Re: Familienradtour durch Tirol nach Venedig

Posted by: k_auf_reisen

Re: Familienradtour durch Tirol nach Venedig - 10/07/10 12:08 PM


Teil 4: Welschtirol (Kurtatsch – Cismon del Grappa)

24. August 2010
Kurtatsch – Tramin – Neumarkt – Kurtatsch – Neumarkt – Salurn – Masetto – S. Michele all'Adige – Nave S. Rocco – Nave S. Felice – Maso Callianer – Zambana – Lavis – Roncafort – Trient (Trento); Pergine Valsugana – San Cristoforo – Castagne
69,1 km; 284 Höhenmeter


Früh wache ich auf und beginne sogleich meine morgendliche Kulturrunde. Nach Tramin ist es nicht weit, auch wenn es ins Ortszentrum ein gutes Stück aufwärts geht. Die Kirche ist eingerüstet, die Fresken an der Außenwand daher kaum zu sehen. Innen hat man sich bereits zur Morgenmesse zusammengefunden, ich frühstücke also erst einmal. Dann kann ich mir doch noch die Pfarrkirche zur Hl. Julitta und Hl. Quirikus ansehen, auch wenn man leider gleich nach der Messe sämtliche Lichter ausschaltet und es dann stockfinster ist.


Am frühen Morgen in Tramin

Durch steile Gassen, gesäumt von einigen alten Ansitzen, radle ich hinauf zur Kirche St. Jakob in Kastelaz. Wie befürchtet hat sich die mühsame Auffahrt insofern nicht gelohnt, als die Kirche versperrt und das freskierte Innere somit unzugänglich ist. Immerhin hat man von hier oben aber einen schönen Blick auf Tramin, die Weinberge, das Bozner Unterland bis zur Salurner Klause und in die andere Richtung auf den Kalterer See.


Hier kommt er her, der Gewürztraminer: Blick über Tramin Richtung Salurner Klause


Über dem Kalterer See erhebt sich die Ruine Leuchtenburg

Durch andere Gassen rolle ich hinunter zur Kirche St. Valentin am Friedhof, wo man zumindest durch zwei Fenster einen Blick ins Innere auf die Wandmalereien erhaschen kann.


Inmitten der Weinberge: St. Valentin am Friedhof bei Tramin

Ich fahre quer über das Tal hinüber nach Neumarkt. Die Pfarrkirche ist nicht allzu interessant, aber das Zentrum des Ortes ist ausgesprochen nett mit urigen, von breiten, niedrigen Laubengängen gesäumten Gassen. In einer davon findet gerade ein Markt statt, und viel Volks flaniert an den Ständen vorbei. Ich mache noch den Abstecher in den Ortsteil Vill, um mir die dortige Marienkirche anzusehen, die unter anderem hübsche Fresken aufzuweisen hat.


Laubengassen im Zentrum von Neumarkt


Ganz spannungsfrei scheint das Verhältnis der Volksgruppen in Neumarkt doch nicht zu sein: rassistischer Opferstock in der Pfarrkirche


In den Gassen von Neumarkt


Unsere Liebe Frau in der Vill bei Neumarkt

Nun ist es Zeit, zum Campingplatz und den anderen zurückzukehren. Wir fahren gemeinsam zur Etsch, wo wir wieder auf den Radweg stoßen. Dieser führt am Damm gen Süden, links wieder ausgedehnte Apfelplantagen, rechts der Fluß. Langsam verengt sich das Tal, die Felswände rücken näher zusammen, die Salurner Klause grüßt. Immer näher kommen wir dem – abgesehen von Zermatt in der Schweiz – südlichsten Rand des geschlossenen deutschen Sprachraums. Dann ist Salurn erreicht, weiter südlich gibt es nur noch einige altertümliche deutsche Sprachinseln. Eindrucksvoll erhebt sich die Haderburg in den Felsen über dem Ort.


