratien (Procuratie Vecchie)
Bei der Rialtobrücke ist lautstark ein Fest der Kommunistischen Partei mit Musik zugange. Wir nehmen von hier wieder den Vaporetto zum Bahnhof. Jetzt steht der Zug bereit, wir können unser Gepäck ins Abteil tragen, die Fahrräder einladen. Da wir als erste aussteigen werden, hätte ich die Stellplätze näher zum Ausgang bevorzugt, aber die sind von zwei anderen Deutschen Radlern reserviert, und es scheint für sie von existentieller Wichtigkeit zu sein, genau ihre Nummern zu bekommen. Ich denke mir meinen Teil, insbesondere, als sie dann auch mit ihren Wunschplätzen Schwierigkeiten haben, ihre Räder einzuparken (der Platz pro Fahrrad ist allerdings auch extrem knapp bemessen, bei breiteren Lenkern hat man da schon ein Problem).

Blick von der Rialtobrücke (Ponte di Rialto) nach Süden …

… und nach Norden
Über die Fahrt bin ich versucht, den Mantel des Vergessens zu breiten. Wir fahren zwar pünktlich ab, warten aber dann in Bern (Verona) ewig auf einen verspäteten Zugteil aus Rom (Roma), der hier angekoppelt wird. Die Sitze sind höllisch unbequem. Früher konnte man sie ausziehen und so eine Liegefläche herstellen, das geht nicht mehr. Eine Zeit lang setze ich mich auf den Gang und lese, aber der ist auch voll mit Reisenden, die keine Platzreservierung haben, und mit riesigen Koffern. Zudem machen sich die Schaffner offenbar einen Spaß daraus, möglichst oft zu stören, kontrollieren mehrmals die Fahrkarten (zumindest gibt es mit denen keine Schwierigkeiten, ist ja auch schon mal was), und dann wollen, trotz Schengen, die Grenzer auch noch die Pässe sehen, als wir dann endlich doch über dem Brenner sind.
3. September 2010
Jenbach – Wiesing
8,1 km; 52 Höhenmeter
Huch, wie ist es plötzlich kalt in Tirol! Nach den warmen Tagen an der Adria kommt das feucht-kalte Wetter in der Heimat wie ein Schock. Zum Glück haben wir es nicht weit, wegen der Zugverspätung wird es auch schon hell, der Verkehr hält sich in Grenzen, und bald sind wir zu Hause.
Fazit
Eine wunderbare Radtour, die großen Spaß gemacht hat. Für die Kinder war es die längste Tour bisher, und sie haben sie ohne Probleme bewältigt. Sehr nett war es, in Begleitung zu fahren, auch die Kinder haben sich über Altersgenossen gefreut. Vielen Dank an die Mitreisenden für die gute Stimmung!
Ein neuer Aspekt für mich war, daß der Großteil der langen Strecke auf speziell angelegten Radwegen verlief. Das ist nicht nur mit Kindern aufgrund des fehlenden Verkehrs entspannend, es ist auch einfach schön, auf einem schmalen Weg durch die Natur zu fahren. Schon öfter hatte ich gemerkt, daß ich kleinere Straßen immer reizvoller finde als breite, auch wenn auf den breiten ebenfalls kein Verkehr herrscht. Auf einem Radweg ist dieser Effekt der intimeren Dimensionen noch viel stärker zu spüren.
Landschaftlich bieten die Alpen viel, auch wenn man, wie wir in diesem Fall, keine Bergwertungen fährt. Kulturhistorisch gibt es an der Strecke ebenfalls viel zu sehen, diesbezüglich war für mich das Museum in Bozen der Höhepunkt.
Mit dem Wetter hatten wir auch meistens Glück. Versorgungstechnisch gab es – von der etwas ungünstigen Planung im Suganertal abgesehen – kein Problem, Geschäfte finden sich zahlreich. Trinkwasser gibt es in den Alpen allenthalben, entlang des Vinschgauradweges war die Ausstattung mit Brunnen mehr als vorbildlich, später wurde es etwas dünner, in der Ebene mußten wir fragen, bekamen aber auch dort immer ausreichend Trinkwasser. Campingplätze gab es bis zum Gallnötschsee genug, danach war wild zelten angesagt. An der Adriaküste gibt es natürlich wieder das volle Programm touristischer Infrastruktur.
Die Route war sehr kinderfreundlich, und das Projekt, aus eigener Kraft ans Meer zu radeln, motivierend. Für Familien (und nicht nur für diese) kann ich die Tour daher uneingeschränkt zur Nachahmung empfehlen.
Wie immer stehe ich natürlich für Fragen gerne zur Verfügung

K.