Hoch über Salurn bewacht die Haderburg die Salurner Klause

Das Tal der Etsch wird jetzt ziemlich eng, und durch die Salurner Klause verlassen wir Südtirol, erreichen Welschtirol, die Provinz Trient, und damit das italienischsprachige Gebiet. Der Radweg verliert nichts von seiner Qualität. Auch hier säumen Apfelbäume den Weg, und bald weitet sich das Tal auch wieder ein wenig. In Sankt Michael an der Etsch (S. Michele all'Adige) machen wir an einem Brunnen im Dorf eine Jausenpause.


Der Etschtalradweg durchquert die Rotaliana-Ebene mit ihren Obstgärten


Blick zurück etschaufwärts Richtung Salurner Klause

Hatte die Wetterprognose für Südtirol Regen angesagt, so war das Unterland offenbar begünstigt, bislang hat die Sonne geschienen. Jetzt kommen zwar Wolken auf, aber der Regen beschränkt sich auf ein paar Tropfen hie und da. Dafür bläst ein kräftiger Südwind, der uns aufgrund der Düsenwirkung schon vor der Salurner Klause zu schaffen gemacht hatte und nun erneut auffrischt. Das sanfte Gefälle macht der Sturm jedenfalls mehr als wett, und manche Böen rütteln ganz ordentlich am Gefährt.
Vor uns rücken die steilen Felswände der Paganella immer näher, das Spiel der Wolken trägt das Seine dazu bei, diese noch beeindruckender wirken zu lassen. Der Radweg führt am Fuß der Felsen vorbei, macht dann aber einen großen Schlenkerer. Auto- und Eisenbahn überqueren zwar die Mündung des Laifserbaches (Avisio) auf einer Brücke, später aber hat man das Areal zum Naturschutzgebiet erklärt, und der Radweg macht hier einen größeren Umweg, führt nach ein paar Kurven unter den anderen Verkehrswegen hindurch am einen Ufer hinauf nach Laifs (Lavis) – zum Glück schiebt uns der Wind hier mehr als er bremst –, dort über den Bach und jenseits wieder hinunter zur Etsch, bevor er sich in Richtung Trient wendet.


Futuristische Autobahnbrücke vor den zeitlosen Felsmassen der Paganella

Da wir die Steigung hinauf nach Fersen im Suganertal (Pergine Valsugana) den Kindern zuliebe per Bahn bewältigen wollen, steuern wir in Trient zunächst den Bahnhof an, um uns nach Verbindungen zu erkundigen. Wir haben etwas Zeit und beschließen, noch einkaufen zu gehen. Weil aber der Supermarkt stark frequentiert ist, kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig zum Zug und nehmen den nächsten eine Stunde später.
Die Fahrkarte ist wohlfeil, die Kinder fahren im Rahmen einer Familienkarte ohnehin gratis, und auch für die Räder bezahlen wir nur 1,- € pro Stück. Zunächst freuen wir uns auch über den angenehm niedrigen Zustieg in den Wagen. Dann allerdings können wir nur noch die Köpfe schütteln über das absurde Fehldesign: man hat zwar ein großzügiges Drittel des Waggons für das Fahrradabteil gewidmet, aber anstatt dies im mittleren Teil zu tun, ist vorgesehen, die Räder über schmale, steile Stufen hinaufzuquälen. Da geht der Vorteil des niedrigen Einstiegs wieder völlig flöten. Also wer sich das wohl ausgedacht hat? Dabei könnte es so einfach sein … Der Schaffner besteht darauf, daß wir alle Fahrräder tatsächlich hinaufschleppen. Immerhin akzeptiert er schlußendlich unsere Weigerung, für die knapp 15 Kilometer lange Strecke auch noch mühsam das ganze Gepäck abzupacken und die Räder in die Haken an der Decke zu hängen. Ein anderes Rad hängt dort und ist ziemlich im Weg. Also: guter Ansatz, aber schwachsinnige Durchführung.
Nun gut, besser schlecht gezogen als gut getreten, wir ersparen uns damit ja ca. 250 Höhenmeter. Das Aussteigen gestaltet sich dann auch weniger mühsam als befürchtet, und bald radeln wir dem Gallnötschsee (Caldonazzosee, Lago di Caldonazzo) entgegen. An dessen Ufer geht es ein wenig auf und ab, dann haben wir den Campingplatz „Punta Indiani“ erreicht. Es gibt Platz genug und zum Glück besondere Konditionen für Radreisende. Wir bekommen eine große Parzelle mit Blick auf den See. Es ist zwar schon dunkel, aber bei Vollmond kocht es sich doch noch ganz gut. Ich verarbeite die zahlreich aufgelesenen Falläpfel …


Vollmond über dem Gallnötschsee



25. August 2010
Castagne – Calceranica – Levico Terme – Marter – Borgo Valsugana – Grigno – Tezze – Pianello –
57,8 km; 104 Höhenmeter


Heute mache ich keine Morgenbesichtigung, da es in der näheren Umgebung wenig kunsthistorisch Interessantes zu geben scheint, und extra noch einmal nach Trient hinunterzufahren, scheint mir dann doch zu aufwendig. Stattdessen widme ich mich dem in den letzten Tagen sträflich vernachlässigten Tagebuch und gehe nach dem Frühstück mit den Kindern ausführlich im See schwimmen.
Die Mittagsstunde ist schon vorbei, als wir uns auf den Weg machen. Ein guter Radweg führt hier am südlichen Ufer des Sees entlang. Wir folgen jetzt dem Valsuganaradweg, nach wie vor identisch mit dem (Hauptast) der Via Claudia Augusta. An einer Weggabelung bieten sich zwei Möglichkeiten; wir entscheiden uns dafür, weiter dem Ufer zu folgen und gelangen so nach Kalkrein (Calceranica al Lago) am Südufer des Gallnötschsees. Auch hier herrscht intensiver Bade- und Campingbetrieb.


Auf der Uferpromenade am Gallnötschsee


Blick zurück nach S. Cristoforo und nach Fersen mit der Burg


Strandbad am Südende des Sees mit Blick auf Kalkrein

Durch Apfelgärten geht es weiter, doch verpassen wir eine (nicht beschilderte) Abzweigung und stehen dann etwas ratlos an einer Kreuzung, von wo es nur noch Auffahrten auf die Schnellstraße zu geben scheint. Vorbeikommende Ortskundige weisen uns den rechten Weg, der bald als schön angelegter, schmaler Radweg in beständiger Abfahrt an der hier noch als Bächlein fließenden Brandau (Brenta) hinabführt. Unterhalb von Löweneck (Levico Terme) liegt am Weg ein „Bicigrill“ mit Spielplatz, wo wir eine ausführliche Pause machen. Kleine Forellen schwimmen im Brenta.
Das Suganertal (Valsugana) hatte ich von lange zurückliegenden Radtouren irgendwie beeindruckender in Erinnerung, eigentlich ist die Landschaft hier nicht besonders aufregend – was sich aber bald ändern wird; den oberen Abschnitt scheint meine Erinnerung ausgeblendet zu haben. Andererseits läßt es sich auf dem damals noch nicht existenten Radweg herrlich fahren. Hatte es im Vinschgau jede Menge Trinkwasserbrunnen entlang des Etschradweges gegeben, so waren diese im Unterland schon spärlicher geworden, und auch die Valsugana scheint nicht damit gesegnet zu sein. So sind wir froh, als wir einen Rast- und Spielplatz am Radweg erreichen, der auch über einen Brunnen verfügt. Es wird gejausnet, und wir plaudern mit anderen Radlern über unsere Tour.


In der Alta Valsugana: Blick über Barco auf die Berge

Jetzt ändert sich die Landschaft, das Tal wird enger, und vor uns taucht die auffällige Burg Castel Telvana oberhalb von Burg im Suganertal (Borgo Valsugana) auf mit ihrem hohen, schlanken Turm. Auch der Ort ist nett, malerisch fließt die Brandau zwischen hübschen Häusern auf den Turm der Kirche zu. Jetzt, am Mittwoch nachmittag, haben die Geschäfte leider zu, leichtfertig geben wir uns der Hoffnung hin, anderswo noch unsere Vorräte ergänzen zu können.


Mittelalterlicher Wolkenkratzer: Castel Telvana thront über Burg im Suganertal


Der Brenta fließt durch Borgo Valsugana


Hübscher Winkel in Burg

Jetzt verlassen wir die Via Claudia Augusta. Diese würde, nicht ohne zusätzliche Steigungen, über Felters (Feltre) und Tervis (Treviso) weiter östlich dem Meer entgegenstreben. Wir aber wollen der Brandau folgen. Immer steiler werden die Felsen rundum, ein letztes größeres Talbecken öffnet sich. Schon von Ferne sieht man Castel Ivano auf der anderen Talseite thronen, und während sich der Radweg auf und ab und über mehrere Brücken durch das enger werdende Tal schlängelt, kommt diese Burg immer näher.


Bequemer Radweg durchs Suganertal bei Neuenhaus (Castelnuovo)


Castel Ivano beherrscht die Nordseite der Bassa Valsugana

Der Radweg führt an einem größeren Picknick- und Spielgelände vorbei, von dem aus man in wenigen Schritten den kleinen Laghetto Bigonda erreicht. Eiskaltes Wasser quillt aus einer Karstquelle unter einer Felswand heraus, bildet ein flaches Becken und strömt dann dem Brenta entgegen. Mir fährt die Kälte ja durch Mark und Bein, aber die Kinder waten doch ein gutes Stück den Bach hinunter.


Idyllisch, aber eiskalt: Laghetto Bigonda


Mächtige Felswände auf der Nordseite der Valsugana im Abendlicht

Eigentlich scheint sich der Fleck zum (wild) zelten zu eignen, aber ich muß jedenfalls noch einkaufen, und so hilft es nichts; wenn überhaupt besteht noch in Grims (Grigno) eine Chance. Ich ärgere mich ein wenig, daß ich in Burg nicht entschlossener nach einem offenen Laden gesucht habe. Die Hoffnung auf einen solchen reduziert eine Passantin am Ortseingang deutlich, die unter Verweis auf den Mittwochnachmittag meint, es sei wohl alles zu. Wir versuchen es trotzdem und finden nach ihren Angaben doch einen kleinen Supermarkt, der noch ein paar Minuten offen hat. Paßt. Einen Brunnen gibt es auch im Ort.


Das Ende Tirols: das Suganertal wird bei Grims zur Schlucht

Wir kehren zum Radweg zurück und folgen diesem durch die Schlucht. Hoffnung auf einen Campingplatz haben wir wenig, aber wir fahren trotzdem noch ein Stück weiter. Auf einer Nebenstraße geht es hier durch die letzten Orte Tirols, dann verlassen wir dieses nach ca. 470 Kilometern und erreichen Venetien (Veneto).
Jetzt wäre langsam ein Zeltplatz gut, es wird spät und beginnt zu dämmern. Hier jedoch rücken die Felsen so eng zusammen, daß kaum noch Platz ist, und so radeln wir weiter. Etwas schade, denn es folgt der beeindruckendste Teil der Schlucht; der Radweg führt ein Stück weit auf einer schmalen Metallbrücke am Fuß der Felsen dahin. Später weitet sich das Tal ein wenig, der Radweg verläuft jetzt auf einer Nebenstraße am rechten Ufer der Brandau, es geht aber nach wie vor rasant bergab. Schließlich finden wir doch ein Plätzchen am Fluß auf einer kleinen Aufläche gegenüber von Sismunth (Cismon del Grappa). Wir nützen das letzte Tageslicht, um das Zelt aufzustellen und zu kochen.

Fortsetzung folgt